ROHSTOFFE: Elektronik-Hersteller am Pranger

Heftige Kritik an den Elektrokonzernen: Für die Seltenen Metalle in ihren Geräten würden Kinder in Afrika missbraucht. Das zeigt, die Rohstoffe sind nicht nur heikel, weil sie rar sind.

Bruno Knellwolf
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Ein Kind baut in einer Mine im Kongo Gold ab. Auch andere wertvolle Rohstoffe werden in Afrika von Kindern gewonnen. Davon profitieren auch grosse Elektronik-Hersteller. (Bild: AFP/Issouf Sanogo)

Ein Kind baut in einer Mine im Kongo Gold ab. Auch andere wertvolle Rohstoffe werden in Afrika von Kindern gewonnen. Davon profitieren auch grosse Elektronik-Hersteller. (Bild: AFP/Issouf Sanogo)

Diese Woche beklagte Amnesty International, dass in der Demokratischen Republik Kongo, wo mehr als die Hälfte des weltweit abgebauten Kobalts gewonnen wird, siebenjährige Kinder unter lebensgefährlichen Bedingungen das Mineral abbauen müssten. «Die Elektronikkonzerne nutzen Kobalt für die Akkus ihrer Smartphones, Tablets und Laptops», erklärt Amnesty-Expertin Verena Haan. Die Menschenrechtsorganisation fordert nun, dass Konzerne wie Apple, Samsung und Sony garantieren, dass für ihre Produkte kein Kobalt aus Kinderarbeit verwendet wird.

Abbau ist problematisch

Kobalt gehört zu den seltenen Metallen, zu denen unter vielen auch Indium, Gallium, Platinmetalle und seltene Erdmetalle zählen, die oft fälschlicherweise als Seltene Erden bezeichnet werden. Ihrem Namen entsprechend sind diese Metalle weniger häufig in der Erdkruste vertreten als Aluminium, Eisen oder Zink. Seltene Metalle kommen in der Erdkruste in Massenanteilen von weniger als 0,01 Gewichtsprozent vor.

Wie die Anklage von Amnesty International zeigt, sind diese Metalle aber nicht nur kritisch, weil sie rar sind, sondern auch wegen der unter Umständen negativen ökologischen und sozialen Auswirkungen des Rohstoffabbaus, wie der Umweltwissenschaftler Patrick Wäger von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa sagt.

Seltene Metalle sind aber die Rohstoffe der Zukunftstechnologien und sind sogar in Solarzellen und Windturbinen zu finden. Und wenn etwas selten ist und die Nachfrage sich erhöht, geht die Angst um, dass es zu einem Versorgungsengpass kommen könnte.

Displays, Solarzellen, LEDs

Wäger zeigt das am Beispiel von Indium. Dieses Seltene Metall findet man als transparentes und leitendes Indiumzinnoxid in Flachbildschirmen, LEDs und Solarzellen. Im Jahr 2007 schätzten die Experten die weltweiten Reserven des Indiums auf 11 000 Tonnen. Damals lag die Weltjahresproduktion des Metalls bei 510 Tonnen. Dementsprechend wäre gemäss der Prognose aus dem seltenen bald ein nicht mehr vorhandenes Metall geworden.

Knappheit bei Indium

Heute rechnet man aber mit einer Verfügbarkeit des Indiums für 22 Jahre. «Aber auch diese Zahl ist mit grosser Vorsicht zu betrachten», sagt Patrick Wäger. Schätzungen zu den Vorkommen verändern sich mit der Ausbeutung des Rohstoffs und aktuellen Daten dazu laufend. Zudem wird als Reserve bezeichnet, was sich wirtschaftlich aus dem Boden holen lässt. Mit neuen Techniken verändert sich auch das. Bei Indium sei aber klar, dass sich die Nachfrage erhöhe und damit eine Knappheit möglich werde.

Auch das Seltene Metall Tantal ist in neuen Technologien stark vertreten, etwa in Smartphones und Flugzeugturbinen. Hier sind gemäss Wäger die Reserven mit 100 000 Tonnen grösser und sollten 125 Jahre reichen.

Das ist ein langer Horizont, doch kritisch sind die Seltenen Metalle auch, weil sie meist nur in wenigen Ländern der Erde vorkommen, leider oft in geopolitisch unsicheren Gegenden.

China dominiert den Markt

Die Seltenen Erdmetalle stammen vor allem aus China. Zu seltenen Erdmetallen gehören 17 Elemente, unter anderem Neodym, Dysprosium und Praseodym, die als Bestandteile von Permanentmagneten zum Beispiel in Elektromotoren, Kopfhörern und Lautsprechern eingesetzt werden. Da China den Markt dieser Seltenen Erdelemente total dominiert und der Abbau zudem toxische Begleiterscheinungen hat, haben andere Länder mit Vorkommen die Produktion aufgegeben. Genau das gefährdet die Versorgungssicherheit mit diesen Metallen zusätzlich. Das gilt auch für andere wichtige Stoffe. Palladium stammt vorwiegend aus Russland, Indium aus China, Kobalt aus Afrika, dessen Abbau von den dortigen Warlords kontrolliert wird.

Ökologische und soziale Aspekte beim Abbau, Versorgungssicherheit, geopolitische Faktoren – das alles gehört zur Beurteilung des Versorgungsrisikos für die Materialien, die aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken sind. Die Empa führt ein Tool namens Metal-Risk-Check, mit dem Firmen abschätzen können, welche Risiken mit der Nutzung eines Seltenen Metalls einhergehen.

Rohstoffe aus Urban Mining

Patrick Wäger von der Abteilung Technologie und Gesellschaft der Empa plädiert dafür, nachhaltiger mit diesen Rohstoffen zu verfahren. Leider sei aber die Recycling-Rate von Seltenen Metallen niedrig, weniger als 1 Prozent. Deshalb ist die Empa auch an Recycling-Forschungsprojekten beteiligt. Ein Schwerpunkt liegt beim Urban Mining, der Rückgewinnung von Rohstoffen aus vom Menschen geschaffenen Lagerstätten: zum Beispiel Gebäuden oder ausgedienten Konsumgütern wie alten Elektronikgeräten. Statt aus der Geosphäre holt man die Rohstoffe aus der Technosphäre des Menschen.

Recycling lohnt sich noch nicht

Ob sich das Recycling für Seltene Metalle aber lohnt, wird noch untersucht. Bei Indium sei die Rückgewinnung momentan noch nicht selbsttragend. Gesucht wird auch intensiv nach Ersatzstoffen für Seltene Metalle. Bei den Platinmetallen und Tantal gebe es einige Erfolge, erklärt Wäger. Bei Indium sei aber noch kein guter Ersatz in Sicht.

Deshalb sei es wichtig, modulare Produkte zu bauen, sodass defekte Teile ersetzbar seien. Als Beispiel erwähnt Wäger das modulare Smartphone Fairphone aus Holland. Generell sollten Seltene Metalle möglichst leicht wieder aus den Geräten herausgelöst werden können. Zurzeit ist das bei vielen Geräten kompliziert, aufwendig und daher mit hohen Kosten verbunden.

Bruno Knellwolf