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Präsident des Blockchain-Projekts Tezos: «Wir haben genug Geld für die Zukunft»

Das Zuger Projekt Tezos will nach dem erbitterten Streit im vergangenen Jahr nun die Blockchain-Technologie auf eine neue Stufe hieven. In Zug bezahlt Tezos Steuern, schafft Jobs und gründet einen Coworking-Space. Doch der Geist von Tezos ist dezentral. Stiftungsratspräsident Ryan Jesperson nimmt erstmals ausführlich Stellung.
Interview: Livio Brandenberg
Tezos-Präsident Ryan Jesperson (38) am Zugersee. (Bild: Stefan Kaiser, 27. November 2018)

Tezos-Präsident Ryan Jesperson (38) am Zugersee. (Bild: Stefan Kaiser, 27. November 2018)

See English version below.

Der Fall Tezos hat letztes Jahr die internationale Krypto-Szene über Monate in Atem gehalten. Das über eine Zuger Stiftung organisierte Projekt hatte im Sommer 2017 eine der weltweit grössten Krypto-Finanzierungsrunde abgeschlossen und umgerechnet 232 Millionen US-Dollar eingenommen. Präsidiert wurde die Zuger Stiftung von Krypto-Unternehmer Johann Gevers.

Zwischen ihm und dem Gründer-Ehepaar von Tezos, Arthur und Kathleen Breitman, brach im Herbst 2017 aber ein Streit um die Verwendung der Mittel aus. Das eingesammelte Geld blieb monatelang blockiert. Erst der Rückzug von Gevers und die Ernennung von Ryan Jesperson zum neuen Präsidenten der Stiftung beendete Anfang 2018 den Streit. Nun nimmt Jesperson erstmals ausführlich Stellung.

Ryan Jesperson, wie ist die Stimmung bei Tezos?

Die Stimmung ist toll. Es ist Begeisterung spürbar. Über 30 000 Personen haben am Fundraising von Tezos teilgenommen, und die Community ist weltweit am Wachsen. Das Netzwerk ist im Sommer erfolgreich gestartet, die Technologie funktioniert. Es gibt aber natürlich auch Dinge, die wir noch verbessern können. Wir konzentrieren uns jetzt voll und ganz auf die Technologie und wollen diese weiterentwickeln.

Was läuft denn gut, und was weniger?

Die Idee, auf der das Tezos-Netzwerk basiert – nämlich, dass viele dezentrale Teilnehmer das System vorwärtsbringen –, hat sich schnell etabliert und wird gelebt. Es sind jetzt weltweit über 450 Teilnehmer, die das System validieren, einen Anteil an Tezos halten, aktiv am Netzwerk mitarbeiten und es so stetig überprüfen und bestätigen. Woran noch gearbeitet werden muss, sind Tools rund um die Basissoftware. Auf dieser «Basisschicht» können dann verschiedene Anwendungen gebaut werden. Zusätzlich zum Internet-Protokoll, welches eher «dünn» ist und nicht mehr gross weiterentwickelt wird, wollen wir eine möglichst «dicke» Schicht als Grundlage, die auch stetig verbessert werden kann.

Wann wird es denn erste konkrete Anwendungen auf dem Tezos-Netzwerk geben?

Wir konzentrieren uns derzeit noch auf diese Basisschicht, auf der dann verschiedene Tools laufen und Anwendungen integriert werden können. Dies bedeutet nicht, dass es solche Projekte für konkrete Anwendungen nicht gibt. Es wird an verschiedenen Projekten gearbeitet. Ein Beispiel ist Moneytrack. Dieses Start-up entwickelt eine Anwendung auf dem Tezos-Netzwerk, mit der Rabatt- und Treuesysteme verschiedener Händler harmonisiert und heute anfallende Transaktionskosten eliminiert werden können. Oder es wird etwa an einer Mikroversicherungslösung gearbeitet. Zu sehen, wie diese Projekte auf der Tezos-Basis entstehen, ist spannend.

Was macht denn das Tezos-Netzwerk so speziell? Was ist damit möglich, was bisher nicht möglich war?

