REISEN: Schweizer buchen zögerlich

Die Reiselust der Schweizer ist ungebrochen. Doch die Angst vor Terror­anschlägen und die Folgen des Krieges in Syrien beeinflussen das Buchungsverhalten.

Rainer Rickenbach
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Leere Liegestühle an einem türkischen Strand bei Antalya: Die Reisedestination leidet unter den Terroranschlägen und der Flüchtlingskrise. (Bild: Getty)

Leere Liegestühle an einem türkischen Strand bei Antalya: Die Reisedestination leidet unter den Terroranschlägen und der Flüchtlingskrise. (Bild: Getty)

Kaum erschienen die neuen Frühlings- und Sommerangebote, waren die Angestellten der Reisebüros mit reichlich Arbeit eingedeckt. Der starke Franken und verlockende Frühbucherrabatte liessen die Schweizer nicht lange zögern. Sie nutzten die für Auslandreisen günstige Währungssituation und buchten früh.

Das war vor einem Jahr. Und heute? Der Franken ist zwar immer noch stark, und es locken nach wie vor Schnäppchen. Trotzdem sagt Hotelplan-Suisse-Sprecherin Prisca Huguenin-dit-Lenoir: «Die Leute schauen zwar bei den Reisebüros vorbei und lassen sich beraten. Doch mit ihren Buchungen zögern viele von ihnen.»

Weniger Frühbuchungen

Über alles betrachtet, liegt der Buchungsstand für die Frühlings- und Sommersaison bei Hotelplan Suisse im einstelligen Prozentbereich hinter dem Vorjahr zurück. Beim Internet-Reiseanbieter E-Bookers wertet man die zurückhaltenden Ferienplanungen indes gelassen. «Das Buchungsverhalten der Schweizer hat sich in den vergangenen Jahren nicht nennenswert verändert. Es ist grundsätzlich normal, dass es von Jahr zu Jahr Verschiebungen gibt», so Sprecherin Britta Beisheim.

Huguenin von Hotelplan Suisse spricht von einem «Buchungsrückstand, der sich später hoffentlich nur als Buchungsstau» herausstellen wird. In diesem Monat begann die Hauptbuchungszeit für die Frühlings- und Sommersaison. Huguenin: «Das Interesse ist vorhanden, die Leute wollen reisen. Doch wir stellen eine gewisse Verunsicherung fest. Die Kunden haben verständlicherweise Fragen zur geopolitischen Lage, zu Terrorgefahren, zu den Folgen der Flüchtlingskrise auf die einzelnen Feriendestinationen oder auch zum Zika-Virus.»

Eine repräsentative Umfrage von Marketagent.com macht gemäss dem Onlineportal «20 Minuten» deutlich, dass bei mehr als der Hälfte der Befragten die Furcht vor Terroranschlägen im Hinterkopf präsent ist, wenn sich die Leute mit den Ferienzielen beschäftigen.

Sinkende Nachfrage für die Türkei

Arabische Länder wie Ägypten und Tunesien sind darum momentan bei den Reisefreudigen unten durch. Für Ägypten halbierten sich bei Hotelplan Suisse die Buchungen für diesen Winter und Frühling sogar. Besser sieht es für das Reiseland Marokko oder das Hotel- und Shoppingparadies Dubai aus, diese beiden arabischen Ferienziele werden in der Wahrnehmung offenbar weniger mit Krieg und Terroranschlägen in Verbindung gebracht.

Das gilt nicht für die Türkei, deren Tourismusindustrie in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten stark gewachsen ist. Ihr gelang es, mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis mehreren andern Badedestinationen den Rang abzulaufen. «Vor allem für Familienferien ist die Türkei sehr beliebt. Doch der Krieg im benachbarten Syrien, die Flüchtlingskrise oder auch die Anschläge in Istanbul ziehen eine sinkende Nachfrage nach sich – obwohl die Lage in den klassischen Ferienorten eigentlich als stabil gilt», so Huguenin.

Der Türkei-Buchungsrückgang bei Hotelplan Suisse bewegt sich im mittleren zweistelligen Prozentbereich. «Die Buchungsanfragen für Pauschalreisen in die Türkei waren schon 2015 leicht rückläufig», ergänzt Beisheim. Bei E-Bookers flog Istanbul aus der Liste der zehn beliebtesten europäischen Flugziele, wo es vor einem Jahr noch aufgeführt war.

Reiseverhalten der Schweizer

  • 87,5% der Schweizer unternehmen im Jahr mindestens eine Reise.
  • 2,9 Reisen leisten sich die Schweizer pro Jahr.
  • 63% der Reisen mit Übernachtungen führen ins Ausland.

