Rabattschlacht
Über 80 Prozent Rabatt: Kleiderläden verscherbeln Wintermode zum Spottpreis

Weil Modegeschäfte bis Ende Februar zu bleiben müssen, versuchen sie nun, ihre Winterkollektion online zu verkaufen. Um die Ware loszuwerden, übertrumpfen sie sich gegenseitig mit Tiefstpreisen.

Sarah Kunz
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Die Angebote der Kleiderläden sind verlockend. Dennoch kommt die Winterkollektion auch online kaum weg.

Die Angebote der Kleiderläden sind verlockend. Dennoch kommt die Winterkollektion auch online kaum weg.

Keystone/FABIAN SOMMER

Jedes Jahr lockt die Modebranche bereits mit geblümten Sommerkleidchen und kurzen Shorts, wenn draussen noch tiefster Winter herrscht. Nur in diesem Jahr nicht. Weil Kleiderläden erneut geschlossen haben müssen, bleiben sie auf ihrer Winterkollektion sitzen. Und Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Denn der Lockdown dauert noch bis mindestens Ende Februar und die Kauflust der Konsumenten ist ohnehin kaum vorhanden. Wer braucht schliesslich schon einen neuen Anzug, wenn er sowieso von zu Hause aus arbeitet? Händler, welche die Ware noch loswerden wollen, müssen also kreativ werden – und die Konkurrenz ausstechen.

Schweizer Modegeschäfte liefern sich deshalb online gerade eine erbitterte Preisschlacht. Bei H&M, Vero Moda, Mango oder Manor können Konsumenten Kleider beispielsweise mit bis zu 70 Prozent Rabatt bestellen. Zara, Esprit und Dosenbach überschreiten selbst diese Grenze. Und C&A übertrumpft Letztere sogar noch mit Sales von über 80 Prozent. Auch Globus oder Hugo Boss bieten ihre Kleidung derzeit zum halben Preis an und lassen sich in diesem Jahr sogar zu teilweise über 50 Prozent Ermässigung hinreissen.

«Das ist nicht normal», sagt Christa Markwalder. Die Berner Nationalrätin ist Präsidentin der Swiss Retail Federation, dem Verband der Detailhandelsunternehmen. «Die jetzigen Rabatte sind ein Ausdruck der Verzweiflung.» Markwalder vermutet zudem, dass sich die Läden in ihrer Not mit den Schnäppchenpreisen gegenseitig in die Höhe getrieben haben. Hebt nämlich einer die Rabatte weiter an, sind die anderen gezwungen zu reagieren.

Läden wollen lieber Rabatte als zusätzliche Kosten

Laut Markwalder könnten solch hohe Rabatte von bis zu 80 Prozent nicht mehr rentieren. Trotzdem ist sie überzeugt: «Die Ware muss mit allen Mitteln unter die Kundschaft gebracht werden, um nicht zusätzliche Fixkosten zu generieren.» Denn das Geschäft mit der Mode ist saisonal. Was heute angesagt ist, ist morgen schon wieder out. Die Sales seien deshalb das letzte Mittel für die Läden, ihre Kollektionen doch noch loszuwerden und nicht zusätzliche Lager mieten zu müssen.

Kommt die Ware nicht weg, droht dasselbe wie im Frühjahr im ersten Lockdown: Sie könnte im Müll landen. Das befürchtet jedenfalls die NGO Public Eye. Grosse Modeketten wie H&M oder Zalando beteuern jedoch auf Anfrage, keine noch intakte Kleidung zu vernichten, sondern sie wiederzuverwerten. Damit es trotzdem nicht so weit kommt, wäre ein Verkauf besser. Sei es über Rabatte im Onlineshop oder mittels Click&Collect: Konsumenten können online bestellen und die Ware in einer Filiale abholen. Dies bietet sich vor allem für kleinere Geschäfte an, die digital noch nicht so gut aufgestellt sind. «Wir sind froh, ist uns wenigstens diese Möglichkeit erlaubt», sagt Markwalder. Schliesslich mache der stationäre Handel immer noch den grössten Anteil aus, auch wenn der Onlinehandel – beflügelt von der Coronakrise – stark zulegen konnte.

Härtefallregelung bietet Detailhandel keine Hilfe

Markwalder übt aber auch harsche Kritik an der Vorgehensweise der Regierung: «Viele Massnahmen sind inkohärent und schlicht nicht nachvollziehbar, zum Beispiel die Ungleichbehandlung von Blumen- und Kleiderläden. Aber auch die Härtefallregelungen helfen dem Detailhandel nicht wirklich.» Die Ladenschliessungen seien zudem keine direkte Massnahme, um das Virus einzudämmen, sondern, um die Bewegung der Bevölkerung einzuschränken und daher unverhältnismässig. Trotzdem bleibe der Branche letztlich nichts anderes übrig, als die Massnahmen mitzutragen.

Markwalder hofft nun einfach, dass der Lockdown Ende Februar tatsächlich aufgehoben wird. «Die Läden befinden sich in einer sehr schwierigen Situation», sagt sie. «Viele haben schon im Frühling an ihren Reserven gezehrt, die Polster sind aufgebraucht.» Markwalder fürchtet deshalb eine baldige Konkurswelle. Die Margen im Detailhandel seien ohnehin klein, die Härtefallregelung schlecht anwendbar. Und das, obwohl die Branche der grösste Arbeitgeber der Schweiz sei.

H&M und Zalando bieten bald virtuelle Umkleidekabinen

Die Moderiesen wollen den Kunden künftig noch mehr bieten: Sie arbeiten derzeit an einer virtuellen Umkleidekabine für Kunden. Die Körpermasse werden per 3D-Scanner eingelesen und das digitale Ebenbild kann im Anschluss die Kleidung anprobieren. Statt sich die Hose also in drei verschiedenen Grössen nach Hause kommen zu lassen, soll die Technologie künftig die richtige Passform und Grösse definieren. «So werden wir vermeidbare Retouren stark reduzieren», sagt eine Zalando-Sprecherin. Die Technologie soll noch in diesem Jahr in die Online-Stores kommen.