SACHSELN: Maxon-CEO: «Ich teste, was wir entwickeln»

Maxon Motor investiert kräftig in der Schweiz, aber auch im Ausland. Firmenchef Eugen Elmiger spricht über das geplante Forschungszentrum und über neue Produkte, in denen die Mikro-Motoren von Maxon zum Einsatz kommen.

Roman Schenkel
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Maxon-Chef Eugen Elmiger mit dem Roboter Pepper, der von Maxon-Motoren angetrieben wird. (Bild: Pius Amrein (10. Februar 2017))

Maxon-Chef Eugen Elmiger mit dem Roboter Pepper, der von Maxon-Motoren angetrieben wird. (Bild: Pius Amrein (10. Februar 2017))

Interview: Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch

Eugen Elmiger, 1961 zwang der Bund den Maxon-Mutterkonzern Braun zum Aufbau einer Produktion in der Schweiz. So entstand in Sachseln die Vorgängerfirma von Maxon Motor. Inzwischen investieren Sie freiwillig im Kanton Obwalden. Vor zwei Wochen gaben Sie den Bau eines Forschungszentrums für 30 Millionen bekannt. Was sind die Gründe?

In den letzten Jahren ist der Eindruck entstanden, es sei alles schlecht hier in der Schweiz. Das ist nicht der Fall. Wir sehen hier nach wie vor Wachstumschancen. Wir haben hervorragende Kontakte zu den Behörden, und es gibt viele gut ausgebildete Leute. Deshalb investieren wir 30 Millionen Franken in ein neues Gebäude für Forschung und Entwicklung.

Der starke Franken aber ist Realität.

Natürlich, der Druck ist da, und gerade aktuell befinden wir uns in einer Phase der Frankenaufwertung. Das lässt uns nicht kalt. Solange der Franken zum Euro aber nicht Parität erreicht oder gar noch tiefer fällt, werden wir weiterhin in der Schweiz investieren. Mit unseren Hightech-Produkten, die höchste Präzision verlangen und unserem Bedarf nach Topleuten, ist Sachseln nach wie vor der richtige Standort für unseren Hauptsitz.

Was ist in Sachseln im Detail geplant?

Es ist in erster Linie eine Investition in die Optimierung unserer Infrastruktur sowie in die Vernetzung unserer globalen Stand­orte. Wir bauen ein topmodernes Forschungsgebäude. Im ersten Stock richten wir die Fertigung für Werkzeuge ein. Dies hilft uns enorm bei der Verkürzung der Entwicklungszeiten von Produkten und Fertigungsanlagen. Im zweiten Stockwerk soll die Geschäftseinheit Maxon Medical Platz finden – unsere Wachstumssparte. Dort erweitern wir die Fläche im Vergleich zu heute um 60 Prozent. In den zwei weiteren Stockwerken ist die Entwicklungsabteilung eingeplant.

Sie haben zuletzt Produktionslinien nach Ungarn und Südkorea aus­gelagert, nun investieren Sie wieder in der Schweiz. Ein Widerspruch?

Nein, auf keinen Fall. Wir sind internationaler geworden und müssen dort ­produzieren, wo die Märkte sind. In Deutschland haben wir schon 1988 mit einer Produktion begonnen. Vor 15 Jahren haben wir in Ungarn eine Produktionseinheit für Motoren-Komponenten aufgebaut und 2013 ist Korea als Produktionsstandort für Antriebssysteme hinzugekommen. Schliesslich kommt unser Standort in den USA hinzu. Seit Anfang 2017 beschäftigen wir mehr Mitarbeiter im Ausland als in der Schweiz.

Investieren Sie auch im Ausland in die Standorte?

Zu den 30 Millionen, die wir in Sachseln investieren, kommen im Ausland bis 2020 rund 25 Millionen Franken hinzu. Im süddeutschen Sexau bauen wir die mechanische Fertigung aus. Dadurch können wir Teile, die wir bis anhin einkaufen mussten, selber produzieren. Auch in Ungarn und Korea werden wir ausbauen. Wir verlagern weitere Produktelinien und machen die Produktionsanlagen effizienter. Und dann ein weiteres Schlüsselprojekt: In den USA, in der Nähe von Boston, werden wir im April den Grundstein für unser neues Werk legen. Der Standort erhält ein eigenes Engineering und eine eigene Fertigung.

Wird es weitere Verlagerungen ins Ausland geben?

Unser Verlagerungsprozess ist laufend, aber nicht im klassischen Sinne. Ich verstehe es als Wachstumsprozess der Firma, denn hier haben wir unsere Grenzen. Am Hauptsitz in Obwalden sind wir inzwischen bei rund 1200 Angestellten angelangt. Das ist eine gute Grösse, die wir so bis heute behalten werden.

Auf die Zahl der Mitarbeitenden hat die Investition in Sachseln also keine direkte Auswirkung?

Nein. Wir brauchen vor allem eins: mehr Platz. Unabhängig vom Neubau werden wir unsere Prozesse neu organisieren und die Logistik optimieren. Frei werdende Flächen werden wir anders nutzen. Dabei wollen wir den Fokus verstärkt auf mechatronische Systeme legen. Wir bauen nicht mehr nur den Motor oder das Getriebe, sondern ganze Systeme darum herum, inklusive Steuerung, Mechanik und Batteriemanagement.

