RENTNER: Den meisten Pensionären geht es gut

Noch nie zuvor hat eine Generation so viel Vermögen erarbeitet und angehäuft wie die heute Pensionierten. Jeder fünfte von ihnen hat aber nichts davon.

Rainer Rickenbach
Drucken
Teilen
Die meisten Schweizer haben im Alter keine grossen finanziellen Sorgen, wie ein neuer Bericht zeigt. (Bild: Getty)

Die meisten Schweizer haben im Alter keine grossen finanziellen Sorgen, wie ein neuer Bericht zeigt. (Bild: Getty)

Rainer Rickenbach

Nun ist es quasi amtlich: Die meisten älteren Schweizer brauchen sich nicht mit grösseren finanziellen Problemen herumzuplagen. So stellt es das Bundesamt für Statistik (BFS) im neusten Bericht zur finanziellen Lage in den Haushalten (ohne Heime) der Altersgruppe 65 plus fest. Darin sind erstmals nicht nur die Altersrenten, sondern auch die Vermögen berücksichtigt. «Bei den meisten Senioren reichen die Einkommen gemäss eigenen Angaben für den täglichen Bedarf aus. Wo es nicht der Fall ist, kann häufig auf Vermögen zurückgegriffen werden», heisst es im Bericht weiter.

Hälfte der Vermögenssteuern

Die Vermögen des begüterten Teils der Rentner haben es in der Tat in sich. Im Kanton Luzern zum Beispiel leben in jedem fünften Haushalt steuerpflichtige Leute, die über 65 sind. Obwohl sie bloss etwas mehr als 20 Prozent der Kantonsbevölkerung ausmachen, tragen sie mehr als die Hälfte zu den gesamten Vermögenssteuereinnahmen (siehe Grafik) bei. Für den Kanton Zürich kommt eine ältere Studie zum exakt gleichen Ergebnis. Im Kanton Uri sind gemäss der Steuerstatistik für natürliche Personen 45 Prozent des versteuerbaren Vermögens im Besitz der Altersruheständler-Haushalte. Die noch etwas lückenhaften Zahlen der Statistiker des Bundes legen den Schluss nahe, dass Luzern, Uri und Zürich durchaus beispielhaft für das ganze Land sind.

Hohe Vermögenserträge

Einen weiteren Hinweis auf die Vermögenskonzentration bei den Pensionierten geben die Einkommenssteuern. Zwar zählen die Pensionierten alleine mit der AHV und den Pensionskassenrenten nicht zu den Spitzenverdienern der Nation. Das machen viele aber mit ihren zu versteuernden Vermögenserträgen wett. Im Durchschnitt nimmt ein Rentner 531 Franken monatlich aus Geldanlagen (Dividenden, Zinsen usw.), Mieteinnahmen oder weiteren Vermögenserträgen ein. Das ist mehr als doppelt so viel als bei den Jüngeren, die noch arbeiten. Kommt hinzu: Das Pensionskassenkapital taucht in den Daten zu den Vermögenssteuern nicht auf, weil bloss deren Renten steuerpflichtig sind. Und der Steuerwert der Immobilien liegt in aller Regel deutlich unter dem Marktpreis. Die BFS-Zahlen sind also konservativ gerechnet.

Reiche Generation geht in Rente

Die Eidgenössische Steuerverwaltung veranschlagt das Reinvermögen der rund 5 Millionen Steuerhaushalte des Landes auf 1,4 Billionen Franken. Die Schwindel erregende Summe katapultiert die Schweiz in sämtlichen internationalen Wohlstandsvergleichen unter die zehn reichsten Länder.

Wenn rund die Hälfte dieses Volksvermögens auf die Altersrentner entfällt, warum soll dann der demografische Wandel nur schwer finanzierbar sein? Zumal die Steuerdaten deutlich machen, dass die Million Arbeitskräfte, die sich in den nächsten zehn Jahren aus dem Erwerbsleben verabschiedet, diese Vermögensverteilung zwischen Jung und Alt weiter zementiert? Und diese Neurentner erst noch besser dastehen, weil sie länger in das seit 1985 obligatorische BVG (Pensionskassen) einbezahlt haben als die heutigen Rentner? «Noch nie zuvor ging eine derart wohlhabende und gesunde Generation in die dritte Lebenshälfte wie in den nächsten rund 20 Jahren», folgert der emeritierte St. Galler Soziologieprofessor Peter Gross (siehe Interview).

