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PRODUKTPIRATERIE: Online-Piraten das Handwerk legen

Dank des Internets floriert der Handel mit gefälschten Produkten mehr denn je. Die Londoner Polizei bekämpft die modernen Piraten mit einer Sondereinheit. Die Schweiz soll dem Beispiel folgen, fordern hiesige Markenrechtschützer.
Eva Novak
Beschlagnahmte gefälschte Ware am Flughafen Zürich. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Kloten, 23. April 2014))

Beschlagnahmte gefälschte Ware am Flughafen Zürich. (Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Kloten, 23. April 2014))

Eva Novak

Von angeblichen Luxusuhren, die nicht laufen, über Medikamente, die krank machen, statt zu heilen, bis hin zu DVD, aus deren Verkauf die Künstler keinen Rappen bekommen: Gefälschte oder illegal kopierte Produkte sind zwar billiger als das Original, verursachen aber riesigen volkswirtschaftlichen Schaden. Und sie können die Konsumenten gefährden. In der Schweiz kämpft Stop Piracy, ein Zusammenschluss von Firmen, Behörden und Konsumentenorganisationen, dagegen an. Mit Aufklärungskampagnen versucht der Verein, die Konsumenten auf die Risiken gefälschter Produkte hinzuweisen.

Das ist zehn Jahre nach der Vereinsgründung nötiger denn je, denn die Piraten rüsten auf: «Vor allem im Onlinebereich ist die Fälschungsproblematik grösser geworden», sagt Vizepräsident Jürg Herren vom Eidgenössischen Institut für Geistiges Eigentum. «Weil das Geschäft sehr lukrativ ist, zieht es das organisierte Verbrechen an.»

27000 Fälscher-Seiten vom Netz genommen

Das organisierte Verbrechen wird in der Schweiz in der Regel von den kantonalen Polizeistellen bekämpft, die aber mit der Verfolgung von Diebstahl, Einbruch und anderen Verbrechen und Vergehen ausgelastet sind. Mit umso mehr Interesse blicken die hiesigen Piraterie-Bekämpfer nach England: Die Londoner Polizei hat als erste weltweit eine Spezialeinheit Police Intellectual Property Crime Unit (Pipcu) geschaffen. Sie besteht aus einem Dutzend Polizisten, Analysten, Cyber-Forensikern, Marketing- und Finanzfachleuten, die sich der Fälschungen und Urheberrechtsverletzungen im Königreich annehmen.

An ihrer Jubiläums-Generalversammlung vom Freitag in Neuenburg machten die Mitglieder von Stop Piracy grosse Augen, als Kevin Ives, leitender Detektiv bei der Pipcu, eine eindrückliche Erfolgsbilanz präsentierte. Unter anderem hat die Sondereinheit seit ihrer Gründung vor vier Jahren 27000 Websites vom Netz genommen, auf denen gefälschte Waren wie Uhren, Kleider, Schuhe, Schmuck oder Handys angeboten wurden. «Die Verantwortlichen sitzen in Asien, wir können sie nicht verhaften – also stören wir sie», sagt Ives. Die Betreiber öffnen neue Seiten, die wiederum geschlossen werden, schicken der Pipcu Computerviren und bitten sie in Mails, die Seiten wieder zu öffnen. Bis sie am Ende entnervt aufgeben.

Eine andere Strategie wählt die Pipcu im Kampf gegen illegale Seiten, auf denen im Internet Musik, Filme und andere urheberrechtlich geschützte Werke umsonst angeboten werden. Diese Seiten finanzieren sich über die Werbung. Also führt die Pipcu eine schwarze Liste, auf der die schlimmsten illegalen Websites figurieren. Diese Liste, die zurzeit rund 2800 Websites umfasst und laufend aktualisiert wird, lassen die Piraterie-Bekämpfer regelmässig den grossen Firmen zukommen, die fortan anderswo inserieren. Innerhalb eines Jahres ist die Werbung auf den betreffenden Seiten um zwei Drittel eingebrochen, wie Ives stolz berichtet. Womit den Betreibern die Existenzgrundlage entzogen wurde.

Immer wieder greifen die Pipcu-Ermittler auch konkret ein. Einmal haben sie ein Lager voller gefälschter DVD ausgehoben, ein anderes Mal gefälschte Kinderkostüme beschlagnahmt, welche die kleinen Träger hätten gefährden können. Ein besonders spektakulärer Fall kommt bald vor ein britisches Gericht. Es geht um mehr als 800 angeblich gefälschte Airbags. Die Gerichtsverhandlung wird zeigen, ob sie für die Fahrzeuginsassen tatsächlich lebensgefährlich gewesen wären, wie die Anklage geltend macht.

Weil sich die Online-Piraten nicht an die Landesgrenzen halten, arbeitet die Pipcu mit Polizeistellen in zahlreichen anderen Ländern zusammen. Inzwischen hat sie auch Nachahmer gefunden: Indien hat eine vergleichbare Sondertruppe namens «Tipcu» gegründet. Wie die Pipcu wird diese ebenfalls nicht aus Steuergeldern finanziert, sondern aus den Urheberrechts- und Patentgebühren.

Auch die Schweiz solle dem Beispiel folgen, fordert Roger Chevallaz. Der Rechtsanwalt ist Vorstandsmitglied von Stop Piracy, ebenso wie von Safe, der Vereinigung, die den Urheberrechtsschutz an der Schnittstelle zwischen Rechteinhabern und Strafverfolgungsbehörden unterstützt. Als solcher ist er dezidiert der Meinung, dass es dringend nötig sei, dass die Schweiz bei der Durchsetzung der Gesetze im Bereich des geistigen Eigentums vorwärtsmacht: «Es braucht eine spezialisierte Einheit, die das verfolgt und die schwierigen Fälle an die Hand nimmt.» Die Polizei sei mit der Materie nicht vertraut und überfordert: «Wo soll ein Polizeikorps in einem kleinen Kanton das nötige Know-how hernehmen, wenn es ohnehin am Anschlag ist?» Um sie zu entlasten, müsse man sich am Modell der Kobik, der Koordinationsstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, orientieren und eine Stelle gegen die Piraterie schaffen, die von Bund und den Kantonen finanziert werde.

Solange eine solche fehlt, setzt Stop Piracy weiterhin auf Beratung und Aufklärung. Auf seiner Website listet der Verein Tipps auf, wie man Fälschungen und illegale Angebote erkennen kann, und berät Konsumenten. Etwa wenn sie nicht verstehen können, warum ihr günstig in der Türkei erstandenes T-Shirt bei der Landung in Zürich beschlagnahmt wurde. Zurzeit ist eine weitere Aufklärungskampagne geplant: Eine Ausstellung im Zollmuseum Gandria, wo häufig Schulreisen hinführen. In einem Jahr soll eine Kampagne in den sozialen Netzwerken folgen, wie Jürg Herren ankündigt. Schliesslich gelte es, den neuen Trends Rechnung zu tragen.

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