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Plastik statt Eis: Eine Luzerner Firma erfindet das Schlittschuhlaufen neu

Wegen einer Fernsehsendung kündigte Viktor Meier vor wenigen Jahren einen gutbezahlten Job. Heute verkauft der Luzerner Plastik-Eisbahnen auf der ganzen Welt.
Raphael Bühlmann
Die Kunststoff-Eisbahn als Attraktion für die Besucher des Emmen-Centers. (Bild: PD, 23. Januar 2019)

Die Kunststoff-Eisbahn als Attraktion für die Besucher des Emmen-Centers. (Bild: PD, 23. Januar 2019)

Es war einer dieser typischen Abende eines Schweizer Werktages. Von einer wenig sinnstiftenden Arbeit gleichermassen desillusioniert wie erschöpft, neigte sich vor einigen Jahren auch für Viktor Meier ein weiterer Arbeitstag dem Ende zu. Wie Tausende andere sass auch der Luzerner Marketingmann erschöpft auf dem Sofa und zappte nach Ablenkung lechzend die Sender durch, ohne zu wissen, dass der nächste Klick sein Leben auf den Kopf stellen sollte. Rein zufällig blieb Meier bei einer BBC-Sendung hängen.

Eine Reportage über einen spanischen Ingenieur, der an künstlichen Eisfeldern forschte. «Kinder in kurzen Hosen, die in Schlittschuhen über Kunststoff glitten, als wäre es richtiges Eis», erinnert sich Meier. Ein Bild, das sich beim Luzerner einbrennen sollte und schliesslich die Initialzündung für eines der erfolgreichsten Zentralschweizer Jungunternehmen war.

Grösstes Casino als erster Kunde

Viktor Meier erkannte augenblicklich das Marktpotenzial und setzte sich direkt nach dem Fernsehbeitrag mit dem Erfinder des Plastikeises, dem Basken Toni Vera, in Verbindung. Das war im Jahr 2011. Heute baut die Innovational AG unter anderem die grösste Kunststoff-Eisbahn der Welt in Mexiko-Stadt, beschäftigt weltweit 60 Leute und macht 2019 einen zweistelligen Millionenumsatz. An der Spitze des Start-ups stehen Viktor Meier und Toni Vera. Meier war von der Idee derart begeistert, dass er seinen gut bezahlten Job bei einem Hörgerätehersteller an den Nagel hängte und seine kompletten Ersparnisse in das Projekt steckte. Die einschlägigen Finanzinstitute der Region waren weniger euphorisch, erinnert sich Meier. «Start-up-Finanzierung ist zwar auf allen Werbeplakaten zu lesen. Aber ich bekam keinen roten Rappen.» Das sei mittlerweile anders, meint er heute schelmisch. Kein Wunder. Der Zusammenschluss von Marketingprofi Meier und Tüftler Vera erwies sich als goldrichtig. Bereits der erste Vertragsabschluss war ein Volltreffer: Das grösste Casino-Hotel-Resort der Welt, das «Venetian» im chinesischen Macau, kaufte eine Kunststoff-Eisbahn, die die Luzerner Firma unter dem Markennamen Glice vertreibt. Mittlerweile habe man in über 80 Länder geliefert. Am meisten in die typischen Hockey-Länder: USA, ­Kanada, Tschechien oder Schweden. Stark seien aber auch Deutschland, Frankreich oder England, sagt Meier.

Doch auch in der Heimat ist man auf Glice aufmerksam geworden. Im Trainingscenter des HC Davos etwa. In der Bündner Hockey-Stadt hat das Luzerner Unternehmen das gesamte Eishockey-Trainingscenter konzipiert, entwickelt und gebaut. Dazu gehört auch eine 200 Quadratmeter grosse Kunsteisfläche, auf der der Nachwuchs und die erste Mannschaft seit einem Jahr trainiert. «Wir sind daran, dies als ‹Glice Elite Hockey ­Center›-Franchise weltweit zu vermarkten», so Meier.

Ein System, das sich für den Profi-Hockeyclub bewährt, wie René Müller, Ausbildungschef beim HCD, bestätigt. «Das Kunsteis ist viel günstiger im Unterhalt und bietet bei Trainingseinheiten wie Stockhandling und Shooting keine wesentlichen Nachteile.» Wird der HCD also komplett auf Kunsteis umstellen? «Nein, ich kann mir das nicht vorstellen», sagt Müller. Das Kunsteis käme gefrorenem Wasser zwar erstaunlich nahe, es sei aber eben noch nicht ganz dasselbe. «Glice ist langsamer und auch das Bremsen und Drehen ist nicht dasselbe wie auf dem normalen Eis», sagt Müller. Ein Umstand, dessen man sich in Luzern völlig bewusst ist. Zwar ersetzt das Kunsteis meistens richtiges Eis. Doch ein bedeutender Anteil des Umsatzes generiert das Unternehmen mit Glice in einem völlig neuen Kundensegment. Schlittschuhlaufen als Attraktion bei Veranstaltungen, Hotels oder Einkaufszentren und dies bis in Regionen, in denen man Schnee und Eis höchstens vom Fernsehen her kennt. Einen Viertel des Umsatzes erwirtschaftet die Innovational AG entsprechend als Vermieterin. «Dabei legen wir grosses Augenmerk auf die Gesamtlösung, das heisst eine komplette Eisbahn inklusive Banden, Schlittschuhe, Reinigungsmaschine etc., schlüsselfertig für den erfolgreichen Betrieb und Spass auf dem Eisfeld», so Meier.

Starkes Wachstum für 2020 erwartet

Den Löwenanteil des Umsatzes erwirtschaftet man aber mit dem effektiven Verkauf von Kunststoff-Eisbahnen. Dabei hat das Luzerner Unternehmen in diesem Jahr einen weiteren dicken Fisch an Land gezogen – und dies im Mutterland des Eishockeys. CCM, der weltgrösste Eishockey-Ausrüstungshersteller mit Sitz im kanadischen Montreal, baut ein Forschungslaboratorium mit einer Glice- ­Eisbahn als Herzstück.

Auch Pure Hockey, der grösste Hockey-Retailer in den USA, hat bereits in acht von insgesamt 50 Shops eine Glice-Eisbahn verlegt. Dies mit dem für Meier positiven Effekt, dass Shop-Besucher auf Glice aufmerksam würden. «Jüngst bekommen wir viele Bestellungen von Privatleuten aus den USA und Kanada, die zu Hause in der Garage oder im Garten täglich trainieren wollen», sagt Meier. Ein Geschäftsfeld, das man weiter vorantreiben wolle. «Ein riesiges Marktpotenzial, da es in Nordamerika Millionen von hockeyverrückten Familien gibt», so Meier. ­Er rechnet auch deshalb für 2020 mit einem weiteren Wachstum von 30 bis 40 Prozent. «Aber vielleicht übertrumpfen wir unsere eigenen Ziele erneut.»

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