Derivate
Raiffeisen wird nicht glücklich mit Leonteq: Was bedeuten die Rückzüge der Verwaltungsräte?

Zwei prominente Verwaltungsräte ziehen sich aus der krisengeschüttelten Finanzfirma zurück. Was hat das zu bedeuten?

Beat Schmid
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VR-Präsident Pierin Vincenz möchte mit dem eingeleiteten Turnaround die Gesellschaft an ein neu zusammengesetztes Team übergeben.

VR-Präsident Pierin Vincenz möchte mit dem eingeleiteten Turnaround die Gesellschaft an ein neu zusammengesetztes Team übergeben.

Sandra Ardizzone

Eines muss man der Zürcher Finanzboutique Leonteq lassen: Es gelingt ihr immer wieder, die Märkte auf dem falschen Fuss zu erwischen. Gestern war es wieder einmal so. Für einmal waren es aber keine negativen Nachrichten, welche die Spezialistin für strukturierte Finanzprodukte verbreitete. Solche gab es zuhauf in den vergangenen Monaten, als die Firma zum Teil massive Ertragseinbrüche vermelden musste.

Die gestern präsentierten Geschäftszahlen fürs erste Halbjahr waren besser als erwartet. Der Aktienkurs schoss um bis zu acht Prozent nach oben. Damit haben sich die Titel seit dem Tiefststand im letzten Herbst verdoppelt. Dennoch liegt der Aktienkurs immer noch 75 Prozent unter dem Höchststand von 224 Franken von vor drei Jahren. Die Firma, welche im zweiten Halbjahr 2016 massive Verluste erlitt, konnte die Kosten deutlich senken und hat zum Teil wieder mehr Gebühren eingenommen, die sie durch die Produktion von Finanzderivaten für Dritte verdiente.

«Potenzielle Interessenskonflikte»

Die Halbjahreszahlen waren die eine Überraschung, die grössere war jedoch der Doppelrücktritt von zwei prominenten Vertretern aus dem Verwaltungsrat. Und zwar von Patrik Gisel, dem Chef der Raiffeisen-Gruppe, und von VR-Präsident Pierin Vincenz, Gisels Vorgänger bei Raiffeisen und heutiger Präsident von Helvetia. Sie bleiben noch bis zur ausserordentlichen Generalversammlung im Herbst.

Während Patrik Gisel keine Gründe für den Rücktritt nannte, gab Vincenz in einem Statement bekannt, dass mit dem eingeleiteten Turnaround die Gesellschaft «wieder in die Profitabilität zurückgeführt» werden konnte. Nun möchte er an ein neu zusammengesetztes Team übergeben. Zudem nannte Vincenz «potenzielle Interessenskonflikte», die auf ihn zukommen könnten, da Leonteq in Zukunft das Geschäft mit Versicherungen ausbauen will.

Das mag alles stimmen, dennoch dürfte es noch weitere Gründe für den überraschenden Abgang der beiden Spitzenmanager geben. Zum Hintergrund: Raiffeisen investierte viel Geld in Leonteq, als diese zu einem galaktischen Höhenflug ansetzte und man überzeugt war, dass die junge Zürcher Firma mit ihren Produkten und ihrem Know-how im Bereich der strukturierten Produkte weltweit Erfolg haben könnte.

Doch die Träume zerplatzten bald. Strukturierte Produkte bleiben eine Eigenheit des Schweizer Marktes. Produkte, die einen fixen Zins zahlen, solange bestimmte Kursschwellen von einer oder mehreren Aktien nicht unterschritten werden, lieben zwar Schweizer Investoren. Doch im Ausland bissen die Anleger nicht zu. Obwohl Leonteq immer wieder Kooperationen mit weltweiten Partnerbanken in Aussicht stellte, der Durchbruch kam nie. Die internationale Expansion geriet zum Fiasko.

Heftige Bewertungsverluste

Die Aktienkurse tauchten massiv, und Raiffeisen musste 2016 heftige Bewertungsverluste verbuchen. Damit dürfte Raiffeisenchef Gisel der Geduldsfaden gerissen sein. Die hochfliegenden Pläne seines Vorgängers Vincenz wurden zur Hypothek. Jetzt übt sich die Genossenschaftsbanken-Gruppe in Schadenbegrenzung. Fortan wird nicht mehr Gisel im Verwaltungsrat sitzen, sondern einer seiner Kollegen aus der Geschäftsleitung. Wie die «az Nordwestschweiz» erfahren hat, handelt es sich dabei um den Chef der Zentralbank, Paulo Brügger.

Der Rückzug des Gespanns Gisel/Vincenz macht aus Konkurrenzgründen Sinn. Klar ist, dass sich Leonteq jetzt wieder vermehrt auf den Schweizer Markt konzentrieren wird. Gemäss Recherchen laufen derzeit Gespräche mit den beiden Versicherern Swiss Life und Mobiliar. Jan Schoch, der Mitgründer und CEO von Leonteq, kann sich freuen. Vor der Belegschaft sagte er gestern, dass «wir uns wieder auf Feld eins befinden». Für ihn geht es wieder von vorne los, und Vincenz ist er los.