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RAIFFEISEN: Neuer Raiffeisen-Chef Patrik Gisel ist von Vergangenheit Vincenz' eingeholt worden

Vor dreieinhalb Jahren hat sich Patrik Gisel als neuer Chef der Genossenschaftsbank von Vorgänger Pierin Vincenz zu emanzipieren begonnen. Doch nun holt ihn die Vergangenheit seines Ziehvaters ein.
Thomas Griesser Kym
In der Defensive: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel macht die Affäre Vincenz zu schaffen. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 22. März 2016))

In der Defensive: Raiffeisen-Chef Patrik Gisel macht die Affäre Vincenz zu schaffen. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 22. März 2016))

Thomas Griesser Kym

«Patrik Gisel lügt.» So betitelt der ­Finanzblog «Inside Paradeplatz» kürzlich einen Artikel über die Affäre um den früheren Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz. Zuvor hatte sich dessen Nachfolger und ­früherer Stellvertreter Gisel verteidigt, er sei von Vincenz «angelogen worden». Die diametral unterschiedlichen Sichtweisen zeigen: Vieles liegt im Strafverfahren gegen Vincenz, dem die Staatsanwaltschaft ungetreue Geschäftsbesorgung und per­sönliche Bereicherung vorwirft, im Nebel verborgen. Und Patrik ­Gisel sitzt mittendrin.

Der Titel des Blogeintrags ­bezieht sich auf Angaben Gisels, wonach er von den mutmass­lichen Machenschaften seines Vorgängers nichts gewusst habe. Als Reaktion publiziert der Blog Auszüge aus dem Bericht der Prüfungsfirma Deloitte vom Oktober 2017. Diese Passagen legen zumindest nahe, dass Gisel informiert war über heikle Transaktionen Vincenz’ und über mutmassliche Interessenkonflikte seines damaligen Vorgesetzten und dass er Auffälligkeiten mög­licher­weise nicht kritisch hinterfragt hat.

Vom Verlust der Selbstsicherheit

Das würde passen ins Bild, das Gisel, Jahrgang 1962, der Öffentlichkeit bisher gemeinhin von seiner Person vermittelt hat: loyal zu seinem Förderer und Unterstützer, unauffällig im Hintergrund seine Arbeit verrichtend, ein stiller und akribischer Schaffer, wie man aus seinem Umfeld hört. 13 Jahre lang ist Gisel bei der Genossenschaft Raiffeisen Schweiz Vize hinter Vincenz, bis dieser im Herbst 2015 das Feld räumt und Platz macht für den Aufstieg ­seiner rechten Hand auf den Chefsessel. Es sieht ganz so aus, als habe er nie was anderes im Sinn gehabt: «Ich konnte mich schliesslich 16 Jahre vorbereiten auf den Job. Das ist ideal», sagt Gisel beschwingt, der seit Anfang 2000 in der Geschäftsleitung sitzt, an seinem ersten Arbeitstag als deren Vorsitzender.

Vor drei Wochen hätte es ein grosser Tag in Gisels Karriere werden sollen. Rekordgewinn, 917 Millionen Franken. Ein mächtiger Sprung, und das im erst zweiten vollen Geschäftsjahr, das der dreifache Schweizer Meister im Turmspringen als Chef verantwortet. Gisel, aufgewachsen in Arbon, studiert und doktoriert an der Hochschule St. Gallen, will sich im Glanz des Rekordes sonnen und damit ein für alle Mal beweisen, dass er aus dem Schatten seines allmächtigen Vorgängers herausgetreten ist. Vincenz ist um einen glamourösen Auftritt nie verlegen, weiss sich stets wortgewaltig in Debatten einzubringen, prescht mal hier vor, mal da, etwa als er 2012 das bis dahin sakrosankte Bankkunden­geheimnis auch im Inland öffentlich in Frage stellt. Raiffeisen baut er von der bäuerlichen Dorfbank zum drittgrössten Bankkonzern der Schweiz aus, expandiert in die Städte, in die Vermögens­verwaltung, kauft Anfang 2012 Konrad Hummler die Trümmer dessen zusammen­gekrachten Wegelin-Imperiums für eine horrende Summe ab und schwärmt von ungeahnten Chancen für Raiffeisen im Geschäft mit Gutbetuchten.

Ganz anders Gisel. Stets nüchtern und korrekt im Auftritt, kein lautes Wort, wenig Emotionen. So auch am Tag der Bilanzmedienkonferenz. Der Rekordgewinn interessiert keinen. Kurz zuvor ist bekannt geworden: Vincenz sitzt in Untersuchungshaft, er wird verdächtigt, sich im Rahmen von Transaktionen mit Beteiligungen im Umfeld der Raiffeisen und der Kreditkartenfirma Aduno, deren grösste Aktionärin die Genossenschaftsbank ist, privat eine goldene Nase verdient und dazu Strohmänner als verdeckte Treuhänder vorgeschoben zu haben. An diesem Tag der Bilanzmedienkonferenz also absolviert der passionierte Triathlet Gisel, dem der Sport hilft, «extrem gut Themen zu verarbeiten» und Ordnung im Kopf zu schaffen, einen Interviewmarathon. Er tut das, wie man es von ihm gewohnt ist, souverän, unaufgeregt. Seine Enttäuschung, dass ihn niemand nach dem Rekordgewinn fragt, schluckt er hinunter, weiss ihn aber ungefragt in jedes Interview einzustreuen.

