Pionier, Lebemann, tragische Figur: Ex-UBS-Chef Marcel Ospel ist tot

Der ehemalige UBS-Chef Marcel Ospel ist 70-jährig gestorben. Er schuf Grosses - und das Streben nach Grösse wurde ihm zum Verhängnis. Ein Nachruf von Chefredaktor Patrik Müller, der Marcel Ospel mehrfach begegnete und interviewte.

Patrik Müller
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Marcel Ospel, hier an seiner letzten Generalversammlung, gut einen Monat vor seinem Rücktritt 2008.

Marcel Ospel, hier an seiner letzten Generalversammlung, gut einen Monat vor seinem Rücktritt 2008.

Alessandro Della Bella / KEYSTONE

Mit einem Knall trat er bei der UBS zurück, das war am 1. April 2008, als die Grossbank in ihrer existenziellen Krise steckte, und seither zeigte sich Marcel Ospel nicht mehr in der Öffentlichkeit. Der Basler war hoch gestiegen, höher wohl als jeder Banker seit Alfred Escher, und tief gefallen. Aber nach seinem Rücktritt: Keine VIP-Anlässe, keine Referate, keine Interviews mehr.

Mit einer Ausnahme. Als die UBS im Februar 2012 im Hallenstadion ihr 150-Jahr-Jubiläum feierte, war Ospel anwesend. Wie selbstverständlich sass er da, am Tisch Nummer 45, zusammen mit dem Ehepaar Silvia und Christoph Blocher. Den SVP-Nationalrat hatte Ospel auf dem Höhepunkt seiner Macht, im Jahr 2003, als Bundesrat empfohlen - danach sah sich Ospel, zu Recht oder zu Unrecht, als heimlicher Königsmacher.

Rauchen als subversiver Akt in einem feindlichen Umfeld

An jenem Abend im Hallenstadion stieg am Tisch Nummer 45 immer mal wieder ein Räuchlein auf. Für einen wie Ospel gilt ein Rauchverbot eben nicht. Während Interviews, die er bis zu seinem Fall im Duktus eines Staatspräsidenten gab, war es Fotografen untersagt, ihn während des Rauchens zu fotografieren.

Legendär waren seine Interviews am WEF. Jedes Jahr gab er dort, ohne Krawatte und mit gelbem Pullover, einer grossen Zeitung ein ausführliches Interview, in dem er den Zustand des Finanzplatzes, der Schweiz und der Welt beschrieb und dem Bundesrat Ratschläge erteilte. Sein Wort hatte in den 1990er und zu Beginn der 2000er-Jahre mehr Gewicht als dasjenige jedes anderen Wirtschaftsführers. Das änderte sich auch 2001 nicht, als Ospel beim Swissair-Grounding zum Buhmann der Nation wurde (zu Unrecht, wie sich später zeigte).

Marcel Ospel (links), vom Schweizerischen Bankverein (SBV)., und Mathis Cabiallavetta, von der UBS.
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Bundesrat Kaspar Villiger (links), UBS-CEO Marcel Ospel (mitte) und Bundespräsident Moritz Leuenberger (rechts) orientierten am 22. Oktober 2001 im Bundeshaus in Bern über ein Finanzpaket zur Rettung der Schweizer Luftfahrtindustrie. Der Bundesrat und die Schweizer Wirtschaft gaben an einer gemeinsamen Medienkonferenz ein milliardenschweres Paket zur Rettung der angeschlagene Schweizer Luftfahrtindustrie bekannt.
Demo des Swissair-Personal vor dem Hauptsitz Balsberg. Die Grossbanken kamen schlecht weg. UBS-Chef Marcel Ospel wurde vorgeworfen, im wichtigsten Moment abwesend gewesen zu sein. (3.10.2001)
UBS-Verwaltungsratspraesident Marcel Ospel bereitete sich am Montag, 4. März 2002 in Bern auf die Anhörung der Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Ständerates in Sachen Swissair vor. Rechts im Bild die FDP-Staenderaetin Christiane Langenberger.
Marcel Ospel, Verwaltungsratspräsident der UBS, an Generalversammlung in Kloten. Die Aktionäre haben an der GV Jahresbericht und Konzernrechnung für 2004 genehmigt und den Mitgliedern des Verwaltungsrates und der Konzernleitung Entlastung erteilt.
UBS-Chef Marcel Ospel, am Zücher Sechseläuten 2007.

Marcel Ospel (links), vom Schweizerischen Bankverein (SBV)., und Mathis Cabiallavetta, von der UBS.

