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RUSSLAND: Schröder zum Aufsichtsrat eines russischen Staatskonzerns gewählt

Altbundeskanzler Gerhard Schröder ist der neue Aufsichtsratschef beim russischen Staatskonzern Rosneft. Dort bekommt er es mit Igor Setschin zu tun, der als engster Freund Putins und zweitmächtigster Mann Russlands gilt.
Anastasia Kirilenko und Stefan Scholl, Moskau
Rosneft-Direktor Igor Setschin (links) und Altbundeskanzler Gerhard Schröder. (Bild: Getty (29. September 2017))

Rosneft-Direktor Igor Setschin (links) und Altbundeskanzler Gerhard Schröder. (Bild: Getty (29. September 2017))

Anastasia Kirilenko und Stefan Scholl, Moskau

Schon vor der Abstimmung wurde der deutsche Altkanzler mit Vorschusslorbeeren überschüttet. Der Amtsantritt von Gerhard Schröder als unabhängiger Direktor im Aufsichtrat von Rosneft werde das internationale Geschäft des Unternehmens fördern, verkündete Igor Setschin. «Er wird seine Anwesenheit in Europa verstärken und konstruktive Beziehungen mit unseren westlichen Partnern herstellen.»

Gestern wurde Gerhard Schröder auf der Aktionärsversammlung des russischen Ölkonzerns Rosneft zum neuen Aufsichtratsvorsitzenden gewählt. Schröder steigt bei einem Laden mit den grössten Ölreserven der Welt ein – 37,7 Milliarden Barrel. Der Generaldirektor des Riesen aber heisst Igor Setschin. Schröders Aufgabe sollte es sein, ihn zu beaufsichtigen. Aber offenbar hat Setschin keine Sorgen, dass Schröder ihm Schwierigkeiten machen könnte. Setschin gilt als zweitmächtigster Mann Russlands und als Manager mit eigenwilligem Geschäftsgebaren.

Wurstkorb und 2 Millionen Dollar

Im November lud Setschin Wirtschaftsminister Sergei Uljukajew in sein Büro ein, trank mit ihm Tee, drückte ihm einen Wurstkorb sowie einen Aktenkoffer mit 2 Millionen Dollar in die Hand. Als der Minister wieder in seinen Wagen stieg, wurde er festgenommen. Zuvor soll Uljukajew den Kauf der Ölfirma Baschneft durch Rosneft behindert haben. Jetzt steht er vor Gericht, auf Grundlage von Aussagen Setschins, der es aber ablehnt, als Zeuge aufzutreten. Und der sich empört, dass während des Prozesses ein Protokoll seines Geplauders mit dem Minister verlesen wurde. «Da sind Informationen, die Staatsgeheimnisse beinhalten.» Vielleicht meint er damit den Wurstkorb, vielleicht seine Äusserung gegenüber Uljukajew, Chinesen taugten nichts als Investoren. Kurz danach wurde nämlich bekannt, dass der ­chinesische Konzern CEFC 14,16 Prozent der Rosneft-Aktien übernehmen wird. Die Chinesen kaufen die Anteile einem Konsortium aus dem Schweizer Öltrader Glencore und dem Qatarer Investmentfonds QIA ab, für angeblich 9,1 Milliarden. Glencore und QIA wiederum hatten im Dezember 19,5 Prozent der Rosneft-­Aktien erworben, ein fragwürdiger Deal. Experten sprachen von einem Hütchenspiel, einen Grossteil der 10,5 Milliarden Dollar Kaufsumme sollen die Russen selbst aufgebracht haben.

Kritiker werfen Setschin Misswirtschaft und Korruption vor. Wladimir Putin aber lobt Setschin. «Er hat sich als effektiver Manager erwiesen.» Setschin stammt wie Putin aus Leningrad, machte wie er Karriere beim KGB. Setschin diente 4 Jahre als Militärübersetzer in Angola und Mosambik, wieder in Leningrad arbeitete er im städtischen Amt für Aussenkontakte – unter Putin.

