RAIFFEISEN: Das Netz wird weniger dicht

Die Genossenschaftsbank will jede vierte Filiale schliessen. Besonders die kleinen, ländlichen Geschäftsstellen sind bedroht. Sie haben zu wenig Kunden.

Roman Schenkel
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Diese Raiffeisen-Filiale in Gettnau soll im Sommer 2017 geschlossen werden. (Bild Manuela Jans)

Diese Raiffeisen-Filiale in Gettnau soll im Sommer 2017 geschlossen werden. (Bild Manuela Jans)

Roman Schenkel

Raiffeisen war einst die Bank vom Lande. Im sankt-gallischen Bichelsee, einem «mausarmen Bauerndorf», wurde 1899 der «Spar- und Darlehenskassenverein» gegründet – die erste Raiffeisenbank der Schweiz. Sie versorgte Bauern und Gewerbler mit günstigen Krediten. Von Bichelsee aus hat Raiffeisen die ganze Schweiz erobert. Wie keine andere Bank hat sie die Nähe der Kunden gesucht. Kein Dorf zu klein für eine Raiffeisen-Filiale. 1996 gab es hierzulande über 1300 Geschäftsstellen (siehe Grafik).

Heute ist Raiffeisen die Nummer drei in der Schweizer Bankwelt, hat eine Bilanzsumme von 205 Milliarden Franken und erzielte 2015 einen stolzen Gewinn von 808 Millionen Franken. Auch die Zahl der Genossenschafter lässt sich sehen: Ende 2015 betrug ihre Zahl über 1,8 Millionen. Seit 1996 hat sich ihre Zahl fast verdreifacht.

Trotz Wachstum und steigender Gewinne: Die Zahl der Geschäftsstellen ist rückläufig. In den letzten fünf Jahren wurden über 120 Raiffeisenfilialen geschlossen. Und nun kündigte Raiffeisen an, in den nächsten fünf Jahren bis zu 300 zusätzliche Filialen zu streichen. Das ist mehr als jede vierte Filiale. Nach den Gründen muss man nicht lange suchen. Die Digitalisierung lässt auch die Genossenschaftsbank nicht kalt. «Wir können nicht ignorieren, was in den digitalen Märkten passiert», sagte Raiffeisen-Chef Patrik Gisel an der Bilanzmedienkonferenz Anfang März. Am Gruppenhauptsitz in St. Gallen betont man, dass Raiffeisen mit knapp 1000 Filialen auch in Zukunft das dichteste Netz der Schweiz haben wird. Und: die Schliessungen sollen ohne Stellenabbau geschehen, vielmehr sollen neue Jobs entstehen.

Rückzug aus den kleinen Dörfern

Dennoch, bei der Genossenschaftsbank findet ein Stück Kulturwandel statt: Die Bank zieht sich aus den kleinen Dörfern zurück. Denn gerade in ländlichen Gebieten schliesst ein Grossteil der Filialen. Im Kanton Luzern wurden Ende 2015 beispielsweise die Bankfilialen in Marbach und Romoos geschlossen. Für 2017 ist der Zusammenzug der beiden Filialen von Gettnau und Ufhusen in Zell geplant. «Immer mehr Kunden meiden den Gang an den Bankschalter und erledigen stattdessen ihre Bankgeschäfte online», erklärt Kurt Sidler, Präsident des Regionalverbandes Luzern, Ob- und Nidwalden, die Schliessungen. So werde der Betrieb von kleineren Geschäftsstellen unrentabel. «Immobilien, das Personal vor Ort, die Infrastruktur, die Sicherheit: Filialen sind ein bedeutender Kostenblock», sagt er. In Zeiten, in welchen die Banken sparen müssen, sei eine ausreichende Rentabilität zentral. Der entscheidende Faktor für die Reduktion der Geschäftsstellen ist aber das heutige Kundenverhalten. Dieses habe sich durch die Digitalisierung stark verändert, sagt Bankenprofessor Andreas Dietrich vom Institut für Finanzdienstleistungen der Hochschule Luzern. «Heute werden sehr viele Transaktionen über das Online- oder Mobile-Banking abgewickelt», sagt Dietrich. Der Gang zur Filiale für alltägliche Transaktionsgeschäfte sei nicht mehr unbedingt nötig. «Die klassischen Bankschalter haben dadurch stark an Bedeutung verloren», so Dietrich.