Vermögen sind ungleich verteilt

Die meisten Sozialwerk-Experten sehen dem demografischen Wandel indes trotzdem ängstlich entgegen. Denn die AHV-Finanzen geraten in Schieflage, weil immer weniger Arbeitstätige für immer mehr Rentner aufkommen müssen. Dass deren durchschnittliche Lebenserwartung weiter im Steigen begriffen ist, ist zwar erfreulich, löst jedoch bei den Versicherungsmathematikern der Pensionskassen Schweissperlen auf der Stirn aus, weil die Renten aus dem Alterskapital für immer längere Zeit reichen müssen. Das in einem Umfeld, in dem die Zinsen hartnäckig auf tiefstem Niveau vor sich hindümpeln. Die Höhe der Kassenneurenten sinkt darum auf breiter Front.

Höhere Armutsquote

Da hilft es auch wenig, wenn das BFS feststellt, ein schöner Teil der Ruheständler könne auf ein Vermögen zurückgreifen, sollte die Rente nicht reichen. Denn die Vermögen sind in der Schweiz ungleich verteilt. Darüber geben Dutzende von Studien erschöpfend Auskunft. Die Unterschiede kommen im dritten Lebensabschnitt besonders stark zum Ausdruck. Denn wer mit einem tiefen Lohn oder einer besonderen Biografie dort ankommt, dem bieten sich heute kaum Möglichkeiten, ohne fremde Hilfe etwas an seiner finanziellen Lage zu ändern.

Die Armutsquote ist bei den Altersrentnern folgerichtig fast dreimal höher als bei den Erwerbstätigen. Überdurchschnittlich oft kommen dort Leute vor, die vorher ohne Ausbildung im Niedriglohnsektor arbeiteten, alleinerziehend waren und Einpersonenhaushalte.

Ein Fünftel ist arm dran

Das BFS macht in der Analyse seiner Zahlen und mit Umfragen die Dimensionen am unteren Ende der Einkommens- und Vermögensskala bei 65 plus deutlich. Jeder 13. Rentner habe Mühe, auch mit Ergänzungsleistungen finanziell über die Runden zu kommen. «Jede zehnte ältere Person ist nicht in der Lage, eine unvorhergesehene Ausgabe von 2000 Franken innert eines Monats zu bewältigen. Bei rund einem Fünftel der Personen im Rentenalter sind die Vermögensreserven zudem auf maximal 10 000 Franken beschränkt», heisst es im Bericht weiter. In Seniorenhaushalten seien bei unvorhergesehenen Ausgaben die geringen Ersparnisse besonders rasch aufgebraucht.

Fast 40 Prozent sind wohlhabend

Wie viele von den übrigen vier Fünfteln der Pensionäre zum Mittelstand und wie viele zu den Reichen zählen, lässt sich aus der Studie nicht herleiten. Einen Anhaltspunkt geben einzig die liquiden Ersparnisse, die sie besitzen. Gut die Hälfte der Senioren hat mehr als 50 000 Franken flüssige Mittel zur Verfügung. Bei der Mehrheit von ihnen, nämlich knapp 39 Prozent von allen Rentnern, sind es sogar über 100 000 Franken.

«Der grösste zivilisatorische Fortschritt der letzten 2000 Jahre»

rr. Peter Gross (74, Bild) ist emeritierter Soziologie-Professor der Universität St. Gallen (HSG). Er hält in seinem Buch «Wir werden älter. Vielen Dank. Aber wozu?» die düsteren Prognosen anderer Wissenschaftler zum demografischen Wandel für übertrieben und setzt sich gegen den Vorwurf an die Babyboomer-Generation zur Wehr, sie habe ein Rentensystem geschaffen, in dem die nachrückenden Generationen zu kurz kämen.

