REFERAT: Josef Ackermanns Erkenntnisse

Er schlitterte mit der Deutschen Bank durch die Finanzkrise. An der Universität Luzern sprach Josef Ackermann über die schwierige Zeit, aber auch die Zukunft Europas.

Ernst Meier
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Josef Ackermann spricht im Auditorium der Universität Luzern. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 5. September 2017))

Josef Ackermann spricht im Auditorium der Universität Luzern. (Bild: Boris Bürgisser (Luzern, 5. September 2017))

Ernst Meier

Vor Jahresfrist schrieb die «Frankfurter Allgemeine Zeitung», Josef Ackermann habe seinen Nimbus als welterklärender Strahlemann der Wirtschaft auch in der Schweiz verloren. Davon war am Dienstagabend im Auditorium der Universität Luzern nichts zu spüren. Fast bis zum letzten Platz war der Hörsaal besetzt. Organisiert wurde der Anlass von der Luzerner Privatbank Reichmuth & Co.

Mit Josef «Joe» Ackermann sprach einer der prominentesten Akteure der Finanzkrise, die vor zehn Jahren ausbrach und sich zur grössten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit entwickelte. Noch heute beschäftigt diese Banken, Regierungen und Teile der europäischen Bevölkerung. Ackermann wechselte 1996 von der Credit Suisse zur Deutschen Bank, wo er von 2006 bis 2012 Vorstandsvorsitzender war. Bei seinem Rücktritt erhielt er Lob, weil das Finanzinstitut ohne Staatshilfe durch die Krise kam. Mittlerweile ist dieser Glanz verblasst. Altlasten aus den Hypothekargeschäften der Ära Ackermann stürzten Deutschlands grösste Bank nachträglich ins Elend und führten zu Rekordverlusten, Milliardenbussen und einem Kurszerfall der Aktie.

Dazu äusserte sich Josef Ackermann in Luzern nicht. In seinem Vortrag zum Thema «Lehren aus der Finanzkrise und die Zukunft Europas» bediente sich der gebürtige St. Galler beim österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter (1883–1950). Dieser schuf den Begriff der «schöpferischen Zerstörung», wonach der Prozess der kreativen Zerstörung die Basis für ökonomische Entwicklungen wie Innovation, Wachstum und Wohlstand ist. «Zerstörerische Schöpfung», formte Ackermann den Begriff um. Die Finanzkrise und die Entwicklung Europas zeigten, dass nicht jede schöpferische Zerstörung nur positive Resultate nach sich ziehe. «Gierige Banker» als Ursache der Finanzkrise zu bezeichnen, sei viel zu kurz gegriffen, sagte Ackermann, der heute Verwaltungsratspräsident der Bank of Cyprus ist. Auch wenn die Banken wegen zahlreicher Systemfehler ihre Verantwortung zu tragen hätten. «Falsche und zu kurzfristige Anreize, zu hoher Risikoappetit, zu wenig Eigenkapital, unzureichende Risikomodelle und Kontrolle sowie zu wenig Liquidität», erläuterte der Manager, der 2005 bei der Deutschen Bank eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zum Ziel setzte.

«Wir gingen in die Ferien und wurden überrascht»

Zerstörerischer als die Systemfehler hätten sich die Verbriefung und die Atomisierung der Kredite ausgewirkt, erklärte Ackermann. Gemeint sind die strukturierten Produkte und Derivate der Banken. Viele Experten gingen vor der Finanzkrise davon aus, dass die boomenden US-Hypotheken durch eine breite Verteilung der Schuldbriefe abgesichert seien. Man habe sich sicher gefühlt, weil die Kreditrisiken über die ganze Welt und auf vielen Schultern verteilt waren. «Vor allem hat man angenommen, dass die Gläubiger nicht mehr auf sich nehmen, als sie tragen können. Das war der grosse Irrtum», bilanziert Ackermann. Bekanntlich hatten weder er, seine Berufskollegen, noch die Aufsichtsbehörden vor zehn Jahren den Durchblick. Das erste Semester 2007 war für viele Banken ein Rekordhalbjahr. «Dann gingen wir in die Ferien und wurden überrascht», gestand Ackermann. «Wir hätten nie gedacht, dass verbriefte US-Hypothekenpapiere in Bilanzen von kleineren Finanzinstituten solche Probleme verursachen.» Man sei überzeugt gewesen, dass dank viel Liquidität an den Märkten nicht viel passieren könne, doch «die schöpferische Zerstörung der Verbriefung hatte enorme Folgen, die sie zu einer zerstörerischen Schöpfung mutieren liessen».

Zwei Wege aus der Krise für die EU

Laut Ackermann «haben die Bankenaufsichtsbehörden konsequent die richtigen Lehren aus der Finanzkrise gezogen und überwachen die Banken heute wesentlich strenger». Negativ bewertet er hingegen, dass Europa es versäumt hat, die Krise zu nutzen, um den Bankenmarkt zu bereinigen. In Europa führte die Finanzkrise zu einer tiefen Rezession; Steuerausfälle und höhere Sozialausgaben setzten leistungsschwache Staaten weiter unter Druck, der Euro raste nach unten. «Es zeigte sich, dass die europäische Währungsunion EWU seinerzeit als Schönwetterveranstaltung konzipiert wurde», sagte Ackermann. Der EWU hätten Instrumente für den Umgang mit überschuldeten Staaten gefehlt. Die Folge sei eine mühsame Krisenbekämpfung mit einer Mischung aus Umschuldungen, freiwilligem Schuldenverzicht und multilateralen Finanzierungsmechanismen gewesen. Die «zerstörerische Wirkung» des Vertrauens der Europäer in die Zukunft des Euro und der EU sei die Folge gewesen. Ohnmächtig stehe die EU auch der Frage der Zuwanderung gegenüber. «Im Ergebnis führten diese Defizite zum Erstarken europafeindlicher Kräfte und zum Brexit», sagte er.

Der Brexit habe die verbliebenen Länder aber näher zusammenrücken lassen, glaubt Ackermann. Viele Bürger seien mit dem Zustand der EU unzufrieden, sie sähen aber ein, dass die Rückkehr zum Nationalstaat keine Alternative sei. Er verwies auf die Wahlen in den Niederlanden, Österreich und Frankreich sowie auf den Rückgang der Zuwanderung und die wirtschaftliche Verbesserung in Krisenländern wie Irland, Portugal, Zypern und Spanien.

«Die aufgehellte Stimmung kann schnell wieder kippen», warnte er. Die Frage der gemeinsamen Verteidigung der EU-Aussengrenzen bleibe ungelöst. Ackermann verwies auf die schwierigen Brexit-Verhandlungen und das Sorgenkind Italien, das im Krisenfall «too big to save» sei. «Ein Italexit wäre das Aus für die EU.» Der 69-jährige Banker sieht für die EU zwei Wege aus der Krise: «Der eine heisst ‹tiefere Integration›, der andere ‹mehr Eigenverantwortung›.» Letztlich laufe dies auf eine Neuverhandlung der Verträge hinaus. Den Brexit sieht er als «fundamentale Erschütterung für die EU».

Ackermann kam am Schluss seines Referats auf die Finanzkrise zurück: «Wie diese hat auch die Krise der EU ihre tiefere Ursache in einer Nichtbeachtung des Prinzips der Eigenverantwortung und des Haftungsprinzips.» Hätten sich alle Banken nur so viel auf die Schulter geladen, wie sie selbst auch im schlimmsten Fall hätten tragen können, wäre es nicht zur Finanzkrise gekommen.