RECHENZENTREN: Das Geschäft mit den Daten

Ein europäisches Gerichtsurteil dürfte dem «Datentresor Schweiz» Auftrieb geben. Doch im Markt für Datenzentren gibt es einige Unwägbarkeiten.

Maurizio Minetti
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Das Geschäft mit den Datenbunkern boomt. (Bild: EPA)

Das Geschäft mit den Datenbunkern boomt. (Bild: EPA)

Datenschützer feierten Anfang Monat ein wegweisendes Urteil: Der Europäische Gerichtshof kippte das zwischen Europa und den USA geltende «Safe Harbor»-Abkommen. Damit ist juristisch untermauert, dass elektronische Daten von Europäern in den USA nicht sicher sind vor dem Zugriff von Behörden – die USA sind also kein sicherer Hafen mehr für europäische Daten. Heute nutzen viele Europäer Online-Dienste von Facebook, Dropbox, Google, Amazon oder Microsoft. Diese amerikanischen Firmen speichern die Daten ihrer europäischen Nutzer unter anderem auch in Datenzentren in den USA. Seit den Enthüllungen des Ex-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden weiss man aber, dass der US-Geheimdienst NSA auf diese Daten Zugriff hat.

Schweizer Anbieter profitieren

Die Schweiz als «sicherer Datentresor» könnte von diesem Urteil profitieren. Die sowohl politisch als auch wirtschaftlich stabile Lage in der Schweiz, die gute Stromversorgung und der Datenschutz locken viele ausländische Firmen an. Entsprechend boomt in der Schweiz der Markt für Rechenzentren: Man geht davon aus, dass hierzulande jedes Jahr rund 200 bis 400 Millionen Franken in den Bau neuer Datenzentren investiert werden.

Der Luzerner Stromversorger CKW hat 20 Millionen Franken für das bisher grösste Rechenzentrum der Zentralschweiz ausgegeben. «Wir verzeichnen eine starke Nachfrage nach Speicherfläche in unserem Rechenzentrum», sagt Dieter Moser, Chef von CKW Fiber Services. Die Unfallversicherung Suva ist derzeit der grösste Kunde. Er habe in den letzten zwei Wochen Anfragen aus dem Ausland erhalten, sagt Moser. Ob dies mit dem Gerichtsurteil zusammenhänge, sei schwierig zu sagen. Moser: «Das Urteil wird aber sicher helfen, den Schweizer Rechenzentrumsstandort im internationalen Vergleich zu stärken.»

Auch der Luzerner Franz Grüter, der im aargauischen Lupfig mit seiner Firma Green.ch ein Rechenzentrum betreibt, hat nach dem Urteil Anfragen aus dem Ausland bekommen. Namen werden wie so oft nicht genannt. Im Geschäft mit der Speicherung von Daten ist Verschwiegenheit das A und O. Nach dem Ende des Bankgeheimnisses in der Schweiz sehen viele das «Datengeheimnis» als neuen Standortvorteil. So lässt sich auch die Urner Swiss Data Safe nicht in die Karten blicken. «Wir geben keine Auskunft über unsere Kundschaft», sagt ein Firmenvertreter. Die Rechenzentrumsinfrastruktur von Swiss Data Safe ist im Festgestein der Alpen eingebettet und bietet «den höchstmöglichen physischen Schutz», heisst es auf der Website des Unternehmens. Das Rechenzentrum in einem ehemaligen Kom­mandobunker der Schweizer Armee soll erdbeben- und atombombensicher sein.

Ähnlich argumentiert der Rechenzentrumsbetreiber Deltalis mit Sitz in Attinghausen. In der Urner Gemeinde betreibt das Unternehmen ein Rechenzentrum in einem der grössten ehemaligen atombombensicheren Bunker des Landes. Die Armee hatte das K7 genannte Bauwerk 1948 in Betrieb genommen. 2007 hat Deltalis die Anlage übernommen. Geschäftsführer Frank Harzheim sagt, dass in Zeiten der Instabilität und Unsicherheit bezüglich Datensicherheit die Unternehmen «äusserst sensibel» geworden seien, wo ihre Daten tatsächlich gespeichert sind und verarbeitet werden. «Daher hat die Schweiz einen Standortvorteil», glaubt Harzheim. Ein ausschlaggebender Faktor für internationale Kunden seien die guten Internetverbindungen in der Schweiz.

Datenschutz in Gefahr

Dieses Bild der Schweiz als sicherer Daten-Hafen der Welt könnte allerdings Risse bekommen. Der lokalen Wirtschaft bringen grosse Rechenzentren oft keinen direkten Mehrwert. Walter Stalder, Direktor der Wirtschaftsförderung Luzern, verweist auf die tiefe Wertschöpfung: «Grosse Rechenzentren von Weltkonzernen brauchen aus Sicherheitsgründen viel Platz, schaffen nur wenig Arbeitsplätze, bringen höchstwahrscheinlich wenig Steuersubstrat und sorgen auch nicht unbedingt für eine Imageverbesserung.» Vor dem Hintergrund knapper Landreserven müsse es sich eine Gemeinde zwei Mal überlegen, ob sie den Boden für den Bau eines Rechenzentrums freigeben wolle. Ein weiterer wichtiger Faktor beim Betrieb von Rechenzentren ist der Stromverbrauch. Gerade Länder in Nordeuropa können dank ihrem Klima punkten. In Skandinavien können Rechenzentren mit Aussenluft gekühlt werden, womit massiv Stromkosten gespart werden können. So befinden sich die europäischen Rechenzentren der grossen amerikanischen Internetfirmen aus Effizienzgründen oft im kalten Norden. Die Schweiz ging bisher weitgehend leer aus. Doch die Schweiz ist nicht nur klimatisch im Nachteil. In den letzten Jahren sind im Parlament diverse Gesetzesvorlagen angenommen worden, die den Datenschutz zu Gunsten der Sicherheit beschränken. So werden derzeit Unterschriften für ein Referendum gegen das revidierte Bundesgesetz betreffend Telefon- und Fernmeldeüberwachung (Büpf) gesammelt – auch Green.ch-Chef Franz Grüter unterstützt das Referendum. Ein weiterer Faktor, der gegen den Schweizer Rechenzentrumsstandort spricht, ist der starke Franken, der Investitionen für ausländische Unternehmen verteuert.

Im Markt für Rechenzentren in der Schweiz macht sich deshalb eine gewisse Ernüchterung breit. Die grossen Rechenzentrumsbetreiber befinden sich hierzulande im Raum Zürich oder in Genf. In diesen Regionen wurde in den letzten Jahren gemäss Schätzungen rund 1 Milliarde Franken in neue Anlagen investiert. «Gerade im Grossraum Zürich herrscht ein Überangebot», sagt Dieter Moser von CKW Fiber Services. Die Zeit der grossen Investitionen scheint vorerst vorbei.

Maurizio Minetti