Peter Gross, etwa die Hälfte des Privatvermögens in der Schweiz ist im Besitz der Generation 65 plus. Mit der Rentenreform 2020 werden aber auch die jüngeren Generationen zünftig zur Kasse gebeten, um den demografischen Wandel zu finanzieren.
Peter Gross:
Es ist logisch, dass ein 65-Jähriger mehr besitzt als ein 20-Jähriger. Er hat ja in der Regel auch lange dafür gearbeitet. Es führt ohnehin in die Irre, die Generationen gegeneinander auszuspielen. Für mich machen die Zahlen der Vermögenssteuer etwas ganz anderes deutlich. Die Klagen, die Jungen müssten einseitig für die Alten bezahlen, sind schlicht falsch. Die ältere Generation – ich bezeichne sie lieber als die langlebige Generation – kommt mit den Vermögens-, Einkommens- und Mehrwertsteuern umgekehrt für Kosten auf, die auch Junge verursachen. Wer über das gesetzliche Rentenalter hinaus arbeitet, zahlt sogar weiterhin Abgaben an die AHV. Unsere Generation nimmt also nicht nur, sondern sie gibt auch – nicht nur bei der Vermögenssteuer. Berechnungen in Deutschland machen deutlich, dass von den Steuern und Abgaben eines Erwerbstätigen mehr den Jungen als den Langlebigen zugutekommt.

Auch dort geht eine reiche Generation in den Ruhestand.
Gross:
Genau. Noch nie zuvor ging eine derart wohlhabende und gesunde Generation in den dritten Lebensabschnitt wie in den nächsten rund zwanzig Jahren. Wir erleben den grössten zivilisatorischen Fortschritt der letzten 2000 Jahre. Das bietet beileibe keinen Anlass für düstere Szenarien.

Die Rentenfinanzierung und die Gesundheitskosten drohen gemäss Ökonomen in den nächsten Jahrzehnten aber über eine Billion Franken Staatsschulden mit sich zu bringen. Das hört sich sehr wohl Furcht erregend an.
Gross:
Sicher, die Zahlen hören sich Furcht erregend an. Nur: Die Annahmen mit den exorbitanten Staatsschulden und Steuern gehen ausnahmslos davon aus, dass sich alles genau gleich weiterentwickelt wie bisher. In den kommenden Jahrzehnten wird sich indes politisch, wirtschaftlich und technologisch sehr viel verändern.

Was wird sich denn Ihrer Meinung nach verändern?
Gross:
Die Wirtschaft lernt umzudenken. Sie wird entdecken, dass sie auf das Wissen der Rentner nicht verzichten kann, und Teilzeitstellen schaffen müssen, die dem dritten Lebensabschnitt gerecht werden. Darum kommt sie gar nicht herum, denn auch das Durchschnittsalter ihrer Kundschaft steigt. Die Langlebigen entwickeln sich zu einer wichtigen Zielgruppe. Im Moment wird viel Papier zu diesem Szenario produziert. Viele haben gute Ideen zum Inhalt. Leider kommt die Umsetzung nur langsam voran. Neue Modelle wären übrigens auch für die finanziell schlechtgestellten Rentner eine Hilfe, die gesundheitlich in der Lage sind, über das Rentenalter hinaus in Teilzeit altersgerecht zu arbeiten.

Zuversichtlich stimmt Sie auch die emotionale Verbundenheit unter den Generationen. Wie wirkt sie sich aus?
Gross:
Ich hatte meine Grosseltern kaum gekannt, weil sie für heutige Verhältnisse früh gestorben sind. Das hat sich geändert. Es leben oft drei oder vier Generationen einer Familie, die sich gegenseitig unterstützen können und auch werden. Denn die Kleinfamilien führten zu hohen Zuneigungsquoten innerhalb ihres Kreises. Das ist ein wichtiger emotionaler Wert. Die Familienmitglieder lassen sich gegenseitig bestimmt nicht im Stich.