Mit Tezos können einige Probleme ausgemerzt werden, die mit bisherigen Blockchain-Systemen bestehen. Dazu muss ich ausholen: Ich sehe Bitcoin als «Blockchain 1.0», also als erste Version der Blockchain. Diese beinahe unglaubliche Erfindung erlaubt einem, Werte weltweit sicher und relativ günstig auszutauschen – ohne Intermediäre. Dann kam die «Blockchain 2.0», das war ­Ethereum. Auf diesem Netzwerk konnten nicht nur ohne Zwischenhändler Werte ausgetauscht werden, sondern man konnte zusätzlich sogenannte Smart Contracts nutzen. Es können also Codes in Transaktionen eingebettet werden, die Bedingungen enthalten. Diese Codes legen etwa fest, dass eine Transaktion ausgelöst wird, sobald eine solche Bedingung erfüllt ist. Bei beiden Lösungen gibt es folgende Probleme: Beide sind von Natur aus dezentrale Netzwerke. Wer entscheidet in einem solchen Kons­trukt über die Zukunft? Wie verwaltet man etwas, was so strikt dezentralisiert ist? Hier gibt es immer wieder Streit und auch Abspaltungen. Ein Beispiel dafür ist Bitcoin Cash.

Und dies kann es bei Tezos nicht geben?

Bei Tezos ist die Form der Steuerung wie folgt geregelt: Jeder, der einen Anteil an Tezos hat, also Tokens besitzt, erhält ein Stimmrecht – verhältnismässig zu seinem Anteil – und kann über die Zukunft mitbestimmen. Wenn es also darum geht, das System aufzudatieren, können die Tezos-Miteigentümer abstimmen, dabei gilt das Mehrheitsprinzip, konkret eine Dreiviertelmehrheit mit ein wenig Spielraum. Die Updates werden dann gemäss dem Resultat der Abstimmung automatisch auf den Computern auf der ganzen Welt installiert. Anders als bei Bitcoin oder Ethereum passt sich das Netzwerk also laufend den Wünschen der Tokenhalter an und – das ist wichtig: Diese Form der demokratischen Verwaltung macht das Netzwerk auch sicherer. Somit kann man Tezos als «Blockchain der dritten Generation» bezeichnen, oder als Blockchain, die sich selber ändert und verbessert.

«Die Sicherheit war einer der Punkte, der mich an Tezos schon früh überzeugt hat», sagt Ryan Jesperson. (Bild: Stefan Kaiser, 27. November 2018)

«Die Sicherheit war einer der Punkte, der mich an Tezos schon früh überzeugt hat», sagt Ryan Jesperson. (Bild: Stefan Kaiser, 27. November 2018)

Sie haben von mehreren Problemen gesprochen. Welche kann Tezos sonst noch lösen?

Wenn viele Leute eine Ressource teilen, hat keine der einzelnen Personen oder Parteien einen Anreiz, diese Ressource oder Quelle zu pflegen oder weiterzuentwickeln. Es besteht auf der anderen Seite ein hoher Anreiz, die Quelle stark zu nutzen. Ein Beispiel ist das Meer und die Fischer, die darin fischen. Dieses Problem gibt es etwa auch beim Internet: Dieses basiert, vereinfacht gesagt, auf einem Protokoll, auf welchem grosse Konzerne wie Google oder Facebook ihre Anwendungen aufgebaut haben und viel Geld verdienen. Dort ist also die Wertschöpfung: Die Innovation geschieht bei den Anwendungen – das Basisprotokoll hingegen wird vernachlässigt und kaum weiterentwickelt. Und genau dieses Problem haben wir auch bei Bitcoin oder Ethereum. Denn es ist viel lukrativer, eine Kryptowährung auf einer dieser Systeme zu lancieren als das Basisnetzwerk selbst weiterzuentwickeln.

Und wie soll dieses Dilemma gelöst werden?

Mit der vorhin angesprochenen demokratischen Verwaltung. Jetzt, da das Tezos-Netzwerk aufgeschaltet ist, fordern wir Entwickler rund um den Globus auf, Verbesserungsvorschläge für das Basisprotokoll einzureichen. Die Halter der Tezos-Tokens stimmen dann ab, ob sie einen Vorschlag akzeptieren. Falls ja, dann erhält der Entwickler für seine Arbeit Tezos-Tokens. Den Preis legt er zuvor fest, sein Verbesserungsvorschlag kommt also bereits mit einer Rechnung zuhanden des Tezos-Protokolls. Mit diesem Mechanismus wird eben der Anreiz geschaffen, das Basisprotokoll zu verbessern und nicht nur einzelne Applikationen.

Und wie sicher ist das Netzwerk?

