ROTHENBURG: Das Ende einer Traditionsfirma

Der Metallverarbeiter BOA stellt Ende Monat die Produktion ein. Die Hälfte der Mitarbeiter hat einen neuen Job. Schwierig wird es für die zahlreichen Angelernten mit geringen Sprachkenntnissen.

Hans-Peter Hoeren
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Der BOA-Mitarbeiter Domenico Colletti (links) sucht eine neue Stelle als Maschinenführer. Norbert Balli, Leiter des Jobcenters, unterstützt ihn dabei. (Bild Nadia Schärli)

Der BOA-Mitarbeiter Domenico Colletti (links) sucht eine neue Stelle als Maschinenführer. Norbert Balli, Leiter des Jobcenters, unterstützt ihn dabei. (Bild Nadia Schärli)

Die Metallschlauchproduktion wurde bereits nach Frankreich verlagert. Dennoch sind die Auftragsbücher beim Metallverarbeiter BOA in Rothenburg voll. Rund 100 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen arbeiten immer noch im Schichtdienst – auch samstags. Doch Ende Monat schliesst das Traditionsunternehmen für immer.

Die Situation ist alles andere als einfach. Wer bis Ende April arbeitet, erhält einen Durchhaltebonus in Höhe von einem oder mehreren Monatsgehältern. Alle Betroffenen wissen seit Monaten, dass sie ihre Arbeit verlieren werden. «Gleichzeitig soll man sich bewerben, zum Teil sind die Mitarbeiter damit überfordert», berichtet ein langjähriger BOA-Angestellter, der anonym bleiben will. 168 Mitarbeiter waren per Ende September vergangenen Jahres bei der BOA AG in Rothenburg beschäftigt. 18 werden in einer neuen Schweizer Tochtergesellschaft der BOA beschäftigt, die ihren Sitz in der Zentralschweiz haben wird. Der Standort steht noch nicht fest.

«Wir unterstützen uns gegenseitig»

Von den restlichen 150 Mitarbeitern habe rund die Hälfte eine neue Stelle oder gehe in Pension oder Frühpension, die andere Hälfte sei noch auf der Jobsuche, sagt der Mitarbeiter. «Die Stimmung untereinander ist trotz allem gut, wir unterstützen einander gegenseitig, zum Teil auch bei der Jobsuche im Internet», sagt der BOA-Mitarbeiter. Zum Glück dürfe man sich während der Arbeitszeit im Jobcenter bewerben und werde dort auch unterstützt.

In dem Jobcenter erhalten seit November vor allem diejenigen professionelle Hilfe, die nicht sofort einen neuen Job gefunden haben. Verantwortlich für den Jobcenter ist das Outplacement-Unternehmen Newplace. Gemäss Projektleiter Andreas Bucher, Poolpartner bei Newplace, hat das Mandat ursprünglich 103 austretende Mitarbeiter umfasst. Von diesen «Klienten» hätten gesamthaft 50 «eine neue Herausforderung» gefunden. Seit Anfang Januar unterstützen neun Coaches des Unternehmens die Mitarbeiter bei der Jobsuche. Neben der aktiven Akquisition möglicher Stellen liegt der Fokus vor allem auf der Unterstützung im Bewerbungsprozess und beim Interviewtraining.

«Unser Klientenportfolio bei der BOA AG ist weit gefächert – von Mitarbeitern mit Universitätsabschluss bis zu Betriebsmitarbeitern ohne eigentliche Berufsausbildung», sagt Andreas Bucher. Als Produktionsbetrieb in der Metallverarbeitung habe die BOA relativ viele langjährige Angestellte in der Produktion beschäftigt, sagt Bucher. «Bei der BOA hat auch niedrig qualifiziertes Personal gearbeitet; darunter auch zahlreiche Angestellte ohne Berufsausbildung. Sie wurden an bestimmten Maschinen angelernt», ergänzt Kurt Simon, Leiter Arbeitsmarkt bei der Dienststelle Wirtschaft und Arbeit im Kanton Luzern.

