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RAIFFEISEN: Ex-Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz wird von der Vergangenheit eingeholt

Pierin Vincenz war ein überaus mächtiger Raiffeisen-Chef. Jetzt muss er sich für sein damaliges Verhalten vor den Behörden erklären. Es geht um Interessenkonflikte.
Daniel Zulauf
Pierin Vincenz an einer Helvetia-Generalversammlung. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St. Gallen, 24. April 2015))

Pierin Vincenz an einer Helvetia-Generalversammlung. (Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone (St. Gallen, 24. April 2015))

Daniel Zulauf

Das bereits am Sonntag vor Wochenfrist publik gewordene Verwaltungsverfahren gegen die Raiffeisen-Gruppe richtet sich nun also doch auch gegen deren langjährigen CEO Pierin Vincenz. Was dieser in der vergangenen Woche auf Anfrage von Journalisten noch bestritten hatte, liess er am Sonntag via Medienmitteilung bestätigen. Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Finma) habe «ein Enforcement-Verfahren bezüglich Handhabung von Interessenkonflikten während meiner Zeit bei Raiffeisen Schweiz eröffnet», kommuni­zierte Vincenz am Wochenende. ­Enforcement-Verfahren können vom Berufsverbot über die Einziehung von Gewinnen bis zum Lizenzentzug verschiedene, schwerwiegende Zwangsmassnahmen nach sich ziehen. Die Sache ist für die Bank und ihren Ex-Chef also alles andere als eine Lappalie, zumal Letzterer beim Versicherungskonzern Helvetia auch noch als Verwaltungsratspräsident wirkt.

Zu den Hintergründen des Verfahrens sagte der aktuelle Raiffeisen-Chef Patrik Gisel am Dienstag im Interview mit der «Finanz und Wirtschaft», im Fokus stünden Governance-Themen im Zusammenhang mit der auf KMU-Finanzierung spezialisierten Raiffeisen-Tochter Investnet Holding. Es gehe um die Entscheidungsprozesse, die zu der Beteiligung geführt hätten, und um Fragen, wie die Verträge gestaltet und aufgesetzt worden seien.

Zentralisierung und Machtfülle

Viel lässt sich aus diesen Aussagen nicht herauslesen, ausser vielleicht, dass es in der Raiffeisen-Führung möglicherweise an den Checks und Balances fehlte, wie sie jedes Unternehmen, das unterschiedlichen Anspruchsgruppen gerecht werden muss, eigentlich standardmässig in die Managementprozesse eingebaut haben sollte. Mit eigenmächtigen Verhaltensweisen bringt der 61-jährige Vincenz seine Kritiker freilich schon seit vielen Jahren immer wieder auf die Palme. 2008 prangerte die «Sonntags-Zeitung» seine aufwendigen Reisen an, zum Beispiel, als er sich zusammen mit seiner Ehefrau, der Leiterin der Rechtsabteilung in der Bank, auf Firmenkosten zum EM-Final in Wien fliegen liess – im Privatjet notabene. Mit seinen regelmässigen Helikopterflügen und dem auch sonst reichlich aufwendigen Lebensstil hätte sich Vincenz insbesondere während der Finanzkrise eigentlich als perfekte Projektionsfläche für das damals besonders beliebte Banker-Bashing geeignet.

Doch der Genossenschaftsbanker schaffte es trotz seiner Eskapaden und seiner eigenen Biografie als Investment-Banker, sich erfolgreich als Gegenentwurf zu den Grossbank-Managern zu positionieren. Dieses Kunststück hat viel damit zu tun, dass Vincenz tatsächlich auch grosse Erfolge vorweisen und seine Macht im Unternehmen stark ausbauen konnte. Als Vincenz 1999 die ­Leitung der einstigen Landbank übernahm, zählte diese 600 selbstständige Genossenschaftsbanken mit 1300 Standorten. Inzwischen ist die Zahl der Banken auf 255 geschrumpft, und das Filialnetz ist auf 930 Stand­orte verkleinert worden. Vincenz trieb den Abbau in den Stammlanden von Raiffeisen, in den oft dünn besiedelten Randregionen, voran, indem er Fusionen förderte. Dadurch hat Vincenz die Macht der Zentrale gestärkt und der Gruppe neue strategische Möglichkeiten eröffnet. Den Handlungsspielraum nutzte er für die Eroberung der städtischen Gebiete, in denen Raiffeisen vor der Ära Vincenz noch kaum präsent war.

Für das gute Gelingen dieser ehrgeizigen Expansion zur grössten Hypothekenbank und zur dritten Kraft neben den Grossbanken dürfte die damalige Governance mit der starken Konzentration von Macht und Entscheidungsbefugnissen in den Händen des CEO hilfreich gewesen sein. Mit der Expansion von Raiffeisen in das Private Banking, die 2012 mit dem Kauf der Bank Notenstein (ex Wegelin) ihren Anfang nahm, wurde Vincenz’ Machtfülle bei Raiffeisen zunehmend auch für Aussenstehende sichtbar. Doch die Strategie bei Notenstein ging nicht auf. So gesehen ist es kein Zufall, dass die Finma die Verfahren jetzt anstösst, denn in einer schlechten Governance können früher oder später auch Kunden zu Schaden kommen.

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