Digitalisierung
Realer Shop ist gefährdet durch den virtuellen Shop

Die Reisebranche ist nur das jüngste Beispiel des Strukturwandels durch die Digitalisierung. Auch andere Läden singen den Lädelisterbenblues.

Christoph Bopp
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Immer mehr kaufen online ein (Symbolbild)

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Keystone

Es gibt Fremdwörter und es gibt Wörter, die Fremdes ganz vertraut klingen lassen. «Lädelisterben» ist so ein Wort. Es liefert den Grundsound für den Gegenwartsblues.

Natürlich meint das Wort nicht mehr nur den Tante-Emma- oder gar den Kolonialwarenladen. Die sind längst um die Ecke. Heute reden wir von Buchhandlungen und Sportgeschäften. Sie singen den Lädelisterbenblues. Aber auch Klamottenshops, die man für unzerstörbar hielt. Etwas anziehen muss der Mensch schliesslich immer.

Digitalisierung tötet Lädeli

Der Hintergrund ist bei allen Branchen gleich. Hier dient das Fremdwort: «Digitalisierung». Gemeint ist, dass der Kunde nicht mehr ins Geschäft kommen muss, um sich die Ware anzuschauen und sie dann zu kaufen. Sondern, dass er bequem zu Hause mit seinem Computer das Gewünschte bestellen und sich liefern lassen kann. Die Fachgeschäfte dienen allenfalls noch als eine Art Teststrecke. Man stöbert in den Buchläden, schmökert ein bisschen und bestellt dann bei Amazon. Man lässt sich vom Sportartikelfachmann beraten, welches das beste Snowboard ist, und bestellt dann . . . – siehe oben. Kleiderläden erwägen, ob sie Eintrittsgeld erheben sollen, wenn «Kunden» reinschauen, sich beraten lassen, vielleicht sogar die Hose anprobieren und dann zu Hause . . . – siehe oben.

Das Geschäftsmodell des realen Shops ist gefährdet durch den virtuellen Shop. Der virtuelle Shop hat kaum kompensierbare Vorteile. Verkaufsraum an guter Lage ist teuer. Und auf der grünen Wiese lässt sich auch ein umfassenderes Lager billiger und effizienter betreiben.

Bleibt der Faktor «Erleben»: Etwas in die Hand nehmen, etwas real sehen und fühlen – das kann das Internet (noch) nicht bieten. Das Argument kennen wir aus dem Newsgeschäft. Liebhaber von Printprodukten bringen es ins Spiel. Sie wollen am «Haptischen» festhalten. Kein Zmorge ohne Zeitungspapiergeraschel.

Reisebürofilialen als Lädeli?

So gesehen, gehört der Kuoni-Umbau offenbar auch zum Lädelisterben. Der Reisebürokunde kann nicht mal mit dem Haptischen angelockt werden. Darin vergleichbar ist das Retailgeschäft der Banken und Versicherungen, wo das Phänomen ebenfalls eine happige Ernte an Stellen einfahren wird. Schliesslich kann auch ein Internet-Portal einen Prospekt kompetent erklären.

«Digitalisierung» nennt sich der Prozess; «alles sieht, registriert, steuert und erledigt ein Computer» ist seine Beschreibung und das «Internet der Dinge» ist das Ergebnis. Und wenn wir dem Zukunftsphilosophen Jeremy Rifkin glauben, ist sein Sound nicht der Blues, sondern das Menuett, auf jeden Fall etwas Fröhliches.

Denn das Internet der Dinge, sagt Rifkin in seinem letzten Wälzer «Die Null-Grenzkosten-Gesellschaft», ist ein Teil einer neuen Trias der Energie/Kommunikation-Matrix (der dritte Teil wäre die Logistik). Immer wenn sich dort Innovationen breitmachen, wird unser Wirtschaftssystem umgewälzt. Viele Dinge werden gratis (oder fast): Energie, Informationen, Bildung, sogar allerlei Produkte (sofern wir sie mit den 3-D-Druckern selber herstellen können). Das ist das eingelöste Versprechen des Kapitalismus. Intelligente Technologie macht die Produktion so billig und effizient, dass wir nicht mehr arbeiten müssen. Ob wir dann mit so viel Freizeit nicht froh wären, wir könnten unsere Ferien im Reisebüro buchen – das wird sich weisen müssen.