Bald der grösste Pharmakonzern der Welt? Roche greift nach der Krone

Noch heisst der grösste Medikamentenhersteller Pfizer. Das Basler Unternehmen könnte den US-Konzern in diesem Jahr ablösen.

Daniel Zulauf
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Roche-Chef Severin Schwan kann vor allem dank neuer Medikamente starke Jahreszahlen präsentieren.

Roche-Chef Severin Schwan kann vor allem dank neuer Medikamente starke Jahreszahlen präsentieren.

Bild: Georgios Kefalas/Keystone

Roche oder Novartis? Beide Basler Medikamentenhersteller haben ein aussergewöhnlich erfolgreiches Jahr hinter sicher. Einer von ihnen könnte heuer zum weltgrössten Pharmakonzern aufsteigen. Roche erzielte 2019 einen Umsatz von 61,4 Milliarden Franken. Dazu trugen die Pharmazeutika allein 48,5 Milliarden Franken (+11 Prozent) bei. Damit liegt Roche rund 5 Prozent vor dem Lokalrivalen Novartis. Aber noch heisst der weltgrösste Medikamentenhersteller Pfizer. Die Amerikaner hatten die Krone 1999, unmittelbar nach der Lancierung des Potenzmittels Viagra, erobert. Die blaue Pille spielte dem Konzern über fast zwei Dekaden hinweg Jahr für Jahr gegen 2 Milliarden Dollar in die Kasse. 2019 waren es allerdings noch 500 Millionen Dollar. Und nun laufen auch die letzten Patente für Viagra aus. Nicht nur deshalb muss der Konzern 2020 mit einem Rückgang des Umsatzes rechnen.

Die Amerikaner wollen die Krone aber nicht kampflos aus der Hand geben. So haben sie einen Frontalangriff auf die umsatzstärksten Roche-Medikamente lanciert. Avastin, Rituxan und Herceptin trugen den Baslern 2019 fast 20 Milliarden Franken Umsatz ein. Doch auch diese biologischen Krebsmedikamente sind in die Jahre gekommen. In Europa und Japan haben sie ihren Patentschutz bereits verloren, was sich nun deutlich in den Zahlen niederschlägt.

Empfindliche Einbussen wegen auslaufender Patente

Roche-Chef Severin Schwan bezifferte die Umsatzeinbussen durch die Konkurrenz billigerer Nachahmerprodukte mit 1,5 Milliarden Franken. Nun sind die Patente auch im weltgrössten Markt USA abgelaufen. Für Avastin und Rituxan hat Pfizer bereits Nachahmerprodukte mit Preisabschlägen zum Originalpräparat in Höhe von bis zu 24 Prozent auf den Markt gebracht. Im Februar soll die Lancierung einer Kopie für Herceptin folgen.

Roche ist vorbereitet. Schwan rechnet für 2020 mit weiteren konkurrenzbedingten Umsatzeinbussen von 4 Milliarden Dollar. Es sei eine realistische Schätzung, sagte er anlässlich der Präsentation der Jahreszahlen. Sorgen scheint man sich darüber aber keine zu machen. Roche rechnet auch für das laufende Jahr mit einer Zunahme der Verkäufe um bis zu 5 Prozent. Der Grund sind die Wirkstoffe der jüngsten Generation.

Ein Beispiel ist Ocrevus. Das Präparat zur Behandlung von Multipler Sklerose kam 2017 auf den Markt. Im vergangenen Jahr hat es bereits 3,7 Milliarden Franken eingespielt – ein Plus von 57 Prozent. Perjeta gegen Brustkrebs steht sieben Jahre nach der Zulassung bei 3,5 Milliarden Franken. Und Tecentriq, das seit 2016 gegen diverse Krebsformen eingesetzt wird, kam 2019 auf einen Umsatz von 1,9 Milliarden Franken. Tecentriq könnte im laufenden Jahr die Zulassung für Leberkrebs erhalten und das starke Wachstum fortsetzen.

Im Vertrauen auf den starken Nachschub an neuen ­Medikamenten zeigt sich das Roche-Management trotz zunehmender Konkurrenz zuversichtlich. Dies umso mehr, als die in den vergangenen Jahren verschlankte Organisation die Erfolge an der Verkaufsfront auch mit weniger Reibungsverlusten in der Produktion und im Vertrieb in Gewinne ummünzen kann. So stieg der Reingewinn um 30 Prozent auf 14,1 Milliarden Franken.

Diagnostik-Division schwächelt

Die Zahlen sähen noch um einiges besser aus, wenn die Diagnostik-Sparte nicht gerade eine Schwächephase durchzustehen hätte. Die Division musste sich 2019 mit einer nur minimalen Umsatzsteigerung und mit einem deutlichen Rückgang des operativen Gewinns um 61 Prozent auf 242 Millionen Franken zufrieden geben. Man sei im Geschäft mit Blutzuckermessgeräten technologisch von Konkurrenten überrundet worden, hiess es zur Begründung. Wie schnell dies gelingt wird sich zeigen.

Die Aktionäre müssen den Gürtel deswegen aber nicht enger schnallen. Mit einer Gesamtausschüttung von 7,8 Milliarden Franken erhalten sie rund 260 Millionen Franken mehr als im Vorjahr. Konzernchef Schwan hat 2019 mit 11,5 Millionen Franken rund 245000 Franken weniger verdient als im Vorjahr.