Strommarkt
Riesige Wasserkraft-Verluste: Stromkonzern Alpiq drängt die Politik zum Handeln

Alpiq lagert inländische Stromproduktion in eine «Bad Bank» aus – so wie schon die Axpo. Der Stromkonzern schreibt riesige Verluste mit der heimischen Stromproduktion – und appelliert an die Politik.

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Die Wasserkraft ist das Sorgenkind der Alpiq: Staumauer am Zervreilasee bei Vals GR

Die Wasserkraft ist das Sorgenkind der Alpiq: Staumauer am Zervreilasee bei Vals GR

Alessandro Della Bella/Keystone

Exakt 109 Millionen hat Alpiq in den letzten sechs Monaten mit ihren Schweizer Kraftwerken verloren. Dies geht aus den gestern veröffentlichten Zahlen hervor. Das ist das erste Mal, dass Alpiq Ertragszahlen für die heimische Stromproduktion offenlegt. Der Konzern aus Lausanne hat dazu eigens den Bereich «Generation Switzerland» geschaffen. Er ist das Sorgenkind des grössten Stromkonzerns der Schweiz – oder wie es ein hoher Kadermann ausdrückt: «‹Generation Switzerland› ist die ‹Bad Bank› der Alpiq.» Der Begriff stammt aus der Finanzindustrie und steht für unrentable Geschäfte, die man liebsten nicht mehr auf der Bilanz hätte. Damit folgt Alpiq Konkurrentin Axpo, die bereits Ende 2016 ihre Schweizer Kraftwerke in einer Bad Bank, der Axpo Power, gebündelt hat.

Wie Alpiq am Montag ebenfalls bekannt gab, legt sie ihre Pläne für den Verkauf einer 49-Prozent-Beteiligung an ihrem Wasserkraftportfolio vorerst auf Eis. Dieser Schritt kam nicht überraschend: Bereits in den letzten Monaten verdichteten sich die Anzeichen, dass es sehr schwer würde, Käufer zu finden. Es war und ist für Investoren nicht abzuschätzen, wie viel Geld sie mit Wasserkraft in Zukunft verdienen können. Der Marktpreis ist am Boden, die politischen Rahmenbedingungen sind ungewiss.

Chefin Jasmin Staiblin sagte vor den Medien: «Keiner war bereit, diese Risiken zu übernehmen und die Situation zu überbrücken, bis sich die Preise am mittleren und langen Ende wieder erholen», sagte sie. Indem Staiblin der zaudernden Politik die Schuld zuwies, stach sie in ein Wespennest. Energiepolitiker Stefan Müller-Altermatt empörte sich gestern über diese Aussagen (siehe Box unten). Im linken Lager kam der Übungsabbruch gut an. Erfreut zeigte sich die Zürcher SP-Politikerin Jacqueline Badran: Wasserkraft sei eben ein strategisches Gut, das «too big to fail» sei – und nutzte damit einen weiteren Begriff aus der Finanzwelt.

Doch ist es nicht gerade die Politik, welche die Wasserkraft «scheitern» lässt? Die Marktliberalisierung ist in der Schweiz ein Zwitter. Die Grossverbraucher wie Industrieunternehmen sind frei in der Wahl ihres Stromlieferanten. Die privaten Haushalte nicht, sie müssen den Strom vom lokalen Netzbetreiber beziehen, üblicherweise ist das ein Stadt- oder Regionalwerk.

Tiefer Strompreis im Ausland

Die Teilliberalisierung sorgt für Verzerrungen im Markt. Stromfirmen wie Alpiq, aber auch Axpo können Energie nur Grossabnehmern liefern. Das müssen sie zu internationalen bzw. deutschen Marktpreisen tun. Weil sie keine sogenannten gebundenen Kunden haben, können sie den Strom nicht zu einem hohen Monopolpreis verkaufen, wie dies Stromproduzenten mit eigenen Netzen machen (zum Beispiel die Berner BKW).

Alpiq und Axpo müssen also mit dem internationalen Markt mithalten. Weil in Deutschland der Preis wegen Kohlestrom und massiven Subventionen in Wind und Solar sehr tief ist, müssen die Alpiq und andere Stromproduzenten den Schweizer Strom über Gestehungskosten verkaufen, also mit Verlust. Wenn Alpiq im ersten Halbjahr eine rote Null schreibt, dann nur, weil die Stromproduktion im Ausland und die Gebäudetechnik im Inland Gewinne abwerfen.

Diese Quersubventionierung will Alpiq nicht mehr länger hinnehmen. Und das ist auch der Grund, warum Alpiq gestern erstmals Detailzahlen zum Schweizer Stromproduktionsgeschäft veröffentlicht hat. «Damit will der Konzern transparent machen, wie schlecht es um das Geschäft mit dem Schweizer Strom bestellt ist», sagt ein Kenner der Branche. Der Hintergrund ist klar: Alpiq und Axpo wollen damit Druck auf die Politik machen. Die Forderung von Alpiq lässt sich im Halbjahresbericht nachlesen: «Die Politik muss sich entscheiden: Entweder gehen alle Stromproduzenten zurück in geschützte Märkte oder der Markt wird umgehend für alle geöffnet», schreiben Verwaltungsratspräsident Jens Alder und Konzernchefin Jasmin Staiblin im Aktionärsbrief. Wie man aus dem Innern von Alpiq hört, hat das Unternehmen Präferenz für die vollständige Marktöffnung.

Politiker wehrt sich

Der Präsident der Energiekommission des Nationalrats (Urek), Stefan Müller-Altermatt (CVP/SO), empört sich über Alpiq. Es war klar, dass ein Verkauf angesichts des Marktumfelds schwierig war, sagte er. Die Energiekommission habe sich mehrmals für die Unterstützung der Wasserkraft starkgemacht. In ihrer Begründung für den Verkaufsverzicht schrieb Alpiq am Montag, potenzielle Käufer hätten die regulatorischen Risiken nicht auf sich nehmen wollen. «Diese Begründung ist nicht haltbar», kritisiert Müller-Altermatt. In jüngerer Zeit habe es immer wieder Diskussionen über Entlastungen gegeben. Obwohl Alpiq nun Millionenerlöse entgehen, sei eine Staatsrettung kein Thema. (sda)