Arbeitswelt
Sie wollen ihr Vor-Corona-Leben nicht zurück: Warum rekordviele Menschen eine Firma gründen

2021 wird zum Rekordjahr bei Firmengründungen. Das liegt auch daran, dass viele Menschen nicht zurück in das Leben wollen, das sie vor Corona hatten. Gemäss Umfragen sind ihnen jetzt andere Dinge wichtiger als früher.

Niklaus Vontobel
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Offen für Neues: Corona hat den Sinn für das Mögliche verschoben

Offen für Neues: Corona hat den Sinn für das Mögliche verschoben

Luis Alvarez / Digital Vision

Das Virus gibt sich noch nicht geschlagen, doch zeichnet sich dies bereits als Hinterlassenschaft von Corona ab: Es hat einen Wandel in den Köpfen gegeben, viele Menschen wollen für sich ein anderes Leben. Die alte Normalität lehnen sie ab. Dieser Wandel in den Köpfen zeigt sich in einer neuen Umfrage von Fors.

Das Schweizer Kompetenzzentrum für Sozialwissenschaften hat über 5800 Menschen zu den Folgen der Coronakrise befragt: Inwiefern haben sie in ihrem Leben eine Veränderung festgestellt? Dabei sagen rund 10 Prozent, sie seien religiöser geworden.

12 Prozent sagen, sie würden ihr Leben umorientieren. 26 Prozent sagten, ihnen seien heute andere Dinge im Leben wichtig. Und 28 Prozent glauben, heute besser mit Schwierigkeiten umgehen zu können. Die Welt ist für sie nicht mehr die gleiche.

Rekordhohe Zahl an Firmen wird 2021 gegründet

Stellt ein Umdenken fest: Ursina Kuhn, Expertin bei Fors

Stellt ein Umdenken fest: Ursina Kuhn, Expertin bei Fors

Zvg / zvg

Eine bedeutende Zahl von Menschen habe umgedacht, kommentiert Ursina Kuhn vom Fors die Umfrageergebnisse. «Wenn all diese Menschen ihr neues Denken in Taten umsetzen, wird dieser Effekt gesamtschweizerisch messbar sein: Jobs werden gewechselt, neue Firmen gegründet, Lebensentwürfe umgeschrieben.» Der Wandel in den Köpfen verändert die Schweiz.

In der Schweiz boomen die Firmengründungen längst. 2020 war schon ein Rekordjahr. Nur im ersten Halbjahr, als der erste Lockdown das Land blockierte, gingen die Neugründungen zurück. Schon im zweiten Halbjahr zeigte sich, wie Corona eine unternehmerische Gegenreaktion hervorruft. Es ging steil nach oben, 2020 wurde zum Rekordjahr (siehe Grafik). So geht es anscheinend weiter.

2021 wird gleich der nächste Rekord geschrieben. Viele machen ihren eigenen Laden auf. Oder sie versuchen sich als Immobilienmakler, wie Daten der Wirtschaftsauskunftei «Dun & Bradstreet» zeigen (siehe Grafik). Ein Sprecher kommentiert: «2021 ist ein absolutes Rekordjahr, was Gründungen betrifft. Wir erwarten, dass bis Ende Jahr deutlich über 50000 Unternehmen neu ins Handelsregister eingetragen sein werden.»

Frauen mehr als Männer, Junge mehr als Alte

Wo Corona härter zuschlug, war der Wandel im Denken grösser. Wer die Arbeit verlor, gab in der Umfrage von Fors eher an, eine andere Vorstellung von einem guten Leben zu haben. Wo die Gesundheit litt, wurden eher neue Lebenswege ausprobiert. Frauen wurden vom Lockdown härter getroffen als Männer. Vieles blieb im Lockdown eher an den Frauen hängen als an den Männern: wenn etwa die Kinder betreut oder gekocht werden musste. Heute sagen Frauen öfter als Männer, ihre Einstellung zum Leben sei nicht mehr die gleiche. Die Jungen mussten auf mehr verzichten. Nun sagen sie eher als ältere Menschen, ihnen seien andere Dinge wichtig.

Menschen wollen nicht zurück zur früheren Normalität – dieses Phänomen gibt es in vielen Spielarten zu beobachten. In den USA gab es keine Kurzarbeit, also verloren mehr Menschen als in Europa ihre Arbeit. Nun könnten sie zurück in ihre früheren Jobs. Die USA boomen, die Firmen suchen händeringend nach Leuten – aber diese zieren sich. Eine Umfrage zeigt: Zwei Drittel denken darüber nach, ihren Beruf zu wechseln.

Wiederholung der wilden Zwanzigerjahre

Und auch jene zaudern, die ihren Job behalten haben. Ihre Arbeitgeber wollen sie zurückholen ins Büro, aber sie zögern. Sie wissen nicht, ob sie sich das tägliche Pendeln wieder antun wollen. Gerade die Banken wollen ihnen nicht entgegenkommen, die grossen Chefs geben sich unerbittlich. Homeoffice sei ein «Irrweg», und überhaupt: «Die Leute pendeln nicht gerne, aber was soll’s?»

Die USA würden eine enorme Umschichtung von Jobs und Menschen erleben, schrieb darum eine Beraterin des damaligen US-Präsidenten Barack Obama. In amerikanischen Leitmedien schrieb Betsey Stevenson:

«Die Menschen brauchen Zeit, um wieder ihren Platz im Arbeitsmarkt zu finden.»

Es war vorhersehbar, und einige Experten haben den Wandel vorhergesagt. Etwa der Yale-Professor Nicholas Christakis in einem Buch, das schon zu Beginn der Pandemie erschien. Er schaute sich an, was frühere Pandemien zurückliessen.

In der Spanischen Grippe etwa, die am Anfang des 20. Jahrhunderts wütete, wurden viele Menschen religiöser, wie heute auch. Doch was folgte, waren die «wilden Zwanzigerjahre», und Chris­takis prognostizierte eine Wiederholung nach der Coronapandemie. Es werde sich mehr Zügellosigkeit zeigen, mehr Lebensfreude und mehr Risikofreude.

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Auf soziale Distanz folgt soziale Nähe

Dass eine Pandemie weicht und unternehmerische Energie freigesetzt wird – auch dafür gibt es einen gut dokumentierten historischen Vorgänger. Wie der «Economist» schreibt, wurde in den USA im Jahre 1948 untersucht, welche ökonomischen Folgen die spanische Grippe hatte. Das «Nationale Büro für ökonomische Forschung» stellte damals fest, dass es nach 1919 die Firmengründungen boomten. Dass die Schweiz nun im Jahr 2021 ebenfalls einen Boom erlebt, ist demnach eine Wiederholung von historischen Mustern.

Der Wandel ginge noch weiter, wenn sich die Geschichte wiederholt. In den wilden Jahren nach der Spanischen Grippe setzt sich die Anziehungskraft der Städte durch. Auf soziale Distanz folgte soziale Nähe, sagt Christakis. Die Menschen suchten unermüdlich Chancen dafür.

Konzerte, Demonstrationen oder Sportveranstaltungen – alles war voll besetzt. Und es wurden neue Möglichkeiten ausgelotet. Das Radio verbreitete sich, Jazz oder das Frauenwahlrecht. In seinem Buch schreibt Christakis: «Wir können davon ausgehen, dass wir nach der aktuellen Pandemie ähnliche technologische, künstlerische und sogar soziale Innovationen sehen werden.»

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