Roche hat in Rotkreuz Grosses vor

Seit 50 Jahren ist Roche in Rotkreuz präsent. Nun hat der Basler Konzern Land gekauft, um den Diagnostik-Standort in Zug weiter auszubauen. Die Belegschaft könnte sich langfristig verdoppeln.

Maurizio Minetti
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Roche-CEO Severin Schwan und Standortleiterin Annette Luther in Rotkreuz. (Bild: Jan Pegoraro, 4. September 2019)

Roche-CEO Severin Schwan und Standortleiterin Annette Luther in Rotkreuz. (Bild: Jan Pegoraro, 4. September 2019)

Mitte der Neunzigerjahre stand es gar nicht gut um den Standort Rotkreuz von Roche. «Wir befanden uns damals vor dem Entscheid, im Bereich Diagnostik eine kritische Grösse zu erreichen – oder das Geschäft aufzugeben», schildert Roche-CEO Severin Schwan die damalige Situation. Der Knick in der Entwicklung der Mitarbeiterzahl (siehe Grafik) zeigt, dass sich diese Phase der Unsicherheit kurzzeitig auch auf die Belegschaft auswirkte. «Diagnostik war ein Wackelkandidat», so Schwan. Man habe in dieser Zeit die kritische Grösse nicht erreicht. Und die Zahlen waren rot.

Doch dann entschied sich Roche, das Ruder herumzureissen. Die Entwicklung von Geräten für die Analyse von Blut, Urin oder Gewebe wurde zur Chefsache erklärt. Mit dem Kauf des deutschen Unternehmens Boehringer Mannheim avancierte Roche dann 1997 zum weltweiten Marktführer im Diagnostik-Geschäft. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Der Basler Pharmakonzern ist im Bereich Diagnostik die globale Nummer eins mit einem Marktanteil von rund 20 Prozent – vor Playern wie Siemens, Abbott oder Danaher. Und die Mitarbeiterzahl am Standort Rotkreuz hat sich insbesondere seit der Jahrtausendwende rasant nach oben entwickelt. 

600 Millionen Franken investiert

Angefangen hatte alles mit dem Kauf des Zuger Herstellers von Beatmungsgeräten ERA (Elektromedizin und Respiratoren AG). Daraus entstand 1969 die Zuger Tegimenta AG mit 58 Angestellten. Zehn Jahre später zügelte Roche aus Platzgründen nach Rotkreuz. Heute ist Roche in Rotkreuz mit 2406 Vollzeitstellen der grösste private Arbeitgeber im Kanton Zug. Die Angestellten kümmern sich um Entwicklung, Produktion und Vermarktung von Geräten und Software im Bereich Diagnostik. In Rotkreuz hat Roche allein in den letzten rund 15 Jahren 600 Millionen Franken investiert. Das 50-jährige Jubiläum feiert Roche diese Woche mit einem grossen Fest.

Fabrikareal der Tegimenta AG in Rotkreuz in den 1970er-Jahren (Bild: Roche)
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Erweiterungsbau für Montage und Entwicklung der Tegimenta AG im Jahr 1978. (Bild: Roche)
Luftaufnahme des Tegimenta-Areals in Rotkreuz im Jahr 1986. (Bild: Roche)
Luftaufnahme des Tegimenta-Areals in Rotkreuz im Jahr 1988. (Bild: Roche)

Fabrikareal der Tegimenta AG in Rotkreuz in den 1970er-Jahren (Bild: Roche)

Seit fünf Jahren wird der Standort Rotkreuz von Annette Luther geführt. Am Mittwoch erklärte sie zusammen mit Roche-CEO Severin Schwan, in welche Richtung sich Roche in Rotkreuz entwickeln will. «Wir haben bereits vor zwei Jahren ein angrenzendes Grundstück erworben, wo sich heute noch ein Maisfeld befindet. Vor kurzem haben wir auf der anderen Strassenseite ein weiteres sehr grosses Stück Land gekauft», sagte Luther im Gespräch mit dieser Zeitung.

Mit den neuen Parzellen könne Roche das bestehende Areal um einen Viertel erweitern, sagte Luther: «Wir starten derzeit mit der Planung für den Bau von mehreren Gebäuden.» Auf das Personal in Rotkreuz bezogen könnte dies bedeuten, dass Roche «im Vollausbau die Belegschaft in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren verdoppeln könnte», schätzt die Standortleiterin. Sie betont allerdings, dass ein solcher Ausbau «potenziell möglich», aber keineswegs in Stein gemeisselt sei.

Kürzlich ist bekannt geworden, dass der Roche-Konkurrent Novartis seinen Campus in Basel zu grosszügig konzipiert hat und nun zunehmend leere Flächen hat. Könnte dies auch bei Roche in Rotkreuz passieren? Luther winkt ab: «Wir haben in Rotkreuz vor allem Funktionen mit einer hohen Wertschöpfung, die sich nicht so einfach auslagern lassen.» 

Daten werden immer wichtiger

Neben den lokalen Ausbauplänen skizzierte CEO Severin Schwan auch die strategische Stossrichtung: «Wir glauben, dass die Kombination zwischen Datenmanagement, Pharma und Diagnostik immer wichtiger wird», sagte er. In Zukunft werde Roche nicht nur Instrumente und Tests, sondern vermehrt auch digitale Entscheidungshilfen anbieten. «Diese werden dazu beitragen, Behandlungen gezielter und effizienter einzusetzen. Die Digitalisierung wird die personalisierte Medizin auf eine enorme Art und Weise beschleunigen und Rotkreuz wird sicherlich vorne mit dabei sein», so der Konzernchef: «Wir müssen die Informationen aus den Geräten so aufbereiten, dass Ärzte schneller Entscheidungen treffen können.»

Schwan machte ein Beispiel: Ein Arzt lässt eine Gewebeprobe eines Krebspatienten durch die Maschinen von Roche laufen und erhält dabei Daten, die für Behandlungen ähnlicher Fälle entscheidend sein könnten. «Wir müssen dahin arbeiten, dass wir mit diesen Daten die Qualität der Behandlungen verbessern können.» Diese Daten aus der Praxis seien auch wichtig für die Forschung und Entwicklung neuer Medikamente – und zwar nicht nur von Roche. «Wir stellen die Daten auch Drittfirmen zur Verfügung», sagte Schwan. Und er betonte, dass der Datenschutz stets gewährleistet sei, da die Daten anonymisiert werden.

Roche selbst investiere stark in den Datenbereich, etwa mit dem Kauf der beiden US-Firmen Flatiron Health und Foundation Medicine. Aufholpotenzial sieht Schwan aber beim Staat. «Das Gesundheitswesen generiert viele wertvolle Daten, die aber heute zum Teil nicht einmal elektronisch erfasst werden.» Schwan kritisiert insbesondere, dass die Schweiz immer noch kein elektronisches Patientendossier eingeführt hat, während dies in anderen Ländern längst Standard sei.

«Wenn unsere These stimmt, dass Pharma, Diagnostik und Digitalisierung zusammenwachsen, müssen wir bei den digitalen Daten unbedingt aufholen», mahnte Schwan. «Am Ende», so Schwan, «werden die Patienten profitieren, weil das ganze Gesundheitssystem durch die bessere Auswertung von Daten effizienter wird und die Behandlungsmethoden verbessert werden können.»