Schienengüterverkehr
Raststatt-Desaster: Wochenlange Zugausfälle kosten 2 Milliarden Euro

Rastatt-Desaster 2 Milliarden Euro hat die Unterbrechung der Bahnstrecke gekostet. Doch wie gross sind die Umweltschäden und der Vertrauensverlust in die Schienen?

Gerhard Lob
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Wegen einer Gleisabasenkung war der Nord-Süd-Verkehr unterbrochen.DPA/Keystone

Wegen einer Gleisabasenkung war der Nord-Süd-Verkehr unterbrochen.DPA/Keystone

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Die Sperrung der Rheintalstrecke bei Rastatt zwischen dem 12. August und 2. Oktober 2017 hat zu einer veritablen und europaweiten Krise im Schienengüterverkehr geführt. Dabei dürften die volkswirtschaftlichen Schäden weit grösser sein als bisher angenommen. Zu diesem Schluss kommt eine umfangreiche Studie von Hanseatic Transport Consultancy (HTC) in Hamburg.

Von dem siebenwöchigen Unterbruch, der durch eine Gleisabsenkung an einer Tunnelbaustelle ausgelöst wurde, war auch die Schweiz direkt betroffen. Denn die Rheintalbahn ist eine direkte Zulaufstrecke von Norden nach Basel und in Gegenrichtung.

Die 81-seitige Studie, welche dieser Zeitung vorliegt, beziffert die Wertschöpfungsverluste aus dem Rastatt-Unterbruch auf rund 2 Milliarden Euro. Gemäss Schätzungen und Hochrechnungen auf Grundlage ausgefallener oder umgeleiteter Züge sowie Interviews mit betroffenen Logistikern und Firmen gehen rund 1,7 Milliarden Euro zulasten von Unternehmen des Sektors Schienenlogistik und ihrer Kunden. Der Ausfall und die Verspätungen erforderten zusätzliches Personal und Anstrengungen. An sonstigen Wertschöpfungsverlusten werden weitere 300 Millionen Euro erwartet.

Den Preis bezahlt auch die Umwelt

Für die Zeit des Unterbruchs, die teils in die Sommerferienperiode fiel, konnte von durchschnittlich 162 Güterzügen täglich ausgegangen werden. Somit hätten 8262 Güterzüge unter normalen Bedingungen verkehren können. Tatsächlich verkehrten während des Unterbruchs nur 33 Prozent der «planmässigen» Güterzüge, dies jedoch zum Teil unter widrigen operativen Bedingungen. Zwei Drittel der Güterzüge entfielen gänzlich.

Die Hupac AG in Chiasso, führender Anbieter für den alpenquerenden kombinierten Verkehr, beziffert den entstandenen Schaden auf 20 bis 15 Millionen Franken. «Im Jahr 2017 konnten wir von 28 000 geplanten Zügen rund 3000 nicht fahren, davon gut die Hälfte als Folge des Rastatt-Desasters», erklärt Hupac-Sprecherin Irmtraut Tonndorf auf Anfrage.

Durch den Unterbruch verlor der Schienengüterverkehr in der Schweiz etwa 3,5 bis 4 Prozent seines Jahresaufkommens 2017. Dass die Waren trotzdem – häufig mit Verspätung – ihren Weg nach Süden fanden, lag am Wechsel auf andere Verkehrsträger wie das Binnenschiff (Rheinhafen Basel) und Lastwagen. Während des Unterbruchs kam es mit einem wöchentlichen Plus von 1000 Camions zu einem leichten Zuwachs des Lw-Verkehrs in der Schweiz.

Den Preis für den Umstieg auf Lastwagen bezahlte auch die Umwelt. Gemäss einer Modellrechnung wurden allein auf der Relation Karlsruhe und Basel 39'000 Tonnen mehr CO2 ausgestossen. Alleine daraus entstanden weitere gesellschaftlich relevante Kosten durch Umweltschädigung in der Grössenordnung von bis zu 8,4 Millionen Euro.

Vertrauen in die Bahn ruiniert

Neben den finanziellen Schäden ist gemäss der vorlegenden Expertise ein grosser Vertrauensverlust in den Schienengüterverkehr eine direkte Folge des Rastatt-Desasters. «Bestimmte, während des Unterbruchs abgewanderte Verkehr dürften voraussichtlich auf Dauer für die Schiene verloren sein», heisst es. Das Vertrauen in die Schienenlogistik sei bei Verladern nachhaltig erschüttert. Berichtet wird von Logistikleitern, die sich inzwischen rechtfertigen müssten, wenn sie auf den umweltfreundlichen Schienengüterverkehr setzen wollen.

Noch offen ist, was in Bezug auf allfällige Schadenersatzforderungen aus dem Rastatt-Unterbruch wird. Frank Sennhenn, der CEO der DB Netz AG, welche die Infrastruktur der Deutschen Bahn betreibt, hatte im Dezember bei einer Tagung in Düsseldorf erklärt, das man sich mit den Unternehmen, die die Bauausführung in Rastatt gemacht hätten, in einem Schlichtungsverfahren befände. «Da wird geklärt, wer und ob überhaupt jemand Schuld an diesem Unfall trägt, oder ob es höhere Gewalt war», so Sennhenn.

Wenigstens auf EU-Ebene scheint das Rastatt-Desaster etwas bewirkt zu haben. Bis Mitte Jahr soll ein Umleitungskonzept im Fall eines Streckenunterbruchs vorliegen.