Riesiger Online-Ansturm auf die Notkredite bei den Banken

Gestern lief das grösste Hilfsprogramm der Geschichte an. Die Banken waren trotz kurzer Vorlaufzeit vorbereitet und bewältigten die Antragsflut im Eiltempo.

Daniel Zulauf, Sarah Kunz und Gabriela Jordan
Hören
Drucken
Teilen
Bei der Credit Suisse gingen alleine am ersten Tag 4500 Anträge für Coronakredite ein.

Bei der Credit Suisse gingen alleine am ersten Tag 4500 Anträge für Coronakredite ein.

Philipp Schmidli

Das grösste Hilfsprogramm der Geschichte ist angelaufen. Seit gestern können die rund 600000 kleinen und mittleren Unternehmen der Schweiz bei ihrer Heimbank im Schnellverfahren kurzfristige Liquiditätshilfen abholen. Dafür stellt der Bund 20 Milliarden Franken zur Verfügung. Der Ansturm auf die Notkredite war wie erwartet riesig. Draussen merkte man davon allerdings nichts. Weil sämtliche Anträge online abgewickelt werden, herrschte vor den Bankfilialen gähnende Leere.

Drinnen waren die Bankmitarbeiter aber stark gefordert. Sie mussten im Eiltempo die Antragsflut bewältigen, auf die sie sich lediglich übers Wochenende haben vorbereiten können. Bei der UBS haben die ersten Kunden laut der Grossbank bereits kurz nach dem offiziellen Start ihren Notkredit erhalten. Stand Mittag seien rund 3000 Anfragen eingegangen. Bei der Raiffeisen waren bis gestern um 15 Uhr über 300 Kreditanträge verarbeitet und ausbezahlt, bei der Credit Suisse waren es Stand 17 Uhr rund 4500 Anträge. Die Postfinance zählte bis 16 Uhr rund 3200 Kreditgesuche. «Wir waren darauf vorbereitet und konnten den Ansturm gut bewältigen», sagt Mediensprecher Johannes Möri. Für die Bearbeitung der Kreditgesuche haben die angefragten Banken die entsprechenden Bereiche personell verstärkt.

Firma muss sich gut überlegen, ob sie den Kredit wirklich will

Einen genaueren Einblick in den hektischen Tag gewährte uns Melek Ates. «Wir erleben einen historischen Tag», sagt die Bankerin aus dem Aargau am Donnerstagmorgen. Sie ist gerade dabei, die ersten Firmenanträge entgegenzunehmen, die im staatlich garantierten Sicherheitsnetz gelandet sind. Bis 500000 Franken sind die staatlich garantierten Kredite gratis, und für Ausleihungen von bis zu 20 Millionen Franken erheben die Banken einen Zins von durchschnittlich weniger als ein Prozent, weil sie immerhin 15 Prozent des Risikos selbst tragen.

Es ist elf Uhr und bei Melek Ates sind bereits rund 100 Kreditanträge eingegangen. Alles elektronisch. Es muss schnellgehen. Die Chefin verteilt die Anträge auf ihr siebenköpfiges Team. Es wird geprüft, ob die Antragssteller die auf dem Formular gestellten Fragen vorschriftsgemäss abgehakt und rechtsgültig unterzeichnet haben. So akzeptiert er die Bedingungen des Kredits. «Die Selbstdeklaration ist sehr wichtig», sagt Ates: «Jeder Firmeninhaber soll sich genau überlegen, ob er den Kredit wirklich will, denn nachher ist er in seiner unternehmerischen Freiheit eingeschränkt.» Keine Dividendenausschüttung, keine Rückzahlung von Aktionärsdarlehen, keine langfristigen Investitionen – viele Transaktionen, die zu einer Verschiebung des Risikos zu Ungunsten des Bürgschaftsgebers führen, sind dann nicht mehr erlaubt.

Selbstredend müssen die Firmen auch deklarieren, dass sie sich nur einmal mit einem Gratiskredit bedienen. Ates glaubt nicht, dass viele den Beschiss versuchen werden. «Immerhin müssen sie uns vom Bankgeheimnis entbinden. Der Bund könnte sich nach der Krise also Jahresabschlüsse der Firmen und die Kontoauszüge zuschicken lassen und Prüfungen vornehmen.» Es sei ein gutes Gefühl, den Kunden in einer schwierigen Lage eine konkrete Hilfeleistung anbieten zu können, sagt Ates. Allerdings weiss sie auch, dass nicht jede Not unverschuldet ist. Soeben hat sie einen ersten Kreditantrag abgewiesen. Dazu sind die Banken ermächtigt – ohne Angabe von Gründen. Der Abgewiesene ist ein Unternehmer mit überhöhter Risikobereitschaft. «Er hat Ratschläge, dass er auch eine Sicherheitsreserve in der Hinterhand halten muss, immer in den Wind geschlagen. Jetzt ist er wieder am Anschlag.»

Wer nicht durchhalten kann, «verdient keine Rettung»

Viele Unternehmer gingen sehr sorgsam um mit dem Geld, weiss Ates. «Manche sagen uns, wenn einer ein paar Monate nicht durchhalten kann, verdient er auch keine Rettung.» Auf eine Wertung dieser Feststellung will sich Ates aus bekannten Gründen nicht einlassen. Stattdessen sagt sie, wenn die Pandemie nicht zu lange dauert, dürften die Schäden einigermassen überblickbar und verkraftbar bleiben.

Diesen Optimismus hat die Seconda quasi in den Genen. Als sie in jungen Jahren in der Türkei als Bankerin arbeitete, befand sich der Kurs der türkischen Lira im freien Fall. Geschäftsbanken, die sich bei der Zentralbank über Nacht Geld borgen mussten, zahlten dafür 1000 Prozent Zins. «Eines meiner ersten Geschäfte in der Schweiz war der Abschluss einer zehnjährigen Festhypothek. In solchen Zeiträumen denken in der Türkei nur wenige», sagt sie dazu mit einem Lachen.