Immer weniger Produktionsjobs

«Viele sind zudem über 50-jährig und können trotz jahrzehntelangem Aufenthalt kaum Deutsch», sagt Simon. Es sei sehr schwierig, diese Mitarbeiter wieder im Arbeitsmarkt zu platzieren. Die Regionale Arbeitsvermittlung könne nicht in wenigen Wochen und Monaten eine verpasste soziale Integration und eine fehlende Ausbildung nachholen. «Dies wäre in der Verantwortung des Arbeitgebers und der betroffenen Mitarbeitenden gelegen und hätte nicht passieren dürfen», sagt Simon. Es gebe auch in Zukunft in der Zentralschweiz, wie überall, immer weniger einfache Produktions- und Hilfsjobs.

Andreas Bucher bestätigt das: «Wenn wir pro Monat zehn angelernte Fachkräfte aus der Metallbranche in einen neuen Job vermitteln können, ist das ein Erfolg.» Es brauche einfach Zeit, zumal bei einfacheren Anforderungsprofilen heute bis zu 100 Bewerbungen bei den Unternehmen eingehen würden. Der überwiegende Teil der Mitarbeiter stamme aus dem Kanton Luzern, die Mobilität sei oft stark eingeschränkt. «Die meisten suchen im Raum Zentralschweiz eine neue Stelle», sagt Bucher.

Sehr attraktive Liegenschaft

Auf mittlere Sicht ist Bucher dennoch zuversichtlich: «Wenn sich jemand wirklich konsequent darum bemüht, findet er auch wieder eine Arbeit. Manchmal braucht es ein wenig Flexibilität.»

Anfang Mai wird die Balg- und Kompensatorenproduktion der BOA nach Deutschland verlagert. Was dann mit der äusserst attraktiv, direkt neben der Autobahn, gelegenen Liegenschaft in Rothenburg passiert, ist offen. Die BOA ist nicht Eigentümerin der Liegenschaft, die Kapazitäten sind bis 2023 gemietet. «Über eine vorzeitige Mietablösung finden derzeit Gespräche statt, die allerdings noch nicht abgeschlossen sind», erklärte ein Firmensprecher.

Gekrümmter Schlauch als Markenzeichen

BOA hoe. Mit der Schliessung der Firma BOA Ende Monat geht ein Stück Luzerner Industriegeschichte zu Ende. Ein Rückblick.

  • Gründung: Am 28. Juni 1906 gründete Otto Meyer in Luzern eine Firma für elektrische Heizungen. 1917 kam Albert Dreyer als gleichberechtigter Partner hinzu. Ab 1918 wird die Fertigung auf flexible Metallschläuche für industrielle Anwendungen umgestellt. Diese Schläuche führten wegen ihrer Ähnlichkeit mit einer Schlange 1928 zum Markennamen BOA. Ab den Dreissigerjahren produzierte die BOA zusätzlich Metallbälge und schaffte 1947 mit der Erfindung der mehrlagigen Kompensatoren den Durchbruch.
  • Umzug: Seit der Gründung der BOA befand sich das Firmenareal an der Kellerstrasse in Luzern. Wegen Platzproblemen siedelte das Unternehmen ab 1966 schrittweise nach Rothenburg um. Nach der endgültigen Umsiedlung zog 1987 auf einem Teil des BOA-Areals in Luzern das Kulturzentrum BOA ein. Dort blieb es bis zur Realisierung des Kulturzentrums Südpol, anschliessend baute die Post das ehemalige BOA-Gebäude in ein Verteilzentrum um.
  • Verkauf: 1990 verkauften die Familien Meyer und Dreyer die BOA an die deutsche IWKA-Gruppe (Industriewerke Karlsruhe), wo sie mit anderen Firmen die Flexible Solutions Group bildete. Als später ein Teil der Gruppe verkauft wird, erhält sie den Namen BOA Group. Der Grund: Der Markenname der Firma aus Rothenburg war international am bekanntesten. 2006 wird die Gruppe samt der BOA AG an die Beteiligungsgesellschaft Odenwald & Compagnie verkauft, seit 2010 gehört sie dem US-Finanzinvestor AEA.
  • Krise: Seit der Finanzkrise hat sich der Umsatz der BOA AG halbiert auf 34 Millionen Franken. Der Standort gilt als zu wenig profitabel. Ende September wird beschlossen, die Produktion nach Frankreich und Deutschland zu verlagern. Ende April 2014 wird die Produktion in Rothenburg komplett stillgelegt. 168 Mitarbeiter verlieren dadurch ihre Stelle.