PILATUS: «Wir investieren 100 Millionen in Stans»

Der Flugzeughersteller steht vor einem immensen Wachstumssprung. In Stans werden 200 Mitarbeiter neu eingestellt, und bald wird der neue PC-24 präsentiert.

Interview Hans-Peter Hoeren
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Der Verwaltungsratspräsident Oscar J. Schwenk hat volle Auftragsbücher, wovon auch der Standort Stans stark profitiert. Im Bild steht er in einer Produktionshalle des PC-12. (Bild: Manuela Jans)

Der Verwaltungsratspräsident Oscar J. Schwenk hat volle Auftragsbücher, wovon auch der Standort Stans stark profitiert. Im Bild steht er in einer Produktionshalle des PC-12. (Bild: Manuela Jans)

Oscar J. Schwenk*, Umsatz und Gewinn der Pilatus-Flugzeugwerke sind 2012 deutlich zurückgegangen, gleichzeitig haben Sie so viel Aufträge wie noch nie in den Büchern. Wie zufrieden sind Sie?

Oscar J. Schwenk: Mich interessiert bei den Ergebnissen immer der Trend der nächsten drei bis fünf Jahre. Dass Umsatz und Betriebsgewinn zurückgehen, hatten wir erwartet. Entscheidend ist, dass wir für über 2,4 Milliarden Franken neue Aufträge akquirieren konnten. Ende 2011 reichte unser Auftragsbestand gerademal für 152 Tage Arbeit, aktuell reicht er theoretisch bis Anfang Februar 2017.

Das heisst, die Ernte aus den Grossaufträgen für Trainingsflugzeuge aus Indien, Katar und Saudi-Arabien werden Sie erst noch einfahren?

Schwenk: Ganz genau. Wir haben 2012 viele Vorleistungen erbracht, die sich erst im laufenden und in den folgenden Jahren in den Büchern niederschlagen werden. In diesem Jahr und im kommenden Jahr rechne ich mit Jahresumsätzen von jeweils 1 Milliarde Franken. Mir kommt keine Firma in den Sinn, die bereits zwei Jahresumsätze in den Büchern hat.

Was meinen Sie genau?

Schwenk: Beispielsweise haben wir Vorleistungen für den Bau des PC-7 Mk II für die indische Luftwaffe erbracht, die wir erst noch in Rechnung stellen müssen. Zudem schreiben wir jedes Jahr Entwicklungskosten für unser neues Businessflugzeug, den PC-24, ab. Das sind mittlerweile über 250 Millionen Franken, insgesamt rechnen wir hier mit Entwicklungskosten von rund einer halben Milliarde Franken. Diese finanzieren wir aus eigenen Mitteln.

Ihre Montagehallen sind ausgelastet wie nie zuvor. 150 neue Stellen wurden 2012 allein in Stans neu geschaffen, 200 Mitarbeiter sollen in diesem Jahr eingestellt werden. Wie schwierig gestaltet sich die Rekrutierung?

Schwenk: Es ist eine grosse Herausforderung, zu einem bestimmten Zeitpunkt das notwendige Fachpersonal zu finden. Wir suchen vor allem Ingenieure, Mechaniker, Flugzeugtechniker und Qualitätsmanager. Es geht fast ausnahmslos um feste Stellen.

Wie viel von Ihrem Personalbedarf können Sie in der Schweiz abdecken?

Schwenk: Ungefähr die Hälfte. Dann rekrutieren wir viel Personal aus Deutschland, England, aber auch aus Indien und Australien. Aktuell rekrutieren wir intensiv in Südafrika. Hier wurden von der staatlichen Rüstungsindustrie rund 300 Mitarbeiter auf die Strasse gestellt, die allesamt im Flugzeugbau tätig waren. Von diesen haben wir die besten Teams eingestellt. Wir brauchen das Personal nicht nur, um Flugzeuge neu zu bauen, sondern auch für den Unterhalt im jeweiligen Land. In den nächsten fünf Jahren beispielsweise benötigen wir über 50 Leute in Katar, die nur für Unterhaltsarbeiten zuständig sind. Wir werden generell im Ausland substanziell mehr Leute brauchen für den Unterhalt der Flugzeuge.

Sie stellen gesamthaft 400 neue Mitarbeiter ein, haben so viel Aufträge wie nie und entwickeln ein neues Flugzeug. Kann Pilatus das aus eigener Kraft stemmen?

Schwenk: Wir stemmen die gesamten Investitionen und Vorleistungen aus eigener Kraft. In Stans werden wir in den nächsten fünf Jahren aus den laufenden Gewinnen rund 100 Millionen Franken in die neue Infrastruktur investieren. Natürlich ist das eine Riesenbelastung, aber wir werden das schaffen. Das Wichtigste ist bei all diesen Herausforderungen, den Kunden immer in den Mittelpunkt zu stellen und die entsprechende Qualität zu gewährleisten. Wir dürfen den Pilatus-Spirit nicht verlieren.

