PRODUKTION: Die Industrie ist gut unterwegs

Die Schweizer Industrieunternehmen stellen so viele Güter her wie seit mehr als drei Jahren nicht mehr. Die gute Konjunktur überrascht sie selbst.

Rainer Rickenbach
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Stromzähler von Landis + Gyr aus Zug sind in Europa derzeit gefragt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Stromzähler von Landis + Gyr aus Zug sind in Europa derzeit gefragt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Der Einkaufsmanagerindex der Schweizer Industrie (PMI) ist so etwas wie der Gradmesser für die Befindlichkeit der Industrie. Er macht deutlich, wie viel die Unternehmen produzieren und wie es um ihre Auftragslage steht. Im Oktober schlug die von der Credit Suisse indexierte Befindlichkeitskurve deutlich nach oben aus: Sie legte im Vergleich zum September um 4,9 Prozent zu und liegt mit 55,3 Prozent deutlich über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Zum Vergleich: In der Eurozone steht der gleiche Indexwert lediglich bei 50,6 Prozent.

Dass die Schweizer Industriegüter trotz des starken Frankens so gefragt sind, hat die Hersteller offensichtlich selber überrascht. «Darauf deutet zumindest der deutliche Abbau der Verkaufs- und Einkaufslager hin. Sowohl ‹Lager Verkauf› als auch ‹Lager Einkauf› rutschten deutlich in den negativen Bereich. Die Vorproduktelager leerten sich sogar mit der gleichen Geschwindigkeit wie zuletzt Ende 2009», heisst es im Bericht der Credit Suisse. Platz gab es in den Lagerhallen vor allem dank dem deutlichen Produktionswachstum. Es stieg im zurückliegenden Monat auf den höchsten Stand seit Februar 2011.

Zuversicht und Ängste

Die Zahlen bestätigen die Stimmung, die man bei der Zentralschweizer Industrie- und Handelskammer wahrnimmt. «Der grösste Teil der Unternehmer in der Region ist mit dem Geschäftsgang zufrieden und erwartet auch, dass der sich im kommenden Jahr gut weiterentwickelt. Viele von ihnen schaffen darum neue Stellen», sagt Handelskammer-­Direktor Felix Howald. Trotzdem spricht er von einer «zwiespältigen Stimmung», die in den Chefetagen der Zentralschweizer Industriebetriebe herrsche.

Hausgemachte Probleme belasten

Die Aussichten für das eigene Geschäft seien zwar in den meisten Fällen gut, doch die innenpolitischen Vorgänge und die mit der Eurokrise verbundenen Unwägbarkeiten dämpften die Zuversicht, so Howald.

«Die Industrie sieht sich mit verschiedenen Unsicherheitsfaktoren konfrontiert. Wie wird die Masseneinwanderungsinitiative umgesetzt? Wie regeln wir unsere Beziehung zur EU? Ziehen das Ecopop-Volksbegehren und eine mögliche Abschaffung der Pauschalbesteuerung die Standortattraktivität der Schweiz weiter und ohne Not in Mitleidenschaft? Zudem macht vielen Unternehmern die Bürokratie zu schaffen, wenn sie zum Beispiel vorhaben, ihren Betrieb zu erweitern», gibt Howald die Stimmungslage wider.

Wegen der Verunsicherung zögerten zahlreiche Unternehmer trotz der guten Auftragslage geplante Investitionen hinaus. Howald: «Die wirtschaftspolitische Einschätzung steht in einem starken Gegensatz zu den guten Wachstumszahlen in den eigenen Betrieben.»

Schwäche in der Eurozone

In der Eurozone hingegen wächst die Industrie wegen der Schwierigkeiten in Frankreich und Italien nur langsam. Der Einkaufsmanagerindex kletterte dort im Oktober um 0,3 auf 50,6 Punkte, wie das Markit-Institut gestern mitteilte. «Die Nachfrage bleibt mit Blick auf die schwachen Binnenmärkte weiterhin verhalten. Das Exportwachstum geht derzeit zurück, und anhaltende wirtschaftliche Unsicherheiten belasten die Konjunkturentwicklung», stellt Markit-Chefökonom Chris Williamson fest.

Zur Sorge Anlass gibt in der Euro-zone auch die Kluft zwischen den einzelnen Ländern: Kräftige Zuwächse in Irland, den Niederlanden und Spanien stehen in starkem Kontrast zu Rückgängen in Italien, Griechenland, Frankreich und Österreich. Der Konjunkturmotor Deutschland verzeichnete ein geringfügiges Wachstum. Der deutsche Einkaufsmanagerindex kletterte um 1,5 auf 51,4 Punkte.