Kolumne

Regeln sind alternativlos – aber es braucht Überzeugungsarbeit

Etwas mehr Engagement bei der Erklärung der Gründe für die Quarantäneregeln für Einreisende aus Risikoländern, die bestenfalls auch die verschiedenen Lebenswelten und Motivationen der Betroffenen berücksichtigt, dürfte sich auszahlen.

Magdalena Hoffmann
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

Ich habe eigentlich nicht über Corona schreiben wollen – und bin damit gescheitert. Zu sehr treiben mich die aktuellen Diskussionen, zum Beispiel über die mangelnde Befolgung von Quarantäneregeln für Einreisende aus Risikoländern, um. Überhaupt bietet die Gegenwart eine hervorragende Gelegenheit, um über Regeln und deren Funktion, Geltung und Wirksamkeit aus philosophischem Blickwinkel nachzudenken.

Zugegeben, Regeln sind nicht besonders sexy. Ihnen fehlt das Flair von Freiheit, das Empfehlungen haben – Empfehlungen kann man ignorieren und in den Wind schlagen, Regeln nicht. Regeln haben eher die Aura von Gouvernanten: Unangenehm und oft etwas lästig. Regeln sind nämlich als Handlungsanleitungen normativ, das heisst sie haben einen klar fordernden und bindenden Charakter. Damit schränken sie uns, selbstverständlich, in unserem Verhalten ein – das ist ja gerade die Pointe von Regeln. Wenn Regeln aber so negativ konnotiert sind: Warum verzichten wir dann nicht auf sie?

Wir verzichten nicht auf Regeln, weil wir auf sie für ein gelungenes Zusammenleben fundamental angewiesen sind. Regeln schützen uns nämlich vor den unabsehbaren Handlungen der Anderen, insofern sie Konformität garantieren und damit einen gesellschaftlichen Gleichklang schaffen. Regeln haben aber noch eine zweite wichtige, entlastende Funktion: Sie geben uns Orientierung im Hinblick auf das geforderte beziehungsweise verbotene Handeln und ersparen uns damit unzählige Einzelfallabwägungen.

Diese beiden Funktionen können Regeln allerdings nur entfalten, wenn sie nicht nur gelten, sondern auch wirksam sind. Regeln gelten, dem Rechtsphilosophen Norbert Hoerster zufolge, sobald sie existieren. Wirklich wirksam werden sie ihm zufolge aber erst dann, wenn sie auch befolgt werden. Im Idealfall entsteht also keine Lücke zwischen der Existenz und der Befolgung einer Regel. So begeben sich beispielsweise im Idealfall alle Einreisenden aus Risikoländern für zehn Tage in Quarantäne. Wie wir mittlerweile wissen, gibt es aber bei der Befolgung dieser Regel noch «Luft nach oben», um es freundlich auszudrücken. Das ist nicht nur aus epidemiologischer Sicht ein Problem. Erweist sich nämlich eine Regel als sehr unwirksam, weil sie von Vielen nur unzulänglich befolgt wird, muss sie mit Hilfe von Kontrollen, Bussen und Strafen mühsam durchgesetzt werden– die wohl in jeder Hinsicht kostspieligste Variante, um die Kluft zwischen Geltung und Befolgung zu schliessen. Darauf läuft es im Moment hinaus. Gibt es eine Alternative?

Es ist vermutlich keine Alternative, allenfalls eine begleitende Massnahme: Überzeugungsarbeit. Bei jeder erfolgreichen Regelsetzung kommt es nämlich darauf an, dass die Regel – trotz ihres einschränkenden Charakters – als sinnvoll und rational anerkannt wird. Denn die selbst gewählte «Unterwerfung» unter eine Regel erfolgt Vertragstheoretikern wie Thomas Hobbes, John Locke oder auch John Rawls zufolge nur dann, wenn die Betroffenen gute Gründe dafür sehen. Vor diesem Hintergrund gibt es, was zum Beispiel die Erläuterung der Quarantäneregeln betrifft, ebenfalls noch «Luft nach oben», denke ich.

Überzeugungsarbeit erschöpft sich nicht in der Mitteilung von Regeln auf Pressekonferenzen, dem Verweis auf die entsprechende BAG-Website und das Verteilen von Flyern am Flughafen. Informationen sind wichtig, aber nicht ausreichend, um jemanden zur Befolgung einer für ihn nachteiligen Regel zu motivieren. Etwas mehr Engagement bei der Erklärung der Gründe, die bestenfalls auch die verschiedenen Lebenswelten und Motivationen der Betroffenen berücksichtigt, dürfte sich auszahlen. Es wäre jedenfalls ein Versuch wert, um zumindest die Einreisenden, die sich grundsätzlich von guten Gründen leiten lassen, für die Befolgung der Regel zu gewinnen.

Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.

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