Risiken nicht aus den Augen verlieren

Eine Analyse von Wirtschaftsredaktor Ernst Meier zum Aktienmarkt.

Ernst Meier
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Auch die Wall Street freut sich nun schon seit acht Jahren über steigende Aktienkurse. (Bild: Michael Nagel/Getty (New York, 11. August 2017))

Auch die Wall Street freut sich nun schon seit acht Jahren über steigende Aktienkurse. (Bild: Michael Nagel/Getty (New York, 11. August 2017))

Die aktuelle Berichtssaison mit den Halbjahresresultaten geht langsam zu Ende. Die Bilanz fällt mehrheitlich erfreulich aus. Gerade in der Schweiz überzeugten die Börsenfirmen mit steigenden Umsätzen und sehr guten Gewinnzahlen.

Die Industrie hat sich in den vergangenen zweieinhalb Jahren gut auf die neue Währungsrealität eingestellt. Der Schweizer Exportwirtschaft läuft es wie geschmiert – mit 110 Milliarden Franken erreichten die Ausfuhren im ersten Halbjahr einen neuen Rekord. Und die Banken scheinen Tritt gefunden zu haben, auch wenn die Branche weit entfernt ist von den besten Zeiten.

Zunehmend stellt sich die Frage, wie lange der Börsenboom andauert. Die Aktienkurse zeigen nach der verheerenden Finanzkrise, die vor zehn Jahren ausbrach, nunmehr seit über acht Jahren nach oben. Die Fundamentaldaten könnten weiter gut bleiben.

Die Zinsen werden trotz der in den USA eingeläuteten Wende noch für einige Zeit auf tiefem Niveau verharren. Der Wirtschaftsaufschwung ist zu schwach, und die Teuerung liegt nicht auf einem beunruhigenden Niveau. Für die Notenbanker besteht kein Grund, die Zinsen deutlich anzuheben. Das spricht weiterhin für die Anlageklasse Aktie. Es gibt immer noch viel Geld, für das eine ansprechende Rendite gesucht wird. Regelmässig laufen Anleihen aus, die vor ein paar Jahren noch mit 3 bis 4 Prozent Zins abgeschlossen werden konnten. Alternativen dazu fehlen derzeit auf dem Bondmarkt. Vielerorts bieten hingegen Aktien erfreuliche Dividenden.

Die guten Halbjahreszahlen deuten darauf hin, dass auch für das laufende Jahr die Ausschüttungen so gut wie gesichert sind – manchenorts liegt sogar eine Erhöhung drin. Auf Basis der letzten Dividendenzahlung und des aktuellen Börsenkurses beträgt die Ausschüttungsrendite bei der Zürich Versicherung beispielsweise 5,8 Prozent. Beim Detailhandelsunternehmen Valora (Kiosk, Bretzel-König u. a.), das seit 1920 nie eine Dividende ausliess, können die Aktionäre mit einer Rendite von 4,3 Prozent rechnen. Bei den Blue Chips Novartis und Roche locken ansehnliche 3,5 Prozent.

Schöne Aussichten für Aktionäre, zumal die ersten Dividendenzahlungen bereits in weniger als sechs Monaten erfolgen. Zieht die Weltwirtschaft weiter an und geht die Abschwächung des überbewerteten Frankens weiter, dann spricht alles dafür, dass auch die Aktienkurse weiter steigen. Leben Aktionäre «in der besten aller Welten»? Auch wenn dies den Anschein macht und alle Signale auf Grün stehen, so ist grosse Vorsicht angebracht – denn die Sicherheit in luftiger Höhe ist trügerisch. Und genau «in luftiger Höhe» befinden sich viele Schweizer Aktien. Die Kurse sind gerade in den letzten Monaten stark gestiegen. Vielerorts spielt die Psychologie mit. Investoren kaufen gut laufende Aktien in der Hoffnung, sie stiegen noch stärker. Der schnelle Kursgewinn verlockt zum Einstieg.

Die Erwartungen sind entsprechend hoch. Enttäuschen die Firmen, folgt die Reaktion blitzschnell – wie man diese Woche sehen konnte. Huber + Suhner präsentierte am Dienstag einen hohen Gewinnrückgang. Die Aktie büsste knapp 10 Prozent ein. Der Milchverarbeiter Emmi gab am Mittwoch bekannt, dass man die Ziele nicht erreicht hat. Die Aktie verlor 9,2 Prozent, nachdem sie zuvor mit einem Jahresplus von 16 Prozent glänzte.

Die Börse ist keine Einbahnstrasse, und Zuversicht kann sehr schnell ins Gegenteilige drehen. Geopolitisch trübten jüngst die Streitigkeiten um Nordkorea und der Terror in Europa das Weltgeschehen. Zudem herrscht Ratlosigkeit, wohin die Wirtschaft unter Trump steuert. Zu einer deutlichen Korrektur an den Märkten kam es deswegen nicht, aber die Indizes stocken seither.

Wer weiter auf Aktien setzt, könnte für den Mut in den nächsten Monaten belohnt werden – Korrekturen wie bei H + S und Emmi bieten auch Chancen, auf tieferem Niveau zu kaufen. Die Risiken sind derzeit aber grösser als auch schon. Gerade bei boomenden Börsen vergessen die Anleger oft simple Arithmetik: Wer eine Korrektur von 50 Prozent nach unten erleidet, braucht einen Kursgewinn von 100 Prozent, um wieder auszugleichen.

Ernst Meier