Lehrabgänger
Rauer Wind für die Lehrabgänger

Der wirtschaftliche Ausnahmezustand trifft die Lehrabgänger hart. Viele werden trotz erfolgreicher Abschlussprüfung keinen Job finden. Eine Umfrage in der Region zeigt, dass das Problem unterschiedlich angegangen wird.

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Uhrwerkhersteller ETA

Uhrwerkhersteller ETA

Schweiz am Sonntag

von Franz Schaible

Im August strömen rund 2400 Lehrabgänger auf den Solothurner und etwa 9000 auf den Berner Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote wird steigen, denn längst nicht alle der in der Regel topausgebildeten Berufsleute finden einen Job. Die Zunahme der Arbeitslosigkeit unter den 20- bis 24-jährigen hat sich bereits beschleunigt. Im Kanton Bern stieg die Quote (Stand Mai) innert Jahresfrist von 2,2 auf 3,9 Prozent, im Kanton Solothurn von 3,2 auf 6,3 Prozent und landesweit von 3,1 auf 5,0 Prozent.

Einzelne Befragungen zeigten ein uneinheitliches Bild, erklärt Hugo Borner, Abteilungsleiter Berufslehren beim Solothurner Amt für Berufsbildung, Mittel- und Hochschulen. «Generell ist die Situation für Lehrabgänger schwieriger geworden.» Viele, insbesondere kleinere Betriebe stünden vor einem Dilema: «Biete ich dem jungen Berufsmann einen Arbeitsplatz oder biete ich eine neue Lehrstelle an?» Erfahrungen in der Vergangenheit zeigten, dass die Mehrheit der Firmen ihre Veranwortung wahrnehmen und die Lehrabgänger wenn möglich weiterbeschäftigen.

Beim Langenthaler Maschinenbaukonzern Ammann ist die Bereitschaft gross, eine Lösung für die Lehrabgänger zu finden. Diesen Sommer werden 31 Jugendliche ihre Lehrausbildung abschliessen, wie Mediensprecher Lukas Jenzer erklärt. «Unser Grundsatz ist, dass alle eine Chance erhalten, wenn es im Betrieb geeignete Stellen hat.» Bislang sehe die Bilanz ausgesprochen positiv aus. Von jenen, die die Firmengruppe nicht auf eigenen Wunsch verlassen wollten, sei bereits für über drei Viertel eine interne Lösung gefunden worden.

Ammann bemühe sich aus Tradition darum, für die Lehrabgänger eine Stelle zu finden. «Wir bilden die junge Leute vor allem auch für unseren Betrieb aus», sagt Jenzer. In der aktuellen Krisenzeit leiste das Unternehmen aber einen zusätzlichen Effort, damit für möglichst viele Lehrabgänger eine Anschlusslösung gefunden werden kann. Der Maschinenbauer ist mit aktuell 130 Lernenden einer der grössten Lehrbetriebe in der Region.

Grundsätzlich sind Lernende «ein wichtiges Kapital der Firma», erklärt Reto Kohli, Leiter Aus- und Weiterbildung beim Uhrwerkhersteller ETA AG in Grenchen. Die berufliche Grundbildung sei für die Swatch-Tochter ein unerlässliches Rekrutierungsinstrument. Deshalb bemühe man sich generell, dass die Ausgelernten im Betrieb blieben. «Drei Viertel der Lehrabgänger bleiben dem Lehrbetrieb ETA erhalten», sagt Kohli.

«Allerdings gibt es bei uns keine Garantie auf eine Weiterbeschäftigung nach der Lehre.» Das wäre auch nicht im Sinne der Jugendlichen, die sich in der Regel sehr flexibel auf dem Arbeitsmarkt bewegten. «Aber wir helfen mit, dass möglichst alle einen Job nach der Berufslehre finden.» Bei der ETA-Gruppe schweizweit werden diesen Sommer 40 Lernende ihre Berufsausbildung etwa als Polymechaniker, Kaufmann oder Uhrmacher abschliessen. In der nun schwierigen Phase würden diese Anstrenungen noch intensiviert. Insgesamt bildet Eta zurzeit 171 Lernende aus.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Baloise Bank SoBa in Solothurn, bei welcher diesen Sommer acht Lernende ihre Lehre abschliessen werden. «Wir haben bereits vor Jahren einen ‹Lehrabgängerpool› eingerichtet», erläutert SoBa-Sprecher Marco Sauser. Darin biete die Bank befristete Arbeitsverträge jeweils bis Ende Jahr an. «In dieser Zeit muss ein Festeinsatz definiert werden können, ansonsten läuft die Anstellung aus.» Der «Lehrabgängerpool» habe sich bewährt. «Wir bemühen uns sehr, dass wir die jungen Berufsleute direkt anstellen können. Ansonsten begleiten wir diese eng bei der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz.»

Wer einen eher seltenen Beruf erlernt, hat auch grössere Chancen auf eine Weiterbeschäftigung nach der Lehre. Jedenfalls ist dies bei der Christ Dach und Fassaden AG in Selzach der Fall. «Wir sind daran interessiert, die ausgebildeten Dachdecker im Betrieb zu halten, sind diese Berufsleute doch eher rar», sagt Firmeninhaber Marcel Christ.

Zur Situation der Lehrabgänger reichte diese Woche die Solothurner SP-Kantonsrätin Franziska Roth eine Interpellation ein. Sie will wissen, ob der Kanton Vorbildcharakter einnehme und aktiv Anschlusslösungen für die Lehrabgänger realisiere. Deshalb wollte Finanzdirektor und damit auch oberster Personalchef, Christian Wanner, keine offiziellen Aussagen machen. Er persönlich ist der Meinung, dass die Lehrabgänger weiterbeschäftigt werden sollten, wenn es das betriebliche Umfeld erlaube.

«Ich bin aber gegen die Einführung eines generellen Anrechtes für Lehrabgänger zur Weiterbeschäftigung.» Die Interpellation wurde übrigens vom Parlament als nicht dringlich erklärt. Ganz anders im Kanton Zürich. Das Kantonsparlament hat beschlossen, dass die Kantonsverwaltung alle Lehrabgänger ohne Anschlusslösung bis maximal 18 Monate weiterbeschäftigen müsse.

Als «frustrierend» beurteilt Rolf Jezler die beruflichen Perspektiven der Jugendlichen. Er spürt als Prüfungsexperte für mechanisch-technische Berufe bei Swissmechanic Region Solothurn den Puls. Gespräche mit den Lehrabgängern zeigten, dass «der überwiegende Teil nicht im Lehrbetrieb wird bleiben können». Swissmechanic übernimmt für KMU die Ausbildung, denen die Infrastruktur fehlt. In Gerlafingen werden rund 120 Lernende ausgebildet.

Nicht nur die Krise, sondern auch die steigenden Erwartungen der Arbeitgeber führe zu Problemen. «Am besten ist der Angestellte 20-jährig, besitzt zehn Jahre Berufserfahrung, spricht vier Sprachen und hat alle Weiterbildungen absolviert», meint Jezler ironisch.