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Raiffeisen hat einen langen Weg vor sich

Die Absetzung langjähriger Bankkader stösst auf Kritik – das Reformprojekt kommt mit Verspätung. Die Erneuerungsarbeiten werden ausserdem erst im nächsten Jahr abgeschlossen werden.
Beat Schmid
Der Raiffeisen-Hauptsitz in St. Gallen. Bild: Gaëtan Bally/Keystone St. Gallen, 5. Juni 2018)

Der Raiffeisen-Hauptsitz in St. Gallen. Bild: Gaëtan Bally/Keystone St. Gallen, 5. Juni 2018)

Die Art und Weise, wie sich Raiffeisen Schweiz dreier langjähriger Geschäftsleitungsmitglieder entledigte, kennt man eigentlich nur von Grossbanken. Raiffeisen- Präsident Guy Lachappelle teilte am Montag mit, dass die Bank in Zukunft ohne sie plane. Unverzüglich mussten die langjährigen Mitarbeiter den Badge abgeben und das Unternehmen verlassen.

In einer Medienmittelung von Dienstagfrüh hiess es, dass Burn und Hodel «per sofort ihre Funktionen abgaben» und Paulo Brügger «per sofort» seinen Rücktritt als Mitglied der Geschäftsleitung erklärt habe. Noch im Amt ist er als Verwaltungsrat von Leonteq, das an der Raiffeisen eine Beteiligung hält. Doch: «Paulo Brügger wird das Mandat abgeben», sagt eine Bank-Sprecherin. Raiffeisen werde zu gegebener Zeit über die Nachfolge informieren.

Damit seien alle Geschäftsleitungsmitglieder aus dem Unternehmen ausgeschieden, die bereits vor 2015 Teil des Gremiums waren, hiess es weiter in der Mitteilung. Mit dieser Formulierung will die neue Führung wohl hervorheben, dass die Geschäftsleitung nun alle Vertrauten des früheren Raiffeisen-Chefs Pierin Vincenz entledigt habe.

Schaler Beigeschmack

Doch stimmt das? Die Erklärung von Raiffeisen ist doppelt fragwürdig. So ist etwa Finanzchef Christian Poerschke noch von Pierin Vincenz 2015 in die Geschäftsleitung geholt worden. Als früherer Chefcontroller dürfte er zudem eher mit den Vincenz-­Deals in Kontakt gekommen sein als seine drei nun geschassten Kollegen. Doch Poerschke geniesst weiterhin das Vertrauen von Lachappelle. Dieser sagte auf Anfrage, dass die «notwendigen Erneuerungen stattgefunden haben». Umgekehrt ist Beat Hodel erst vor einem Jahr in die Geschäftsleitung gekommen. Zuvor war er Chef der Gruppen-Risikosteuerung und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung.

Raiffeisen-intern kommt die Säuberungswelle nicht nur gut an. «Ein Neuanfang ist zwar absolut nötig. Der Rauswurf hat aber einen schalen Beigeschmack», sagt ein Kadermann in St. Gallen. Gerade für Gabriele Burn – der einzigen Frau in der Geschäftsleitung – sei es besonders bitter, da sie als Bindeglied zu den Genossenschaften in keinem einzigen Deal involviert gewesen sei. Zudem stellt der Kadermann fest, dass das Prinzip Tabula rasa ja nicht zu Lachappelle passe. Bei seinem früheren Arbeitgeber, der Basler Kantonalbank (BKB), habe er sich mit Händen und Füssen gegen Veränderungen gewehrt. Damit spielt er auf die Aufarbeitung des ASE-Skandals an. Lachappelle, der zunächst vom Betrugsfall profitierte und zum CEO ernannt wurde, kam in der Folge selbst ins Visier. Bei seinem Wechsel zu Raiffeisen war er der letzte Manager in der BKB-Geschäftsleitung, der direkt in den Skandal involviert war. Als Kreditchef fielen ihm fragwürdige Kundenpositionen zwar auf, doch er muss sich vorwerfen lassen, nicht genügend forsch interveniert zu haben.

Beim ASE-Skandal haben mehr als 2000 Anleger über 170 Millionen Franken verloren. Die juristische Aufarbeitung dürfte noch Jahre dauern. Nächste Woche findet eine weitere Gerichtsverhandlung statt. Umstritten ist Lachappelles Rolle bei der BKB auch deshalb, da er sämtliche Rechtsmittel einlegte, um die Her­ausgabe eines internen Berichts an die Strafermittlungsbehörden zu verhindern. In St. Gallen dagegen war Lachappelle treibende Kraft hinter der Veröffentlichung des sogenannten Gehrig-Berichts von dieser Woche, wie man aus dem Innern der Bank hört.

Der Untersuchungsbericht von Bruno Gehrig deckte grosse Schwächen in der Organisation der Bank auf. Diese soll im Rahmen der sogenannten «Reform 21» gestärkt werden. Die Reformen werden von einem internen Projektteam, mehreren Beratungsfirmen und einem Steuerungsausschuss vorangetrieben. Co-Leiter des Projektteams sind Präsident Lachappelle sowie Kurt Sidler, der Vorsitzende der Raiffeisen-Verbandspräsidenten.

Stimmberechtigung für alle Regionalgenossenschaften?

Wie Sidler auf Anfrage dieser Zeitung erklärt, wird der Erneuerungsprozess mehr Zeit in Anspruch nehmen als ursprünglich geplant. «Voraussichtlich können wir den ersten Schritt im Herbst an einer ausserordentlichen Delegiertenversammlung abschliessen», sagt Sidler. Dabei geht es um die Erneuerung der Corporate Governance. Im Zentrum stehen Fragen wie, ob jede Regionalgenossenschaft über eine Stimme verfügen soll oder nicht. Jetzt sind die Genossenschaften in Regionalverbänden organisiert, die wiederum eine Anzahl Delegierte ernennen können.

In einem weiteren Schritt sollen der Dienstleistungskatalog sowie das Finanzierungskonzept der Gruppe neu definiert werden. Die Erneuerungsarbeiten dürften erst im Jahr 2020 abgeschlossen werden.

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