Quelle: Statistik Schweiz 2014

Die nahen Reiseziele boomen

Der Trend geht hin zur Nähe. Er nimmt schon in der Schweiz seinen Anfang. Die Reisemarken Migros-Ferien und Hotelplan melden für die Inland-Ferienangebote steigende Buchungszahlen. «Gross ist die Nachfrage für Italien, Österreich, Südfrankreich sowie die Küsten des spanischen Festlandes, die Balearen und – etwas weiter entfernt – die Kanarischen Inseln», sagt Huguenin. Palma de Mallorca führt die Hitliste der für den Sommer gebuchten Europa-Flüge bei E-Bookers an, gefolgt von Lissabon und Porto. In erster Linie für Spanien, aber auch für Frankreich und Italien steigt auch beim Online-Anbieter die Nachfrage.

Weiterhin stark im Kommen sind Zypern und Kroatien: Für die Badeorte im Balkanstaat haben sich bei Hotelplan Suisse die Buchungen innerhalb eines Jahres verdreifacht. Ebenfalls zunehmender Beliebtheit erfreuen sich die skandinavischen Länder. Stockholm und neu die isländische Hauptstadt Reykjavik zählen zu den zehn beliebtesten europäischen Flugreisezielen bei E-Bookers.

Wo man sich informiert

«Die absolute Sicherheit gibt es leider nirgends», sagt Huguenin. Hotelplan Suisse und E-Bookers empfehlen Verunsicherten, sich bei ihren Reiseplänen beraten zu lassen und die Reiseempfehlungen des Departements für auswärtige Angelegenheiten EDA zu beachten.
 

«Die Sicherheit alleine ist keine Botschaft»

SCHWEIZ rr. Mit Blick auf Terroranschläge und die Auswirkungen des Syrien-Krieges hat die Sicherheit bei der Wahl des Ferienortes an Bedeutung gewonnen. Schweiz-Tourismus-Sprecher Alain Suter zu den Folgen für den Inland-Tourismus.

«Der starke Franken beschäftigt uns trotz Kursstabilisierung zum Euro weiterhin.» Alain Suter, Sprecher von Schweiz Tourismus. (Bild: pd)

«Der starke Franken beschäftigt uns trotz Kursstabilisierung zum Euro weiterhin.» Alain Suter, Sprecher von Schweiz Tourismus. (Bild: pd)



Wenn Sicherheit bei der Wahl des Reiseziels eine grössere Rolle spielt, ist das nicht eine Chance für das Ferienland Schweiz?
Alain Suter: In der Tat hat die Schweiz noch immer das Image einer verhältnismässig sicheren Reise- und Feriendestination.

Wie kann sie diese Chance nutzen?
Suter: Sich bei der weltweiten Vermarktung die Terrorangst zu Nutze zu machen, ist keine Option, da 100-prozentige Sicherheit heutzutage nirgendwo garantiert werden kann. Bei der Ferienplanung spielen folgende Überlegungen eine Rolle: Gilt ein Land als sicher, muss das noch kein Reisegrund sein. Gilt es hingegen als unsicher, ist dies ein klares Ausschlusskriterium. Sicherheit allein ist also keine differenzierende Botschaft.

Sie bewerben die Schweiz im Ausland also wie bis anhin?
Suter: In Fernmärkten in Asien und Amerika setzen wir nach wie vor auf die Kommunikation jener Aspekte, die das Tourismusland Schweiz so beliebt machen: Natur und frische Luft, Berg und Stadt in naher Distanz, Kunst und Kultur, Authentizität und Brauchtum, die Qualität des öffentlichen Verkehrsnetzes. Dass die Schweiz verhältnismässig sicher ist, brauchen wir dort nicht zu betonen, da dies gemeinhin bekannt ist.

Gilt das auch für den Inlandmarkt?
Suter: Auch in der Ansprache von Schweizer Gästen thematisieren wir das Terrorthema in keiner Weise. Vielmehr stellen wir touristische Erlebnisse vor der Haustüre ins Zentrum, beispielsweise mit der bald startenden Sonderkampagne zum Spätwinter.

Die amerikanischen und asiatischen Gäste nehmen Europa als Ganzes wahr. Droht die Gefahr, dass viele von ihnen Europa aus Furcht vor Terroranschlägen meiden?
Suter: Ja, diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Gerade für viele Gäste aus den asiatischen Ländern ist die Schweiz eine von mehreren Stationen auf einer Europareise. Bis jetzt verfügen wir aber über keine Indizien, in welchem Ausmass die Terrorangst das Reiseverhalten von Gästen aus Asien beeinflusst.

Wie sehen die ersten Anzeichen für die Frühlings- und Sommersaison aus?
Suter: Der starke Franken beschäftigt uns trotz der Kursstabilisierung zum Euro weiterhin. Was die Prognosen angeht, halten wir uns hier an die Konjunkturforschungsstelle KOF von der ETH Zürich, die für den kommenden Sommer von einem leichten Plus mit 2,6 Prozent bei den Hotellogiernächten ausgeht.

 

Rainer Rickenbach

 

Hinweise: Den direkten Link zu den Reiseempfehlungen des Bundes finden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/bonus