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ROCHE: Ex-Cheflobbyist hat Millionen abgezweigt

Evan Morris war Cheflobbyist des Schweizer Pharmakonzerns in Washington – bis er sich im Sommer 2015 das Leben nahm. Nun schreibt das «Wall Street Journal», Morris habe Millionen von Dollars veruntreut.
Renzo Ruf, Washington
Hauptsitz der zur Roche gehörenden Genentech in San Francisco. (Bild: Getty)

Hauptsitz der zur Roche gehörenden Genentech in San Francisco. (Bild: Getty)

Renzo Ruf, Washington

wirtschaft@luzernerzeitung.ch

Am 8. Juli 2015 wusste Evan Morris, dass seine Stunde geschlagen hatte. Der Chief Compliance Officer seines Arbeitgebers Genentech – seit 2009 komplett im Besitz von Roche – hatte für den Folgetag um ein Treffen mit dem hochrangigen Angestellten gebeten. Der Cheflobbyist solle seinen Terminplan frei halten, lautete die Anweisung. Am 9. Juli tauchte Morris kurze Zeit in seinem Büro in Washington auf, von dem aus er Einfluss auf den Politbetrieb in der US-Hauptstadt genommen hatte. Dann machte sich Morris aus dem Staub. Auf einem Golfplatz in einem Vorort von Washington spielte er eine Runde. Dann ass der 38-Jährige ein reichhaltiges Nachtessen, trank eine teure Flasche Bordeaux und verübte anschliessend Selbstmord.

Morris war ein Wunderkind, ein vernetzter Demokrat, der unter hochrangigen Politikern und Bürokraten gut Wetter für seinen Arbeitgeber machte und Einnahmen generierte. So gelang es ihm, eine Entscheidung der Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) gegen die Verschreibung des Medikaments Avastin zur Behandlung von Brustkrebs hinauszuzögern – auch weil er das Talent besass, heimlich Interessengruppierungen für seine Zwecke einzuspannen. Zwar verlor Genentech das entsprechende Rekursverfahren im Juni 2011, aber seine Verzögerungstaktik habe fast 1 Milliarde Dollar in die Kassen seines Ar­beit­gebers gespült, sagte Evan Morris später.

186 Millionen Dollar für Lobbyismus

Morris war aber auch ein Lebemann, der es mit Vorschriften und Auflagen nicht sehr genau nahm, wie die Wirtschaftszeitung «Wall Street Journal» diese Woche in einem langen Artikel publik machte. Der seit 2009 amtierende Cheflobbyist soll erkleckliche Summen aus dem Budget des Lobby-Büros abgezweigt haben, das sich zuletzt auf gut 50 Millionen Dollar pro Jahr belief. Insgesamt investierte die Pharmaindustrie im vorigen Jahr mehr als 186 Millionen Dollar in den Lobbyismus.

Dabei griff Morris auf ein Netz von Dienstleistern zurück, an deren Spitze Freunde und Bekannte sassen. Ein Beispiel bloss: Am 1. November 2012 und am 1. Dezember 2012 überwies die Genentech einem Consulting-Unternehmen in Washington insgesamt 880000 Dollar – weil das Unternehmen Anlässe in Denkfabriken der Hauptstadt organisiert habe. Am 10. Dezember 2012 zahlte dieselbe Firma dann 448986.22 Dollar auf das persönliche Bankkonto von Evan Morris ein.

Angeblich habe es sich dabei um eine Vergütung von Kosten gehandelt, die Morris bei der Organisation eines Anlasses in der Denkfabrik American Enterprise Institute (AEI) entstanden seien. Die Consulting-Firma legte dem «Wall Street Journal» gar eine Rechnung des AEI vor. Allein: Bei dieser Rechnung handelte es sich um eine Fälschung, wie eine Sprecherin der Denkfabrik sagte. Das abgezweigte Geld soll Morris zur Finanzierung eines aufwendigen Lebensstils verwendet haben – zu dem mehrere Häuser, ein Weinkeller, ein Sportwagen und ein Schnellboot gehörten. Unter demokratischen Parteigenossen war der Lobbyist als Spendensammler mit tiefen Taschen beliebt; er unterstützte im Präsidentschaftswahlkampf Hillary Clinton, auch weil er sich Hoffnungen darauf machte, als amerikanischer Botschafter in der Schweiz zu wirken.

Justizministerium und FBI ermitteln

Wie viel Geld Morris insgesamt veruntreut hat, will seine Arbeitgeberin nicht bekannt geben. Das «Wall Street Journal» spricht von Millionen von Dollars. «Der Gesamtbetrag war allerdings für Roche nicht materiell», sagt Sprecher Patrick Barth. Auch habe Roche Anstrengungen un­ternommen, die veruntreuten Gelder wiederzuerlangen. Roche gehe davon aus, dass es sich dabei um einen Einzelfall gehandelt habe. Mag sein. Dennoch ermitteln das Justizministerium und die Bundespolizei FBI, wie das «Wall Street Journal» schreibt. Und bereits werden in der Hauptstadt Erinnerungen an den letzten grossen Lobbyisten-Skandal wach, in den vor einer Dekade der Republikaner Jack Abramoff verwickelt war.

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