Putin war der Amtschef, Setschin sein Sekretär. Eine korruptionsträchtige Behörde, noch immer schweben nie zu Ende ermittelte Schmiergeldvorwürfe gegen Putin in der Luft. Der deutsche Unternehmer Franz Sedelmayer, der eine Firma in Putins Amt registrierte, sagt jedoch, er habe dort keine Korruption erlebt. «Für Putin ist Setschin bis heute ein wertvoller Assistent. Einer, der seine Aufgaben erledigt, keine Fragen stellt.» 1996 wechselte Putin in die Präsidialverwaltung nach Moskau, Setschin folgte ihm. Putin wurde Präsident, Setschin stellvertretender Leiter der Kremladministration. «Setschin ist ein Teil der Gehirnzellen Putins», sagte ein Minister 2004 der Zeitschrift «Time».

Drahtzieher bei der Verhaftung Chodorkowskis

Mit Putin/Setschin im Kreml ­begann der Aufstieg Rosnefts. 2002 kaufte das marode Staatsunternehmen die Ölfirma Sewernaja Neft, für 600 Millionen ­Dollar. «Ein überhöhter Preis, ­offenbar wurde bestochen, die Branche war empört», sagt Wladimir Milow, damals Vize-Energieminister, heute ein Kritiker Setschins. Der soll hinter dem Deal gesteckt haben. Wie ein Jahr später hinter der Festnahme Michail Chodorkowskis, Chef des Ölkonzerns Jukos. Chodorkowski wurde als Steuerbetrüger verurteilt, die Jukos-Filetstücke landeten zum Schnäppchenpreis bei Rosneft. Milow bescheinigt Setschin «sowjetmafiöse Managermentalität». Der praktiziere weiter Planwirtschaftszentralismus, die Konzernspitze beschäftige sich mit Kleinkram. Und er dränge auf Expansion. «Je mehr Aktiva du unter Kontrolle bringst, umso mehr überteuerte Aufträge kannst du an deine Freunde vergeben.»

Rosneft hat inklusive Jukos inzwischen Aktiva von 88,5 Milliarden Dollar geschluckt. Die 19,5 Prozent Aktien, die man im Dezember 2016 verkaufte, kosteten noch 10,5 Milliarden Dollar, 100 Prozent Rosneft waren also knapp 54 Milliarden Dollar wert – also 40 Prozent der Aktiva verschwunden. Dazu kommt eine Nettoschuld, die zur Jahresmitte 37,5 Milliarden Dollar erreichte. Und laut Milow schuldet Rosneft China noch Öl im Wert von 29 Milliarden Dollar. Setschins Konzern gleicht einem löchrigen Sparstrumpf, immer neue Dollarmilliarden werden hineingesteckt, fallen heraus und verschwinden.

Rosneft schreit nach einem Aufsichtsratschef, der ausmistet. Nur fraglich, ob der Altkanzler sich in der verworrenen Unternehmenskultur von Rosneft zurechtfinden wird. Und ob der erklärte Putin-Freund es überhaupt versuchen wird. Nach seinem Amtsantritt machte sich Schröder vor Journalisten laut Gedanken über die Ukraine-Sanktionen gegen Russland. «Die Sanktionen im Öl- und Gasbereich verschärfen nicht die Europäische Union, sondern die USA. Was die Sanktionen angeht, die die EU verhängt hat, muss man, wenn es irgend einen Fortschritt im Donbass gibt, und dieser Fortschritt ist wirklich erzielt worden, nicht über ihre Verschärfung, sondern ihre Lockerung reden.»

«Schröder ist nicht so naiv, dass er etwas unternimmt, was Putin nicht gefällt», sagt der Wirtschaftswissenschafter Dmitri Trawin. Wahrscheinlich tut Schröder das, wofür ihm die Russen knapp 600'000 Dollar im Jahr zahlen werden: still sitzen.

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