«Pseudo-Genossenschaft»: Konsumentenschutz kritisiert Coop nach abgewehrtem Putsch-Versuch

Der Detailhändler verhinderte mit einer Regeländerung in letzter Minute die Wahl von Aktivisten in seinen Regionalrat. Das sorgt für Kritik.

Benjamin Weinmann
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Wie viel Demokratie steckt in der Coop-Genossenschaft wirklich?

Wie viel Demokratie steckt in der Coop-Genossenschaft wirklich?

Benjamin Manser

Kritik von Konsumenten ist sich Coop gewohnt. Zu teure Pasta, zu alte Steaks oder zu stark getrocknete Bananen – dem Händler ist wohl schon jede Beschwerde zu Ohr gekommen. Doch ein Angriff von einer Heerschar an Aktivisten, wie ihn Coop vor einigen Tagen erlebt hat, das ist neu für den grössten Schweizer Detailhändler.

Wie die «Republik» publik machte, versuchte eine Gruppierung namens «Detailwandel» nach wochenlanger Vorbereitung, den Coop-Regionalrat mit mehreren hundert Kandidaten zu kapern. Dieses Gremium stellt Mitglieder für die Delegiertenversammlung, quasi dem Parlament der Genossenschaft. Diese wählt wiederum den Verwaltungsrat, welcher die Geschäftsleitung bestimmt.

Doch in letzter Minute bekam der Coop-Verwaltungsrat mit Präsident Hansueli Loosli und Alt-Bundesrätin Doris Leuthard Wind von der Sache. Schnurstracks verschärften sie die Wahlregeln und verhinderten den Putsch-Versuch. Ziel von «Detailwandel» war es, bei der Genossenschaft für mehr Nachhaltigkeit, fairere Preise und höhere Löhne zu sorgen.

Konsumentenschutz wusste über Aktion Bescheid

Initiant der Aktion ist Raffael Wüthrich. Der 34-Jährige war bereits Sprecher der Vollgeld-Initiative – und er ist Teilzeitangestellter der Stiftung für Konsumentenschutz. Seine Chefin, Geschäftsführerin Sara Stalder, war über die Pläne von «Detailwandel» informiert, wie sie auf Anfrage sagt. Teilzeitangestellte müssten ihre Engagements in der Politik oder bei bedeutenden Freizeitprojekten melden, sagt Stalder. «Raffael Wüthrich hat diese Vorgabe eingehalten.»

An der Aktion beteiligt war die Stiftung für Konsumentenschutz nicht. Doch Stalder gibt Wüthrich und seiner Equipe Rückendeckung: «Seit Jahren bemängeln wir die Pseudo-Genossenschaften», sagt Stalder. «Grosse Genossenschaften wie Coop, Migros oder die Raiffeisen-Bank gaukeln Mitbestimmung vor und machen dazu grosse Werbeaktionen.»

«So funktioniert das Genossenschaftsmodell nicht!»

Marketing-Slogans wie «Für mich und dich» (Coop) oder «Die Migros gehört mir» bezeichnet Stalder als äusserst dreist. Denn mit Reglementen werde verhindert, dass die Stimme der Genossenschafter erhört werde. «So funktioniert das klassische Genossenschaftsmodell natürlich nicht!»

Stalder fordert – wie die Aktivisten – mehr Mitspracherecht, und ansonsten eine Änderung der Rechtsform. Das Vorgehen von Wüthrichs Gruppierung unterstützt sie jedoch nicht offiziell: «Es gibt unterschiedliche Überlegungen, welche Wege zu diesem inhaltlichen Ziel führen können», sagt Stalder.

Und was bedeutet dies für künftige Gespräche zwischen Coop und der Stiftung für Konsumentenschutz? Coop versucht den Ball flach zu halten und sagt, der Vorfall werde keinen Einfluss auf das Verhältnis mit der Stiftung haben. Ob Coop offen für Gespräche mit «Detailwandel» ist, oder ob solche geplant sind, sagt die Detailhändlerin nicht. Eine Sprecherin betont bloss, dass die Initianten im Verborgenen gehandelt hätten.

Coop spricht von «radikalen» Forderungen

Gegenüber der «Republik» kritisierte Coop, «Detailwandel» sei zu keinem Zeitpunkt bei Coop vorstellig geworden, um die Anliegen darzulegen. Die «radikalen» Forderungen und der Versuch, Kontrolle über Coop zu gewinnen, werte man als ein «unfreundliches und nicht haltbares Vorgehen», das darauf Ziele, Coop in eine instabile Lage zu versetzen und wirtschaftlich zu schädigen.

Fakt ist: Die Gruppe wollte seine Kandidaten demokratisch und nach jenen Regeln wählen lassen, die Coop selber definiert und seit Jahren als angebracht erachtet hatte.