RECYCLING: Mit alten Handys Geld machen

Der Handel mit gebrauchten Sachen boomt. Immer mehr Firmen machen mit. Zentralschweizer sind im Geschäft mit alten Handys ganz vorne dabei.

Bernard Marks
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In der Schweiz gibt es viele alte Handys, die auf ein fachgerechtes Recycling warten. Man kann sie aber auch wieder zu Geld machen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

In der Schweiz gibt es viele alte Handys, die auf ein fachgerechtes Recycling warten. Man kann sie aber auch wieder zu Geld machen. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Das alte Brautkleid, die ausgebeulte Badehose oder das bereits farblose T-Shirt, seit Anfang Februar verteilt H & M für ausgediente Klamotten 5-Franken-Gutscheine für den Neueinkauf. H & M begründet die Altkleideraktion mit dem Umweltschutz. Kritiker sehen darin eine versteckte Werbeaktion.

H & M verkauft die Altkleider weiter an die Schweizer Recyclingfirma I Collect mit Sitz in Baar. Kleider, die noch tragbar sind, landen auf Secondhand-Märkten weltweit.

Nicht nur Klamotten, sondern auch Handys sind dort eine begehrte Ware. Der Blaue Riese, die Swisscom, will mit der Aktion «Mobile Aid» alte Handys kostenlos einsammeln, um damit Kindern in Afrika zu helfen. «Rund 170 000 Mobilfunkgeräte haben wir bisher gesammelt», sagt Swisscom-Sprecherin Annina Merk. Funktionierende Geräte habe die Swisscom über die Firma Anovo in Länder verkauft, «die Bedarf an günstigen Gebrauchtgeräten haben». Die meisten Schweizer Handys gehen, laut Merk, nach Hongkong. Einige wurden nach Afrika verschifft. Der Erlös aus dem Verkauf kommt laut Swisscom der Sozialfirma Réalise und den Hilfswerken Terre des Hommes Suisse sowie SOS Kinderdorf Schweiz zugute. Auch Sunrise nimmt Handys umsonst zurück, Orange belohnt die Rückgabe eines alten Handy sogar mit einen Gutschein von bis zu 300 Franken.

Firmen betreiben Imagepflege

Bei Oliver Classen, Sprecher der Erklärung von Bern, hinterlassen Recyclingaktionen wie diejenigen der Swisscom oder von H & M einen schalen Nachgeschmack. Er kritisiert dabei vor allem die Swisscom, die mit ihrer als Hilfsaktion getarnten Sammelaktion indirekt ihr Geschäft unterstütze. «Das sind verpackte Werbeaktionen», moniert Classen. «Diese sprechen zwar den ökologisch motivierten Konsumenten an», so Classen. Für ihn besteht die Hauptmotivation der Firmen aber darin, die Nachfrage nach neuen Handys und Klamotten anzukurbeln.

«Besser würden diese Firmen von vorne herein Produkte mit einer längeren Lebensdauer anbieten», denkt Classen. So könne die Swisscom weiter mit einem guten Gewissen herkömmliche Natels verkaufen», sagt Classen.

Auf diese Weise landen immer mehr Handys auf den Schweizer Markt. Die alten Natels werden durch Sammelaktionen wie die der Swisscom in die dritte Welt verschifft. Dort können sie aber nach dem heutigen Stand oft nicht fachgerecht recycelt werden, kritisiert der Verband Swiss Recycling. Wertstoffe werden herausgebrochen, -gebrannt oder -geätzt, der Rest verrottet. Giftstoffe können entweichen, die Arbeiter krank machen und den Boden verseuchen.

Alte Handys in der Schublade

Pro Jahr werden in der Schweiz 61 000 Tonnen Elektroschrott recycelt (siehe Grafik). Die Tendenz ist steigend. Das meiste davon sind allerdings Computer oder Drucker. Hier funktioniert das Recycling in der Schweiz bereits gut. Doch nur ein kleiner Teil davon, rund 2300 Tonnen, sind alte Mobiltelefone. Die Recyclingquote für Natels könnte in der Schweiz deutlich höher sein, sagt Patrik Geisselhardt, Geschäftsführer des Verbandes Swiss Recycling. «Viele alte Handys verstauben in den Schubladen der Schweizer. Diese werden eines Tages hoffentlich irgendwann in der Schweiz rezykliert», sagt Geisselhardt.

Recycling ist teuer

Rund 10 Millionen Handys sind derzeit laut World Fact Book in der Schweiz im Gebrauch. Schätzungen gehen davon aus, dass Schweizer aktuell noch 8 Millionen alte Natels bei sich zu Hause horten. Nicht nur die grosse Menge an Handys macht das Recycling aufwendig. Zwar liegt der Anteil an Gold in einem Handy bei nur etwa 20 Milligramm, doch bereits 50 000 Handys ergeben etwa ein Kilo Gold, was aktuell einem Gegenwert von 36 765 Franken entspricht. Handys enthalten auch rund 15 Prozent Kupfer, Silizium und Aluminium. Zudem ist Tantal eine Seltene Erde, ein wertvoller Rohstoff, der recycelt werden kann. Aber besonders in alten Handys gibt es Giftstoffe wie Blei, Quecksilber, Brom, Chlor oder Kadmium, was das Recycling der Geräte erschwert und teuer macht.

Baarer Firma gibt Geld

Eine Marktlücke haben darin die Gründer der Baarer Firma verkaufen.ch gesehen. Sie umgehen das Recycling und machen alte Handys direkt zu Geld. Einfach Name, Typ und Zustand des Natels auf der Internetseite eingeben und klicken, schon erscheint ein verbindlicher Preis. Ein iPhone 4 32GB bringt dort zum Beispiel in einem sehr guten Zustand und ohne Sim-Lock immerhin noch 224 Franken. «Wir kaufen täglich bis zu 50 Natels an», bestätigt der Mediensprecher Adrian Erni. Insgesamt haben die Baarer seit dem Start im September 2012 rund 4000 Natels an- und verkauft. Auf die Frage, wohin die angekauften Natels gehen, sagt Erni: «Unsere Mitarbeiter prüfen mehrmals täglich die Marktpreise auf internationalen Internetplattformen wie Ebay oder Ricardo. Danach richtet sich unser Verkauf.» Nicht alle Handys bleiben laut Erni aber in der Schweiz. Das Schweizer Jungunternehmen gehört der Recommerce AG. Die Gründer hatten im Jahr 2006 bereits die bekannte Auktionsplattform exsila.ch ins Leben gerufen. Auch dort werden Handys angeboten.