Die Sicherheit war einer der Punkte, der mich an Tezos schon früh überzeugt hat. Blockchains wie Bitcoin oder Ethereum arbeiten nach dem sogenannten «Proof of Work»-Prinzip. Das heisst, die Sicherheit basiert auf dem Einsatz von Energie und wird dabei durch einen gigantischen Rechenaufwand garantiert. Dieser Energieverschleiss ist bekanntermassen zu einem Problem geworden. Diese Methode ist also nicht nachhaltig. Und sie verleiht jenen mit der meisten Rechenpower – den «Minern» – am meisten Macht. Tezos hingegen funktioniert nach dem «Proof of Stake»-Prinzip. Dort prüfen und garantieren die Token-Besitzer die Sicherheit des Netzwerks. Dafür werden sie mit Tokens entlöhnt, die Resultate der Überprüfungen sind öffentlich, jeder kann sie anschauen. Wer sich regelwidrig oder bösartig verhält, dem können seine Tokens oder zumindest Teile davon entzogen werden. So bleiben alle Teilnehmer aufrichtig. Die Idee von «Proof of Stake» ist also die Entkoppelung der Stimmgewalt eines Miners von seiner Rechenleistung, hin zur Gewichtung anhand der Anzahl der sich in seinem Besitz befindenden ­Tokens. Zur Sicherheit gehört schliesslich auch die Governance des Netzwerks. Wir sind froh, dass wir PwC Schweiz als externen Wirtschaftsprüfer gewinnen konnten. Es ist das erste Mal, dass einer der Big Four mit einem Blockchain-Projekt in der Grössenordnung von Tezos zusammenarbeitet.

Haben Sie Kontakt zu den Gründern, dem Ehepaar Breitman?

Natürlich. Aber wir legen Wert auf die Idee der Dezentralisierung, nicht nur bei der Software, sondern auch bei der Organisation. Die Tezos Foundation ist nur ein Teil des gesamten Netzwerks weltweit, ausserdem gibt es mehrere Tezos-Stiftungen mit eigenen Räten, beispielsweise in Singapur oder Südkorea. Alle in der Community kommunizieren viel miteinander und treffen sich so viel wie möglich. Es gibt Entwicklungsteams auf der ganzen Welt, beispielsweise in Paris. Arthur und Kathleen Breitman sind ebenfalls wichtige Community-Mitglieder.

Lassen Sie uns über das Geld sprechen. Wie viel von den ursprünglich 232 Millionen Dollar sind noch vorhanden?

Mehr als nach der Finanzierungsrunde 2017. Wir haben die Zahlen kürzlich publiziert. Mitte Oktober waren es rund 500 Millionen US-Dollar. Diese Angaben werden wir wieder aktualisieren. Auf jeden Fall haben wir genug Geld für die Zukunft. Wir sind auch daran, das Risiko zu diversifizieren, sprich: noch mehr aus den Kryptowährungen zu nehmen.

Wie viel ist bereits in herkömmliche Währungen gewechselt worden?

Wir haben reichlich in herkömmlichen Währungen.

Zahlt die Tezos-Stiftung Steuern in Zug?

Ja, wir bezahlen Steuern hier. Und ich lebe auch hier.

Hat Tezos also keine Absichten, Zug in absehbarer Zeit zu verlassen?

Die Stiftung ist hier in Zug und wird es auch bleiben. Darum bin ich ja auch aus den USA hierhergekommen. Und wir werden im kommenden Frühling auch einen grossen Coworking-Space eröffnen im Crypto Valley. Gegenwärtig evaluieren wir einen geeigneten Standort. In diesen «Tezos Labs» wird die Stiftung einen kleinen Teil beanspruchen, der Grossteil der kostenfreien Arbeitsplätze wird aber für Leute aus der Tezos Community, also Entwickler, da sein. Und wir wollen auch Platz für andere Start-ups oder Anlässe bieten.

Wie viele Leute arbeiten bei der Tezos Foundation?

Auch hier: Wir wollen keine zentrale, aufgeblähte Bürokratie, sondern wir finanzieren Entwickler oder Forscher rund um den Globus. Momentan stehen weniger als zehn Leute fix auf der Lohnliste der Foundation. Es ist uns wichtig, agil zu bleiben.

Sie sind mit Ihrer Familie Anfang Jahr nach Zug gezogen. Wie gefällt es Ihnen hier? Wie haben Sie sich eingelebt?

Uns gefällt es wirklich sehr gut hier. Inzwischen fühlt es sich an wie unser Zuhause. Wir sind gerne draussen, es ist toll, dass man von der Stadtmitte in wenigen Minuten in der Natur ist. Und die Leute sind äusserst freundlich, man grüsst sich auf der Strasse. Was mir besonders gefällt, ist, dass hier so viel Zeit und Mühe ins Recycling investiert wird.

Ryan Jesperson ist seit rund drei Jahren in der Kryptobranche aktiv. Zuvor arbeitete der 38-Jährige zehn Jahre in der Gesundheitsbranche, wo er Firmen sanierte. In dieser Zeit gründete der Amerikaner auch eine Softwarefirma, die er später verkaufte.

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