Rekordtiefer Umwandlungssatz: Gewerkschafter tragen «Rentenklau» mit

Politisch kämpfen Arbeitnehmervertreter gegen tiefere Umwandlungssätze. Doch in einer Vorsorgeeinrichtung, die sie selber leiten, tun sie genau das: Renten deutlich senken.

Patrik Müller
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In der Politik gegen «Rentenklau» demonstrieren, in der eigenen Stiftung aber den Umwandlungssatz senken: Den Gewerkschaften wird Doppelzüngigkeit vorgeworfen.

In der Politik gegen «Rentenklau» demonstrieren, in der eigenen Stiftung aber den Umwandlungssatz senken: Den Gewerkschaften wird Doppelzüngigkeit vorgeworfen.

Archivbild: Urs Lindt

Ein Umwandlungssatz von rekordtiefen 4,2 Prozent: Was in der politischen Debatte als «Rentenklau» bezeichnet wird, das machen Gewerkschafts- und Arbeitgebervertreter gemeinsam möglich. Nicht in einem Gesetz, sondern in einer Vorsorgeeinrichtung, in der sie das Sagen haben.

Worum geht es? Die Senkung des Umwandlungssatzes ist ein Streitpunkt bei der Reform der zweiten Säule. Heute beträgt der Satz im BVG-Obligatorium 6,8 Prozent, das heisst: Hat jemand 100'000 Franken in der Pensionskasse, bekommt er später 6800 Franken Rente pro Jahr. Dieser hohe Umwandlungssatz ist kaum mehr finanzierbar – wegen der tiefen Zinsen und weil die Leute immer älter werden. Trotzdem kämpfen Linke und Gewerkschafter gegen eine Senkung.

Auffangeinrichtung BVG baut Leistung massiv ab

Doch wenn sie selber in der Verantwortung stehen, dann sind sie plötzlich für einen tieferen Umwandlungssatz zu haben. Ein Beispiel dafür ist die Stiftung Auffangeinrichtung BVG. Deren Stiftungsrat setzt sich aus den Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbänden mit je fünf Vertretern zusammen.

Das ist der Umwandlungssatz

Die Höhe der Rente wird vom Umwandlungssatz bestimmt. Er steht im Gesetz über die berufliche Vorsorge (BVG) und beträgt 6,8%. Pro 100000 Franken gibt es also eine Rente von 6800 Fr. pro Jahr. Effektiv sind es oft weniger. Denn die 6,8% gelten nur für den obligatorischen Teil des Altersguthabens; auf dem Gesamtguthaben können es auch weniger sein, weil im Überobligatorium die Pensionskassen den Umwandlungssatz frei festlegen können (oft 5 bis 6%).

Die Sozialpartner haben nun einem einschneidenden Leistungsabbau zugestimmt, der am 1. Januar in Kraft getreten ist. Die Konditionen sind viel schlechter als der politische Kompromiss der Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbände, welcher zurzeit kontrovers diskutiert wird. Dieser Kompromiss sieht einen Umwandlungssatz von 6 Prozent vor, wird aber mit anderen Massnahmen abgefedert. Bürgerliche Kritiker sagen, die 6 Prozent seien immer noch viel zu grosszügig und zu wenig nachhaltig.

Die Auffangeinrichtung BVG aber hat für neue Versicherte in der freiwilligen Weiterführung der Altersvorsorge folgendes beschlossen:

  • Der Umwandlungssatz sinkt von 6,8 Prozent für den obligatorischen Teil und 5 Prozent für den überobligatorischen Teil des Altersguthabens auf 4,2 Prozent für das gesamte Guthaben. Das bedeutet eine Rentenkürzung um rund 30 Prozent, falls der Versicherte die Hälfte seines Guthabens im überobligatorischen Teil hat.
  • Versicherte, die beim Eintritt in die Pensionskasse älter als 58 Jahre sind, müssen zusätzlich zu den Sparbeiträgen für den Weiteraufbau der Vorsorge «Rentenbeiträge» bezahlen. Diese betragen bis zu 5 Prozent auf dem Altersguthaben.
  • 3. Eine vorzeitige Pensionierung oder ein Austritt ist nicht möglich. Um eine Rente zu erhalten, müssen bis zum Rentenalter Beiträge geleistet werden.

Ältere Entlassene besonders betroffen

Nun muss man wissen, dass die Auffangeinrichtung BVG eine spezielle Pensionskasse ist. Sie dient als Pensionskasse zum Beispiel für Firmen, die keine eigene Pensionskasse haben oder keinen Anschluss an eine Sammelstiftung finden. Ein freiwilliger Anschluss an die Auffangeinrichtung ist ebenfalls möglich.

Wichtig ist die Auffangeinrichtung für Personen, die kurz vor der Pensionierung entlassen worden sind, aber dennoch die Altersleistung als Rente beziehen möchten. «Wir sind ein Auffangbecken und dürfen niemanden abweisen», sagt Adrian Wüthrich, Präsident des Arbeitnehmerverbandes Travailsuisse und ehemaliger SP-Nationalrat.

Er sitzt im Stiftungsrat der Auffangeinrichtung. Diese Ausgangslage macht es laut Wüthrich schwierig, gute Konditionen zu bieten, umso mehr, als die Stiftung nicht einen Arbeitgeberanteil beanspruchen kann.

Trotzdem wundern sich Pensionskassenspezialisten, wie weit die Sozialpartner bei «ihrer» Vorsorgeeinrichtung gehen. In der Schweiz ist ein Umwandlungssatz von 4,2 Prozent rekordverdächtig tief. Adrian Schmid, Geschäftsführer der Pensionskasse Brugg, sagt dazu:

«Offenbar sind Gewerkschafter und Arbeitgeberfunktionäre sehr konservativ und finanziell umsichtig, wenn sie selbst in der Pensionskasse verantwortungsvolle Leitungsfunktionen wahrnehmen.»

Diesen Realitätssinn vermisst Pensionskassenchef Schmid in der politischen Debatte, er ortet darum eine gewisse «Doppelzüngigkeit»: «Arbeiten dieselben Funktionäre als Politiker und entwerfen neue Konzepte für die berufliche Vorsorge, wird ein Umwandlungssatz von 6 Prozent als zukunftsweisend vorgestellt.

Wer nach tieferen Umwandlungssätzen ruft, wird bestenfalls als unsozial dargestellt», sagt Schmid. Und dies, obwohl Experten «korrekte» Umwandlungssätze berechnen, die meist eine 4 vor der Kommastelle zeigen.

Gewerkschafter Adrian Wüthrich räumt ein, dass er sich höhere Sätze wünsche. Doch die Marktzinsen seien nun mal tief, und die Einrichtung habe einen gegebenen Versichertenbestand. Es seien nur wenige im überobligatorischen Bereich versichert. Insgesamt sei der Fall halt so, sagt der Gewerkschafter:

«Auch wir können nichts an der Mathematik ändern.»
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