PIRELLI: Börsengang als Balsam für die Seele

Zwei Jahre nach der Übernahme von Pirelli durch Chemchina will der staatliche Chemiegigant aus dem Reich der Mitte den italienischen Reifenhersteller zurück an die Börse bringen. Es wird Europas grösster Börsengang in diesem Jahr.

Dominik Straub, Rom
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Ein Reifenspezialist von Pirelli am Grossen Preis von Russland in Sotschi. (Bild: Valdrin Xhemaj/Keystone (Sotschi, 28. April 2017))

Ein Reifenspezialist von Pirelli am Grossen Preis von Russland in Sotschi. (Bild: Valdrin Xhemaj/Keystone (Sotschi, 28. April 2017))

Dominik Straub, Rom

Chemchina hatte vor zwei Jahren für rund 7,4 Milliarden Euro 65 Prozent von Pirelli übernommen und sich damit Zugang zu dem rentablen Markt für Premiumreifen gesichert. Anschliessend wurde der italienische Reifenhersteller von der Börse genommen.

Für den 4. Oktober ist nun die Rückkehr geplant: Wie Pirelli vor kurzem mitgeteilt hat, sollen zwischen 35 und 40 Prozent der Aktien zum Kauf angeboten werden. Die Preisspanne bewegt sich zwischen 6.30 und 8.30 Euro je Aktie. Mit einem Volumen von bis zu 3,3 Milliarden Euro könnte Pirelli zum grössten Börsengang des Jahres in Europa werden.

Eine bewegte Geschichte

Chemchina wird nach dem Börsengang noch 45 bis 49 Prozent der Pirelli-Anteile halten. In den zwei Jahren seit der Übernahme hätten die Chinesen «Respekt für die Minderheitsaktionäre» gezeigt, sagte Pirelli-Chef Marco Tronchetti Provera. Gleichzeitig signalisiere Chemchina mit dem Börsengang, dass Staatskonzerne aus der Volksrepublik einen marktfreundlichen Ansatz für ihre Investitionen in Europa hätten. In den zwei Jahren unter chinesischer Führung sei die Verschuldung deutlich abgebaut worden, betonte Tronchetti Provera weiter. Möglich sei dies durch die Abtrennung der Lastwagen­sparte, die Konzentration auf das «High-Value-Geschäft» sowie durch den positiven Cashflow des vergangenen Jahres geworden.

Der Name Pirelli wird heute automatisch mit teuren Qualitätsautoreifen und Rennsport verbunden; Pirelli ist sozusagen der Ferrari unter den Autoreifen. Doch das 1872 in Mailand gegründete Unternehmen blickt auf eine unruhige Firmengeschichte zurück, wovon der bevorstehende Börsengang bloss das vorerst letzte Kapitel darstellt. Die Besitzverhältnisse sind mehrfach auf den Kopf gestellt worden, allein in den acht vergangenen Jahren fünfmal. Der Enkel des Firmengründers, Leopoldo Pirelli, hatte ab den Siebzigerjahren nacheinander versucht, die Konkurrenten Dunlop, Firestone und schliesslich Continental zu übernehmen, und sich dabei gründlich verhoben. Die finanziellen Schwierigkeiten waren derart gross geworden, dass sogar das Pirelli-Hochhaus in Mailand (der «Pirellone») verkauft werden musste. Im Jahr 1992 übernahm Tronchetti Provera die Führung des Konzerns. Der Manager trennte sich von allem, was nicht das Kerngeschäft betraf. Gleichzeitig wurde er vom Manager zum Eigentümer. Die Milliarden, die dank der Abspaltungen in die Firmenkasse flossen, verwendete Tronchetti Provera für eine neue, noch teurere Übernahme: Zusammen mit anderen Partnern übernahm Pirelli im Jahr 2001 die Kontrolle von Telecom Italia. Insgesamt investierte der Reifenhersteller 6,5 Milliarden Euro in den privatisierten staatlichen Telekomkonzern – um sich 2007 mit einem Verlust von 3,2 Milliarden Euro wieder zurückzuziehen. Von da an war der ehemalige Jäger Pirelli der Gejagte. Der Reihe nach stiegen die Banken Uni­credit und Intesa Sanpaolo sowie im Jahr 2014 auch der russische Energiekonzern Rosneft bei Pirelli ein – bis schliesslich Chemchina zuschlug.

Ähnliches Vorgehen bei Syngenta

Die Rückkehr von Pirelli an die Börse ist Balsam für die italienische Seele: Dass der Reifenhersteller vor zwei Jahren «an die Chinesen» ging, war als Schmach empfunden worden, zumal bereits zuvor viele Traditionsmarken von ausländischen Investoren oder Konkurrenten übernommen worden waren. An erster Stelle ist dabei die chronisch defizitäre Alitalia zu nennen, die seit 2014 zur arabischen Airline Etihad gehört und für die nun erneut ein Käufer gesucht wird. Nicht umsonst wird der bevorstehende Börsengang von Pirelli bereits seit Tagen mit ganzseitigen Zeitungsinseraten beworben, auf denen drei Formel-1-Reifen in den Nationalfarben Grün, Weiss und Rot zu sehen sind: Der Börsengang wirkt wie eine Rückkehr Pirellis nach Italien, obwohl Chemchina mit ihren knapp 50 Prozent de facto nach wie vor über eine Kontrollmehrheit verfügen wird.

Ein ähnliches Vorgehen wie bei Pirelli hat Chemchina im Übrigen auch beim Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta in Aussicht gestellt. Auch hier denkt Chemchina nach der Übernahme und der Dekotierung über einen erneuten Börsengang nach.