Weil der Auftraggeber am Ende ist: Ruags Satellitenträume verglühen

Der Technologiekonzern baute Aluminiumgerüste für das Projekt OneWeb, das 900 Satelliten in den Weltraum schiessen wollte. Nun ist der Ruag-Kunde insolvent.

Roman Schenkel
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Noch am 21. März 2020 schickte OneWeb erfolgreich 34 Satelliten ins All.

Noch am 21. März 2020 schickte OneWeb erfolgreich 34 Satelliten ins All.

PD

Es wurde als eines der «ehrgeizigsten Projekte der Raumfahrtgeschichte» angekündigt, unter den Investoren befanden sich Virgin, Coca-Cola, Qualcomm oder Intelsat. Nichts weniger als «Internet für alle» wollte das amerikanische Projekt OneWeb bereitstellen. Dafür wollte man über 900 Kleinsatelliten ins All schiessen, welche die Erde in rund 1200 Kilometer Höhe umkreisen und von dort jeden Flecken auf unserem Planeten mit Breitbandinternet versorgen sollten.

Mit dabei auch die Schweizer Firma Ruag. Ende 2016 kündigte der Technologie- und Rüstungskonzern an, dass er sich am Bau dieser Satelliten beteiligen werde. Die Space-Sparte von Ruag erhielt den Auftrag, 900 Satelliten auszurüsten. Die leichte Aluminiumstruktur von Ruag Space bildet das Gerüst der Satelliten. 2017 nahm Ruag in Titusville (Florida) dafür eine Fabrik in Betrieb. Der Zeitplan war eng. Die Satelliten mussten im Akkord gefertigt werden. Bis Ende 2019 hat Ruag 750 Stück abgeliefert. Zuletzt arbeiteten 25 Mitarbeitende in der Produktionsstätte an den Satelliten.

Satelliten werden kontrolliert zum Absturz gebracht

Die OneWeb-Aufträge waren langfristig. Die Satelliten hätten regelmässig ersetzt werden müssen. Alle fünf Jahre müssen sie kontrolliert zum Absinken gebracht werden, so dass sie in der Erdatmosphäre verglühen.

Doch diese hochtrabenden Pläne sind nun erloschen. Zwar schoss OneWeb noch am 21. März erfolgreich 34 Satelliten ins All. Insgesamt umkreisten damit 74 OneWeb-Satelliten die Erde. Doch bereits wenige Tage später, am 27. März 2020, leitete die Firma Nachlassstundung nach Chapter 11 an - die Vorstufe eines Konkurses. Die Begründung: Einer der grössten Geldgeber, die japanische SoftBank-Gruppe, lehnte inmitten der durch die Coronavirus-Pandemie ausgelösten finanziellen Turbulenzen weitere Unterstützung ab.

Ruag will nicht aufgeben

Zulieferer wie Ruag bleiben in einem Schwebezustand zurück. «Das Ende trifft uns», sagte der interimistische Ruag-International-CEO Urs Kiener am Mittwoch an einer Videokonferenz zu den Ruag-Jahreszahlen. Neue Bestellungen von OneWeb gebe es derzeit nicht. Der Standort in Titusville sei bereits restrukturiert worden und werde auf einem tiefen Level weitergeführt. «Von ursprünglich 25 Personen arbeiten nur noch rund 7 Personen am Standort.» Wie gross die finanziellen Folgen sind, kann Ruag noch nicht beziffern.

Auch der schwedische Ruag-Ableger in Linköping, der von OneWeb einen Auftrag erhalten hatte, ist betroffen. In Schweden produzierte Ruag unter anderem für die Amerikaner mit rund 90 Mitarbeitenden einen sogenannten Dispenser. Dieser dient als Schnittstelle zwischen Rakete und Satelliten und soll dafür sorgen, dass mit einer einzigen Rakete bis zu 34 OneWeb-Satelliten nach und nach sicher im All abgesetzt werden können. Der Standort Linköping in Schweden hat gemäss Ruag jedoch einen kleineren Lieferanteil; die Auswirkungen seien dort noch nicht klar.

Ganz schliessen will Ruag die Produktion in den USA aber nicht. «Der amerikanische Markt ist der wichtigste weltweit für Satelliten», sagte Kiener. Man habe nun spezifisches Know-how aufgebaut. «Wir können unsere Produkte auch anderen Abnehmern anbieten», so der Ruag-International-CEO.

Auch Jeff Bezos und Elon Musk mischen mit

Denn OneWeb ist nicht das einzige Unternehmen mit den Internet-Weltraumplänen. Auch Amazon, die Onlineplattform von Multimilliardär Jeff Bezos, sowie SpaceX, das Unternehmen von Tesla-Gründer Elon Musk, hegen ähnliche Vorhaben. Beide Unternehmen sind gemäss dem «Space Intel Report» an einer Übernahme von OneWeb oder zumindest an Teilen der insolventen Firma interessiert.

Amazons Interesse hat mit seinen Plänen zu tun, eine eigene Breitbandkonstellation zu schaffen, die als Projekt Kuiper bekannt ist. SpaceX ist bereits einen Schritt weiter. Das Unternehmen ist am Aufbau eines Satellitennetzwerks für Breitbandinternet. Und dann gibt es auch noch zwei Interessenten aus Europa. Der europäische Satellitenbetreiber Eutelsat mit Sitz in Paris sowie die britische Regierung. Diese will OneWeb ein Rettungsdarlehen gewähren unter der Bedingung, dass OneWeb als Gegenleistung einen grösseren Teil seiner Aktivitäten nach Grossbritannien verlagert.