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PRODUKTION: Schuhe aus der Hochgeschwindigkeitsfabrik

Sportschuhe kommen heute noch aus Asien. Adidas startet eine Produktion individueller Schuhe in Deutschland.
Rüdiger Köhn
Ein Blick in die Speed-Factory von Adidas. (Bild: pd)

Ein Blick in die Speed-Factory von Adidas. (Bild: pd)

In der 300 Quadratmeter grossen Halle stehen die weissen Maschinen nebeneinander aufgereiht. Zwischen ihnen fahren kleine Robotertische hin und her. Sie transportieren Obermaterial von Laufschuhen von einer Verarbeitungsstufe zur anderen. Ein riesiger schwarzer Käfig durchbricht das Helle der Halle. In ihm werden aus Materialien wie Polyamid und Elastomere hochwertige, belastungsfähige Schuhsohlen gefertigt. Am Ende der Produktionskette stehen verschiedene Laufschuhe, leichte, modische Sportschuhe und ein Fussballschuh als Dummy auf dem Tisch – fertiggestellt in wenigen Stunden.

Erste Prototypen im Herbst

Das Pilotprojekt von Adidas mit Geheimhaltungsstufe steht in der bayerischen Stadt Ansbach in einer abgetrennten, nicht frei zugänglichen Halle des Partners Oechsler, eines Kunststoffverarbeiters und Automobilzulieferers. Im Herbst sollen die ersten 500 Schuhpaare dort produziert und als Prototypen an den Handel ausgeliefert werden. Die Stückzahl ist so klein, dass sie nicht zu kaufen sein werden. Wahrzunehmen werden sie sein, denn sie werden Marketingzwecken dienen.

In einem Jahr soll in einem 4600 Quadratmeter grossen Werk in Ansbach tatsächlich die Serienproduktion beginnen, in der im Jahr eine halbe Million Schuhe gefertigt werden. Das sind dann Laufschuhe, die der deutsche Käufer kurz zuvor bestellt hat: mit einer für ihn geeigneten Sohle, einem individuellen Ansprüchen gerecht werdenden Obermaterial und einem individuellen Aussehen. Im Idealfall kann ein Käufer morgens ins Sportfachgeschäft gehen, seinen Wunschschuh, gar mit einem selbst geschossenen Foto als Aufdruck, bestellen und abends abholen. Vorbei wären die Zeiten der weiten Wege aus China, Vietnam oder Indonesien mit 45 Tagen im Schiffscontainer auf hoher See.

Speedfactory nennt Adidas das neue Produktionskonzept, das in den nächsten Jahren an strategischer Bedeutung gewinnen soll. «Wir revolutionieren unsere Industrie», sagte Herbert Hainer, bis Ende September Vorstandsvorsitzender von Adidas, vor kurzem in Ansbach. «Wir werden in der Geschwindigkeit deutlich schneller, vor allem aber gehen wir da hin, wo der Verbraucher mit seinen individuellen Wünschen ist.» Vordergründig propagiert er die Rückkehr der Produktion nach Deutschland, die Adidas seit Ende der Achtzigerjahre systematisch nach Asien verlagert hatte, wo vergangenes Jahr 301 Millionen Paare entstanden.

Produktion auf Knopfdruck

Tatsächlich aber handelt es sich bei der Hochgeschwindigkeitsfabrik um ein Projekt, das Modell für die vernetzte Produktion unter dem Schlagwort Industrie 4.0 ist. Neue flexible, marktnahe Produktionsstrukturen entstehen, welche die Vernetzung der Systeme und die digitale Produktion erst möglich machen. Kleine Stückzahlen nach Bedarf werden weniger kostenintensiv produziert. Die Nähe zum Kunden spart lange, damit auch teure Transportwege. Die bedarfsorientierte Produktion vermeidet den Aufbau von Lagerbeständen, die am Ende zu Dumpingpreisen für das Unternehmen teuer zum Saisonende abgebaut werden müssen. Es gibt mehr Gestaltungsmöglichkeiten und technische Neuerungen, die bislang mit der händischen Fertigung in Asien nicht zu bewerkstelligen sind, wo unter Umständen 300 Menschen über alle Wertschöpfungsketten an einem Schuh arbeiten.

Eine Fabrik mit kaum Personal

Was in der Automobilindustrie mit einem Automatisierungsgrad gang und gäbe ist, steckt in der konsumnahen Sportartikelindustrie in den Anfängen. Die Sportartikelindustrie hat bislang den Druck nicht verspürt, innovativ in der Produktion zu werden. Billigstlöhne und Massenhandarbeit machten die Fertigung dort auskömmlich. Saisonprodukte lassen sich nur schwer mit Maschinen fertigen, die ständig angepasst werden müssten. In der Autoindustrie mit einem fünf oder sieben Jahre laufenden Modell ist das anders. Neue Materialien und Fertigungsverfahren aber haben die hohe Flexibilität erst möglich gemacht.

«Die heutigen Produktionsstrukturen erlauben uns nicht das notwendige Tempo», sagt Gerd Manz, Projektleiter Adidas Speedfactory. «Unser operatives Geschäftsmodell wird sich komplett ändern: Aus Handwerkskunst wird Ingenieurskunst.» Es werde nicht nur Schnelligkeit geschaffen, sondern auch eine Präzision und eine hohe Qualität in der Fertigung, wie sie in der heutigen Beschaffungswelt nicht existiere. Es wird um eine deutlich effizientere Produktion gehen mit niedrigeren Lager- und Transportkosten. Wenn die Geschäfte brummen, kann die Fabrik 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche arbeiten. Personal ist dann nur noch in wenigen Köpfen zu zählen. Jeden Tag kann der richtige Bedarf vom Band laufen.

Zwar arbeiten auch Wettbewerber an der automatisierten Produktion. Branchenführer Nike nennt sein Projekt «Manufacturing Revolution», die Nummer drei hinter Adidas, Under Armour aus den Vereinigten Staaten, «Glory». Die anderen seien längst nicht so weit, sagte Hainer. «Wir haben einen zeit­lichen Vorsprung von ein paar Jahren», gibt er sich selbstbewusst.

Mit Geld vom Staat

Die Speedfactory ist mit Forschungsgeldern der Bundesregierung über das Programm «Zukunftsprojekt Industrie 4.0» finanziert worden. Partner Oechs­ler hat sich an den Investitionen beteiligt. Er wird für Adidas auch die Fertigung übernehmen. Bereits für das nächste Jahr ist der Aufbau einer Fabrik im grössten Markt Vereinigte Staaten geplant. Zusammen mit Ansbach sollen so eine Million Schuhpaare gefertigt werden, was aber immer noch ein verschwindend geringer Anteil sein wird. Es werde sicherlich mehrere Jahre, nicht aber Jahrzehnte dauern, bis dieser signifikant steige, sagte Hainer. Bis Ende 2017 will er die Kinderkrankheiten aus der Serienproduktion beseitigt wissen, damit 2018 Tempo aufgenommen werden kann.

Es werden später nicht nur Schuhe verschiedenster Typen vom Band laufen. Auch Textilien sind in einer nächsten Stufe vorgesehen. Hainer will nicht ausschliessen, dass die neuen Trikots der deutschen Fussball-Nationalmannschaft einmal aus der Speedfactory kommen werden. Die will Adidas nämlich auch in Deutschland fertigen.

Rüdiger Köhn

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