Was macht den Pilatus-Spirit aus?

Schwenk: Jedem Mitarbeiter muss klar sein, dass wenn es der Pilatus gut geht, es allen gut geht. Das heisst notfalls auch auf ein wenig Freizeit zu verzichten, wenn der Kunde ein Problem hat.

Es dürfte eine grosse Herausforderung sein, Wohnraum für 400 neue Mitarbeiter in der Region zu finden.

Schwenk: Im Kanton Nidwalden gibt es definitiv viel zu wenig günstige Wohnungen. Das Angebot im Kanton richtet sich vor allem an Familien mit einem Monatseinkommen von 10 000 Franken, von unseren Arbeitern kann das kaum jemand bezahlen. Der Kanton muss dafür sorgen, dass diejenigen, die hier schaffen und Steuern zahlen, auch ein Wohnungsangebot vorfinden, das sie bezahlen können. Das wäre für mich eine Aufgabe der Wirtschaftsförderung. Pilatus hat diesbezüglich beim Kanton vorgesprochen.

Wie könnte der Kanton das Wohnangebot verbessern?

Schwenk: Er könnte günstig Land abgeben, auf dem wir Wohnungen bauen könnten. Das haben Firmen wie Bell und Escher-Wyss früher auch so gemacht.

Pilatus macht einen massiven Wachstumssprung. Wie stellen Sie sicher, dass es für das neue Personal auch nach 2015 ausreichend Arbeit gibt?

Schwenk: Wir dürfen uns sicher nicht darauf konzentrieren, jetzt nur die bestehenden Aufträge abzuarbeiten. Spätestens Mitte 2015 brauchen wir einen weiteren Grossauftrag, damit wir 2017 mit den Auslieferungen beginnen können. Ich bin zuversichtlich, dass wir das schaffen werden. Wir haben fantastische Produkte und sind ein absolut zuverlässiger Partner.

Wo sehen Sie Potenzial für neue Aufträge?

Schwenk: Es gibt sicherlich grosses Potenzial bei den Anschlussaufträgen für die indische Luftwaffe. Hier sieht der im vergangenen Jahr geschlossene Vertrag eine Option für die Lieferung weiterer Flugzeuge vor. In Australien wird es zudem in den nächsten zwei, drei Jahren eine Grossausschreibung geben, die australische Luftwaffe trainiert ja bereits auf PC-9-Flugzeugen. Das wären zwei grosse Geschäfte. Das sind jeweils Aufträge in der Grössenordnung eines Jahresumsatzes von Pilatus. Auch die schwedische und die französische Luftwaffe haben in den nächsten Jahren Bedarf an neuen Trainingsflugzeugen. Wir setzen aber künftig nicht nur auf Trainingsflugzeuge, sondern bauen mit dem PC-24 ein völlig neues Geschäftsfeld auf, das allein 400 Leute braucht.

Gerade der Verkauf des Businessjets PC-12 harzt. Warum setzen Sie gerade da jetzt auf ein neues Flugzeug?

Schwenk: Der Markt für Businessjets ist in einem Tief, aber er wird in absehbarer Zeit zurückkommen. Allgemein hängt das Auftragsvolumen in dieser Sparte stark vom Wirtschaftswachstum in den USA ab. Es macht mehr Sinn, ein neues Flugzeug zu entwickeln, wenn der Markt an einem Tiefpunkt ist, und das Produkt zu lancieren, wenn der Markt wieder läuft. Insofern ist unser Timing völlig richtig.

Was kann der PC-24, was andere Businessjets nicht können?

Schwenk: Wir positionieren den PC-24 in einem Nischenmarkt mit vier bis fünf Mitbewerbern. Dort wollen wir die Nummer 1 sein. Der PC-24 kann alles, was ein Businessjet können muss. Zusätzlich verfügt er beispielsweise über eine grosse Frachttüre und eine grosse Kabine und kann auch auf Rasen- oder Schotterpisten landen. Am 21. Mai werden wir ein lebensechtes Modell (Mock-up) an der Luftfahrtmesse Ebace in Genf vorstellen. Den Termin für den Rollout werden wir dort bekannt geben. Bis aber das erste Flugzeug ausgeliefert werden kann, wird es aber noch drei bis vier Jahre dauern.

Hinweis

* Oscar J. Schwenk (68) ist Verwaltungsratspräsident der Pilatus-Flugzeugwerke. Bis Ende 2012 war er zudem CEO des Unternehmens.