Kein Raiffeisen-Phänomen

Der Abbau von Filialen sei allerdings nicht Raiffeisen-spezifisch: «Die Ausdünnung des Filialnetzes ist ein klarer Trend in der Bankenindustrie», sagt Dietrich. Die Zahl der Geschäftsstellen von Schweizer Banken habe sich in den letzten 25 Jahren markant verringert. So lag laut Dietrich 1992 die Anzahl der Geschäftsstellen in der Schweiz bei über 4000. «Heute gibt es rund 2500 Bankfilialen. Die Bankstellendichte hat sich bei gleichzeitig stark steigender Bevölkerungszahl entsprechend deutlich reduziert», so Dietrich.

Trotz starkem Abbau: Der Bankenspezialist ist überzeugt, dass es auch in Zukunft noch Bankfilialen brauchen wird. Diese dürften aber viel weniger darauf ausgerichtet sein, Schaltertransaktionen zu bewältigen. «Stattdessen wird sich die Bankfiliale zu einem Beratungszentrum entwickeln, in welchem in erster Linie komplexere Geschäfte abgewickelt werden», sagt Dietrich. Die Beratung in Sachen Anlage, Finanzierungen oder Vorsorge dürfte laut Dietrich nach wie vor in einer Filiale ablaufen.

Jede Bank entscheidet selbst

Heute zählt der Raiffeisen-Regionalverband Luzern, Ob- und Nidwalden 42 Geschäftsstellen. Kurt Sidler geht nicht davon aus, dass viele geschlossen werden müssen. «Den Entscheid, ob und welche Geschäftsstelle geschlossen wird, treffen zudem die einzelnen Genossenschaften selber», betont er. Es werde nicht in St. Gallen beschlossen, was in Luzern zu geschehen habe. Von diesen rechtlich autonomen Genossenschaften gibt es heute bei Raiffeisen noch 292, 1986 waren es noch 1229. Viele davon waren aber sehr klein. Um die Banken zu stärken, setzen die Genossenschaften auf Fusionen (siehe Box).

Sidler will die Entwicklung bei Raiffeisen aber nicht als Sparübungen verstanden wissen. So sollen 2017 in Gettnau und Ufhusen die beiden Geschäftsstellen zwar geschlossen werden, gleichzeitig eröffnet die Genossenschaftsbank im Nachbardorf Zell eine grössere Geschäftsstelle. «Diese soll die beiden Schliessungen kompensieren», sagt Sidler. Die neue Filiale verfügt sogar über mehr Stellenprozente als die beiden bisherigen Geschäftsstellen. Diese Strategie verfolgt Raiffeisen schweizweit: Während Kleinstfilialen geschlossen werden, entstehen in regionalen Zentren, in den Agglomerationen und Innenstädten neue und moderne Bankhäuser.

Bargeld wird nach Hause gebracht

Und dort, wo Filialen wegfallen, ohne dass eine Raiffeisenbank in «zumutbarer» Nähe ist, bietet die Genossenschaft ihren Kunden verschiedene Dienstleistungen an, die den Wegfall kompensieren sollen. Bargeldheimlieferungen oder Beratungsgespräche zu Hause machen das Aufsuchen einer Filiale überflüssig. Bankenexperte Dietrich glaubt ebenfalls an diesen Trend: «Es ist nicht auszuschliessen, dass in Zukunft die Videoberatung ein grösseres Thema wird und man auch für eine Beratung nicht mehr zwangsläufig zur Filiale gehen muss.»

Sinkende Zahl der Genossenschaften

Noch 1986 gab es 1229 Raiffeisenbanken. Durch Zusammenschlüsse ist diese Zahl aber stark gesunken. Aktuell gibt es 292 Raiffeisenbanken, die rund 1000 Geschäftsstellen betreiben. Die Zahl der Genossenschaften wird auch in Zukunft weiter abnehmen. So wollen beispielsweise die Raiffeisenbanken Luzern und die Raiffeisenbank Littau-Reussbühl fusionieren. Der Zusammenschluss soll 2017 der Delegiertenversammlung der Raiffeisenbank Luzern vorgeschlagen werden. Bei der Raiffeisenbank Littau-Reussbühl soll per Urabstimmung darüber befunden werden. Das Zusammenrücken der beiden Bankinstitute würde zu einer Raiffeisenbank mit fast 24 000 Mitgliedern und einer Bilanzsumme von derzeit gegen 1,8 Milliarden Franken führen.