RAUMFAHRT: Neuer Wettlauf der Satellitenbauer im Weltall

Das Satellitengeschäft erlebt einen spektakulären Boom: Die Abschüsse ins All steigen rasant an. Die Europäer rennen der Entwicklung nicht hinterher – sie dominieren den Markt.

Stefan Brändle/Paris
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Schaulustige fotografieren den Abschuss eines Wettersatelliten in Florida. (Bild: Malcolm Denemark/AP (Cape Canaveral, 19. November 2016))

Schaulustige fotografieren den Abschuss eines Wettersatelliten in Florida. (Bild: Malcolm Denemark/AP (Cape Canaveral, 19. November 2016))

Stefan Brändle/Paris

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Der Himmel hängt voller Satelliten. Laut einer Studie des in der Branche massgeblichen Beraterbüros Euroconsult werden bis 2025 über 9000 Satelliten ins Weltall befördert werden. Bei den meisten wird es sich zwar um Kleinkörper unter 500 Kilo handeln. Doch auch das Geschäft mit den herkömmlichen Satelliten, von denen in den letzten zehn Jahren 1480 Exemplare ausgesetzt wurden, dürfte laut Euroconsult um die Hälfte zulegen. Insgesamt sagt das Pariser Büro dem Satellitengeschäft bis 2025 einen Jahresumsatz von 27 Milliarden Euro voraus.

Für diesen Boom gibt es mehrere Gründe. Die Welt braucht mehr Klima- und Wettersatelliten, zudem bauen die Grossmächte ihre Spionagetätigkeit aus. Vor allem aber wollen private Grossprojekte wie SpaceX oder OneWeb den Planeten lückenlos mit Internet abdecken, was viele hundert Minisatelliten bedingt. Neue Konsumtrends wie Streaming verlangen zudem höhere Satellitenkapazitäten.

«Ausschlaggebend war vor Jahren schon die Entscheidung der amerikanischen Weltraumbehörde Nasa, Dienstleistungen im All an private Anbieter zu vergeben», meint Rachel Villain von Euroconsult. Milliardäre wie Elon Musk (SpaceX) oder Jeff Bezos (Amazon) sehen sich als die neuen Weltraumpioniere; aber auch angestammte US-Konzerne wie Boeing oder Lockheed Martin wittern das grosse Geschäft. Die Russen, Japaner und Inder bauen ebenfalls Trägerraketen; die Chinesen haben darüber hinaus sogar einen ersten Auftrag für den Bau eines – thailändischen – Telekomsatelliten eingeheimst.

Die Europäer hinken der Entwicklung für einmal nicht hinterher – sie dominieren den Markt sogar dank der Ariane-Rakete. Die fünfte Generation ist so pünktlich und zuverlässig wie keine Konkurrentin, kommt sie doch auf mittlerweile 76 geglückte Starts in Folge. Dafür kann die Airbus- und Safran-Tochter Arianespace die höchsten Preise am Markt verlangen. Am vergangenen Wochenende startete in Kourou der Telekomsatellit Hispasat, der von Spanien bis Südamerika TV-Programme übertragen soll. Obwohl die Öffentlichkeit davon kaum Kenntnis genommen hat, ist im weltweiten Satellitengeschäft eine wichtige Etappe erreicht. Hispasat beruht nämlich auf der revolutionären SmallGeo-Technologie, die es erlaubt, die Plattform des Satelliten in Serie herzustellen. Dieser vielfältig verwendbare Antrieb, auch «Satellitenbus» genannt, dient Nutzlasten von bis zu 3,5 Tonnen.

Die neuen Satelliten entstehen am Fliessband

Auch bei den aufkommenden Minisatelliten für das Highspeed-Internet ist Serienfertigung Trumpf. Der amerikanische Webpionier Greg Wyler hat mit dem deutschen Airbus-Chef Thomas Enders letztes Jahr ein Joint Venture gestartet, um die Bestandteile seines himmels­umspannenden Netzes OneWeb ins All zu schiessen. In einer Fabrik in Cap Canaveral (Florida) werden die 648 Kleinsatelliten am Fliessband entstehen. «New Space», wie die neue Raumfahrt­ära bereits genannt wird, stellt die bisherigen Produktions­abläufe auf den Kopf: Während die Ingenieure bisher jeden Satelliten in wahrer Goldschmied-Arbeit nach Mass zusammenbauten, entstehen die 150 Kilo schweren OneWeb-Satelliten an Roboterschienen. Die ersten OneWeb-Himmelskörper sollen 2018 bereit sein. Zwei Jahre später wollen SpaceX und Google ihr eigenes Telekomnetz aus über 4400 Minisatelliten in Betrieb nehmen. Deren Lebenszeit wird allerdings nur fünf Jahre betragen, dreimal weniger als bei heutigen Satelliten. Das führt dazu, dass die Produktion bei OneWeb oder SpaceX ständig weiterlaufen wird. Die ausrangierten Satelliten werden im genannten «Friedhofsorbit» 300 Kilometer weiter im All deponiert.

Im irdischen Bereich wird die Arbeit trotz der Roboterisierung der Branche nicht ausgehen. Der neue Chef der Raumfahrtsparte von Airbus, der ­Franzose Nicolas Chamussy, verspricht allein für 2017 tausend Neueinstellungen.