Raiffeisen und Pierin Vincenz: Ein bisschen wie im alten Rom

Eine Analyse zur Vincenz-Affäre bei der Raiffeisen
Daniel Zulauf
Daniel Zulauf

Daniel Zulauf

Was ist Raiffeisen? Die 255 Genossenschaftsbanken stellen im Verbund ein naturgemäss komplexes Gebilde dar. Formell ist jede Kasse unabhängig und ihren Mitgliedern und Kunden verpflichtet. In vielen wichtigen Belangen folgen die Kleinbanken aber scheinbar freiwillig dem Diktat von Raiffeisen Schweiz, wo der Brand in der Affäre um Ex-Chef Pierin Vincenz ausgebrochen ist.

Raiffeisen Schweiz ist selber eine Genossenschaft und gehört zu 100 Prozent den ihr angeschlossenen Banken. Die Gesellschaft, die 1912 – ein Jahrzehnt nach der Gründung der ersten Raiffeisenkasse – in Bichelsee im Kanton Thurgau ins Leben gerufen wurde, nimmt heutzutage die Funktion eines Zentralgehirns im Bankenverbund wahr. Raiffeisen Schweiz verantwortet die Geschäftspolitik und die Geschäftsstrategie der Raiffeisen-Gruppe, und sie fungiert als deren Kompetenzzentrum.

Die Spezialisten in St. Gallen überwachen die Risikostruktur, besorgen die Verteilung der vorhandenen Liquidität und darüber hinaus die zentrale Abwicklung von Wertschriftengeschäften. Raiffeisen Schweiz nimmt auch zahlreiche andere Aufgaben wahr, für die gänzlich unabhängige Banken eigene, kostspielige Stabsabteilungen betreiben müssen: Marketing, Informatik, Recht etc. Und schliesslich hat Raiffeisen Schweiz auch ein eigenes operatives Geschäft aufgebaut.

Kein Branchenkenner würde bestreiten, dass der Aufstieg der Raiffeisen-Gruppe zur drittstärksten Kraft im Schweizer Bankenmarkt ohne diese Zentralisierung nie hätte gelingen können. Das ist der Grund, weshalb Vincenz im Kreis seiner ehemaligen «Familie» bei aller Kritik nach den jüngst publik gewordenen Vorgängen immer noch Zuspruch geniesst.

«Wie die aktuellen Resultate und die strategische Positionierung der Raiffeisenbanken zeigen, hat Raiffeisen Schweiz sehr gute Arbeit geleistet. Wenn jetzt rund um die Einzelperson von Vincenz gewisse Geschäfte untersucht werden, ist das richtig, mindert aber die Gesamtleistung von Raiffeisen Schweiz in keiner Weise», sagt Rolf Fäs, Verwaltungsratspräsident der Raiffeisenbank Aarau-Lenzburg mit 20000 Genossenschaftern. Reto Putschert, Präsident von Raiffeisen Rigi (17000 Mitglieder), gibt sich persönlich zwar betroffen und enttäuscht. «Doch man sollte nicht vergessen: Vincenz hat einiges für die Entwicklung und den Aufbau der Raiffeisen-Gruppe getan. Sein charismatisches Auftreten fand viel Sympathie.» So tönt es weit herum im weitverzweigten Raiffeisen-Imperium: «Raiff­eisen ist gross und professionell aufgestellt. Grösse ist kein Wert für sich selbst, doch an der Professionalisierung können wir anknüpfen», findet Kurt Sidler, der die Genossenschaft in Luzern präsidiert. Über solche versöhnliche Worte mag man staunen, ob des medialen Gewitters, das seit Tagen über der Raiffeisen-Gruppe niedergeht. Doch sie sind symptomatisch für die grosse Distanz, wie sie in der komplexen Organisation zwischen den operativen Einheiten an der Basis und dem umtrie­bigen Management in der St. Galler Zentrale besteht. Fäs, der sein Präsidentenamt seit 2005 ausübt, hatte in dieser Funktion «ab und zu mit Pierin Vincenz zu tun», wie er sagt. Dem gefallenen Manager attestiert er «unbestrittener­massen sehr grosse Verdienste bei der Entwicklung der Raiff­eisen-Gruppe». Die Anschuldigungen seien für ihn deshalb sehr unerfreulich und überraschend. «Sofern die Anschuldigungen tatsächlich wahr sind und bewiesen werden können, kann ich dieses Handeln vor dem Hintergrund seines grossen Erfolges fast nicht nachvoll­ziehen.»

So wie dem betroffenen Präsidenten ergeht es offensichtlich auch vielen ein­fachen Genossenschaftern. Da wird zwar hier und dort geschimpft, verständnislos der Kopf geschüttelt oder vielleicht sogar auf den Tisch geklopft, doch Sidler sagt: «Für keine unserer Genossenschaftsbanken droht durch das Wirken von Vincenz ein finanzieller Schaden. Sie sind sehr gut aufgestellt. Das machen ihre Rechnungsergebnisse deutlich.» Den Raiffeisen-Bankern an der Basis sind Vincenz’ Ausschweifungen in den vergan­genen Jahren natürlich nicht verborgen geblieben. Im Wissen um seinen aufwendigen Lebensstil, seine oft grossspurigen Auftritte mit überdimensionierten Prestigekarossen und die legendär gewordenen Helikopterflüge werden sich viele schon vor langer Zeit die Frage gestellt haben, ob dieser Manager die Bodenhaftung verloren hat.

Doch mitverantwortlich für die Geschehnisse in der Zen­trale fühlte sich kaum jemand. Das dürfte mithin eine Erklärung dafür sein, dass die Genossenschaftsbanken nicht stärker auf eine direkte Mitwirkung im Verwaltungsrat von Raiffeisen Schweiz hingearbeitet haben und so ein auffallend praxisfernes Gremium entstehen liessen. Es ist bezeichnend, dass der per sofort abgetretene Verwaltungsratspräsident, Johannes Rüegg-Stürm, seinen Gesinnungswandel mit den negativen Reaktionen aus der Basis erklärte, die man dort so gar nicht zu hören bekommt: «Viele Genossenschafter und Kunden sind irritiert, enttäuscht und frustriert über das, was zu Tage getreten ist», sagte der St. Galler Management-Professor. Sein Rücktritt sei «ein wichtiger Schritt, um die Glaubwürdigkeit von Raiffeisen Schweiz lang­fristig zu erhalten». So wie er seine Aufgabe als Oberaufseher von Vincenz in den vergangenen Jahren unterschätzt haben dürfte, scheint er nun die Wirkung seiner Rücktrittsgeste zu überschätzen.

Es sind Vorstellungen über das Leben im antiken Rom, die sich dem Beobachter der Vincenz-Affäre aufdrängen. Die Intrigen und internen Kämpfe um Macht und Geld, wie sie die Senatoren unter sich und mit Beteiligung des Kaisers auszufechten pflegten, nahm man in den peripheren Regionen des Imperiums allen­falls achselzuckend zur Kenntnis, solange die römischen Heere als Sieger aus den Schlach­ten gingen. Für die Glaubwürdigkeit von Raiffeisen an der Basis wird der wirtschaftliche Erfolg auch in Zukunft wichtiger sein als die Namen der Verwaltungsräte – was nicht heissen soll, dass dem Gremium ein grösseres Mass an bank­technischer Kompetenz gut anstünde.

Daniel Zulauf

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