Ein paar Tage sieht es so aus, als könne Gisel unter dem Deckmantel seines angeblichen Nichtwissens und seiner geäusserten totalen Überraschung über die mutmasslichen Machenschaften Vincenz’ abtauchen und etwas Ruhe finden. Doch dann spült die Affäre Verwaltungsratspräsident Johannes Rüegg-Stürm aus dem Amt, der als Chef eines schwachen Aufsichtsgremiums eine noch schwächere Figur abgibt, und «Inside Paradeplatz» publiziert die Passagen des De­loitte-Berichts, die Gisel und seine Rolle in der Affäre in ein neues Licht rücken. Zusammen mit Interimspräsident Pascal Gantenbein sieht sich Gisel erneut gezwungen, vor die Medien zu treten. Der Druck ist gestiegen, die Enthüllungen und Mutmassungen setzen dem Raiffeisen-Chef zu. Seine Selbstsicherheit ist verflogen. Das Wort führt Gantenbein, auch bei Antworten auf Fragen, die an Gisel persönlich gerichtet sind.

Der sitzt die meiste Zeit verloren am Tischchen, die Hände dicht vor dem Gesicht aneinandergelegt. Es sieht so aus, als ­würde er beten. Von Souveränität ­keine Spur. «Patrik Gisel scheut Konflikte. Er geht ihnen lieber aus dem Weg», sagt eine Person, die längere Zeit in seinem Umfeld bei Raiffeisen gearbeitet hat. Die Person hält auch nichts von den Spekulationen, Gisel habe zur Rettung seines eigenen Kopfes aktiv auf den Rauswurf Rüegg-Stürms hingearbeitet. «Ein solcher Schuss geht nach hinten los. Wenn im Verwaltungsratspräsidium eine stärkere Persönlichkeit folgt und aufräumt, könnte Gisels Position noch gefährdeter sein», sagt die Person. Vielmehr scheint Rüegg-Stürm die Rückendeckung der regionalen Raiffeisen-Verbände und damit jene der Delegierten verloren zu haben. Der Präsident eines Regionalver­bandes sagt unmissverständlich: «Rüegg-Stürm wäre an der Delegiertenversammlung im Juni nicht mehr gewählt worden.» Nicht nur sei in den Regionen das Unverständnis über die Passivität des Aufsichtsgremiums in der Affäre Vincenz und in der Kontrolle des früheren Raiffeisen-Chefs stark gewachsen. Vielen Raiff­eisen-Exponenten sei es zudem «in den falschen Hals geraten» und «sauer aufgestossen», dass ­Rüegg-Stürm versucht habe, sich in ei­nem Interview mit der «NZZ am Sonntag» gleich selber einen Persilschein für seinen Verbleib im Amt auszustellen.

Was hat Patrik Gisel gewusst?

Dagegen ist Gisel weiterhin im Amt, allen Unkenrufen zum Trotz, seine Tage an der Raiffeisen-Spitze seien wohl auch gezählt. Entscheidend ist, was das Strafverfahren der Staatsanwaltschaft gegen Vincenz zutage fördert. Was hat Gisel gewusst, was hätte er wissen, wo reagieren müssen? Das sind Fragen, die einer Klärung bedürfen. Am vergangenen Freitag ist Gisel dies­bezüglich von der Staatsanwaltschaft III des Kantons Zürich ­befragt worden. «Sollte es Anzeichen für ein Fehlverhalten von Vincenz gegeben haben, hätte Gisel nicht die Augen verschliessen dürfen», sagt beispielsweise der Wirtschaftsrechtler Peter V. Kunz.

«Kann ich einige Tage keinen Sport treiben, werde ich nervös und unleidig», sagt Patrik Gisel. Seit er die Bank führe, komme er aber weniger zum Trainieren. Wer Gisel jüngst gesehen hat, dem liegt der Schluss nahe: Seine Aufgaben als Raiffeisen-Chef ­gekoppelt mit der Untersuchung der Finanzmarktaufsicht gegen Raiffeisen wegen Corporate-Governance-Themen plus die Aufarbeitung der Affäre um Pierin Vincenz, seines einstigen Mentors und Vorbildes, beanspruchen ihn enorm. So dürfte der Sport momentan noch weiter hintenanstehen müssen. Für Gisel eine Tortur: «Verzichten kann ich auf vieles, wenn nötig. Nur der Sport ist nicht verhandelbar.»

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