Für Ihre Pläne brauchen Sie gute Leute. Wie locken Sie diese hierher?

Obwalden ist ein toller Arbeitsort. Es ist sehr schön, in dieser Umgebung zu arbeiten. Auch ist es einfacher, nach Obwalden zu kommen, als ins Zentrum von Zürich. Aber vor allem sind es die Aufgaben, welche die Leute zu uns bringen. Es ist attraktiv, an einem Projekt für die Nasa mitarbeiten zu können oder für namhafte Medizinfirmen Produkte zu entwickeln.

Mit dem Wort Nasa lässt sich wohl jeder Ingenieur überzeugen?

Ja, die Begeisterung bei den Mitarbeitern ist riesig, wenn sie Antriebe entwickeln können, die zum Mars fliegen. Es kann aber auch anstrengend sein. Die Projekte mit der Nasa sind prozessgetrieben, es geht oft nicht so schnell vorwärts, wie es sich die Ingenieure wünschten. Für junge Ingenieure, die direkt von der Uni kommen, kann es zur Geduldsprobe werden, wenn ein Projekt mehrere Jahre läuft.

Bei den Elektromotoren für Bikes, die Maxon Motor entwickelt, muss es aber auch schnell gehen?

Auf jeden Fall. In diesem Bereich ist das Tempo gar eine grosse Herausforderung. Die Antriebstechnik ist ein konservativer Markt, das Bikegeschäft ist schnelllebig. Ein Elektrovelo ist ja nicht nur ein Fahrzeug. Da gibt es Trends und Designs, die auf die Entwicklungsschritte einwirken. Wenn eine Batterie etwa komplett in den Fahrradrahmen integriert werden soll, dann muss das im nächsten Frühjahr fertig sein. Später ist zu spät. Die Fahrradhersteller warten nicht.

Mit Velos und Nasa macht Maxon Schlagzeilen. Das Gros des Umsatzes erwirtschaften Sie aber in der Medizinaltechnik. Was plant Maxon da?

Ganz neu sind minimalinvasive Operationsroboter, die über natürliche Öffnungen in den Körper eingeführt werden. Sieben Antriebe von Maxon sind da drin verbaut – unsere kleinsten 4- und 6-Millimeter-Motoren samt Getriebe und Elektronik. Im Körper entfaltet der Roboter dann seine Werkzeuge – Zangen, Messer, Nadeln. Zudem ist er mit Optik ausgestattet, damit der Chirurg sieht, was er tut. In China haben damit schon klinische Tests stattgefunden.

Was ist der Vorteil gegenüber etwa dem Da-Vinci-Operationsroboter, der Eingriffe minimalinvasiv durch kleine Öffnungen ermöglicht und schon im Einsatz ist?

Erstens der Preis: Die kleinen Operationsroboter werden günstiger sein. Und im Vergleich mit dem Da Vinci dürften die Miniroboter mehr Gefühl bieten. Ein Arzt hat ein besseres Feedback und eine Steigerung des Bedienkomforts, die sogenannte Haptik wird durch diese Art von Microoperationsrobotern verbessert. Man spürt die Werkzeuge und den Körper beim Schneiden, Nähen oder Positionieren. Ich habe es ausprobiert.

Seit wann sind Sie Chirurg!

Man lernt sehr schnell. (Lacht.) In zehn Minuten hat man den Dreh raus. Ich habe natürlich nicht an einem menschlichen Körper geübt, sondern an einem Schweinedarm. Ich teste gerne, was wir mit unseren Kunden entwickeln. Das ist mir wichtig.

Robotik ist der Zukunftsmarkt. Sie dürften sich die Hände reiben?

Man spricht ja schon lange von der vierten Industrierevolution. Wenn all die Roboter, die wir in den letzten 25 Jahren mit Motoren ausgerüstet haben, eingeschlagen hätten, dann hätte Maxon heute einen Marktwert von 10 Milliarden, und wir wären ein grosser Player im Silicon Valley mit einer Riesenproduktion in China. Fakt ist aber, dass nicht jede Geschäftsidee funktioniert. Dennoch sind wir überzeugt, dass der Robotik-Markt grosse Wachstumschancen bietet. Deshalb investieren wir ja. Und wir haben das Rüstzeug, um erfolgreich zu sein: das Wissen, die Technik, die Motoren, die Sensorik und das Wichtigste, die Leute.

Noch stecken Roboter aber in den Kinderschuhen.

Pepper, für den wir Motoren bauen, ist ein Roboter mit dem man in einem begrenzten Umfang kommunizieren kann. Ich brauche ihn ab und zu für Präsentationen. Das macht Spass. Die Zukunftsmusik ist, dass man solche Roboter auch in der Produktion einsetzen kann.

Hinweis

Eugen Elmiger (53) ist seit 2011 CEO von Maxon Motor. Der studierte Elektrotechniker arbeitet bereits seit 26 Jahren für die Obwaldner Firma.