© Reuters Photographer / Reuters / X00446,THE

Swissair-Grounding machte ihn zum Buhmann der Nation

Vielleicht sah Ospel das Rauchen an diesem Abend im Hallenstadion als subversiven Akt. Jedenfalls sagte er zum Schreibenden: «Es kostete mich einige Überwindung, an diese Jubiläumsfeier zu kommen.» Das Umfeld hier war ihm eher feindlich gesinnt, abgesehen von seinem Sitznachbarn. Die neuen UBS-Machthaber - Sergio Ermotti regierte nun als CEO, auch der inzwischen ebenfalls abgetretene (aber ehrenvoll) Oswald Grübel war da - hatten nie einen Hehl daraus gemacht, dass mit der Ära Ospel abgeschlossen werden müsse, mit dieser Kultur des unbändigen Wachstumsstrebens, das in ihren Augen die UBS in der Subprime-Krise ins Verderben gestürzt hatte.

«Neuanfang», «Bescheidenheit», «weniger Risiko» lauteten die Parolen, und sie waren mehr oder weniger direkt gegen Ospel gerichtet. Dass die Hauptansprache im Hallenstadion von Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf gehalten wurde, auch sie eine Ospel-Kritikerin, dürfte ihn erst recht nicht vom Rauchen abgehalten haben.

Aus einfachen Verhältnissen nach ganz oben

Auf dem Zenit seiner Macht hatte Ospel bis zu 25 Millionen Franken pro Jahr kassiert. Das ist etwa doppelt so viel, wie die Grossbank-Chefs heute bekommen. Ospel brachte es als erster angestellter Manager in die «Bilanz»-Liste der 300 reichsten Schweizer; bis dahin schaffte man es nur als Unternehmer oder Erbe in diesen erlauchten Kreis.

Ospel aber war weder das eine noch das andere. Er war ein Aufsteiger. Aufgewachsen in Kleinbasel in einfachen Verhältnissen, absolvierte er das KV, danach die HWV. Einen Uni-Abschluss konnte er, anders als sonst auf den Teppichetagen der Grossbanken üblich, nicht vorweisen. Seine Welt war die Praxis, er war ein Macher, kein filigraner Bedenkenträger wie der letzte CEO unter Präsident Ospel, Peter Wuffli.

UBS-Chef Marcel Ospel mit Gattin Adriana Bodmer, Daniela Weisser, Freundin von Opernhaus-Intendant Alexander Pereira (vlnr.) am Opernball Zürich, 8. März 2008 - weniger als ein Monat später war er weg und tauchte ab.

UBS-Chef Marcel Ospel mit Gattin Adriana Bodmer, Daniela Weisser, Freundin von Opernhaus-Intendant Alexander Pereira (vlnr.) am Opernball Zürich, 8. März 2008 - weniger als ein Monat später war er weg und tauchte ab.



Bruno Torricelli / SON

Mit 27 Jahren begann Ospel beim Schweizerischen Bankverein (SBV), damals eine der vier Schweizer Grossbanken. Erst arbeitete er im Marketing, später schickte ihn die Bank nach London und New York, wo er die Kapitalmärkte lieben lernte - und wohl auch die Freude am Risiko, die im später zum Verhängnis werden sollte.

Nach einem Abstecher zur US-Investmentbank Merrill Lynch kehrte er 1987 zum SBV zurück. Dann gings Stufe um Stufe nach oben: Leiter Wertschriftenhandel, 1995 Chef der Investmentbank, 1996 schliesslich CEO.

Architekt der Fusion von Bankverein und Bankgesellschaft zur UBS

1997 folgte der grosse Coup: Ospel fädelte die Fusion mit der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG) ein, die um einiges grösser war als der SBV – trotzdem besetzte dieser die wichtigsten Positionen in der neu formierten UBS (das stand anfänglich noch für «United Bank of Switzerland»). Ospel selber wurde CEO der UBS.

Doch das reichte ihm nicht. Als Verwaltungsratspräsident richtete er sich später das berüchtigte «Chairman’s Office» ein; er war nun Alleinherrscher. Weil die UBS-Gewinne sprudelten wie nie zuvor, wagte niemand, Ospel zu bremsen. Er hatte mit der UBS in der Schweiz Grosses geschaffen, aber er wollte die Bank auch weltweit zu einer der ganz Grossen machen – und ging mit Firmenübernahmen und Investments vor allem in den USA enorme Risiken ein.

Subprime-Krise und Steueraffäre waren das Ende

Als der Markt 2007 drehte (Subprime-Krise) und die UBS zudem wegen Steuervergehen ins Visier der US-Justiz geriet, krachte die Ospel-Strategie in sich zusammen. Dutzende von Milliarden musste die UBS abschreiben. Ein halbes Jahr nach seinem Rücktritt klopfte die UBS beim Bund um Staatshilfe an.

Das Ende dieser bemerkenswerten Karriere war traurig. Ospel selber aber war es nicht, wie Leute sagen, die mit ihm Kontakt hatten: Er wirke nicht verbittert. Mit Adriana Bodmer, die er 2006 heiratete, hatte er 2009 nochmals Kinder – Zwillinge. Aus erster und zweiter Ehe hatte er bereits je zwei Kinder. Ospel golfte und besuchte inkognito die Basler Fasnacht. Doch zuletzt war er schwer krank. In der Nacht auf Sonntag ist er in Basel gestorben.

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