Interview

Samih Sawiris zu den bevorstehenden Ferien: «Rabatte sind die fairste Lösung»

Weil dieses Jahr die Ferien nur eingeschränkt genossen werden können, bietet der ägyptische Tourismusunternehmer Rabatte an – so auch in Andermatt. Trotz Einbruch wegen Corona geht Sawiris davon aus, dass in vielen Teilen der Welt schon im Winter «business as usal» herrschen wird.

Maurizio Minetti und Roman Schenkel
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Samih Sawiris in Andermatt vor einem Bild anlässlich der Grundsteinlegung zum Haus Alpenrose im Resort von Andermatt Swiss Alps.

Samih Sawiris in Andermatt vor einem Bild anlässlich der Grundsteinlegung zum Haus Alpenrose im Resort von Andermatt Swiss Alps.

Urs Flueeler/Keystone

Angst vor dem Coronavirus hat Samih Sawiris nicht. In den weltweiten Tourismusdestinationen seines Unternehmens Orascom  gab es bislang nur einen einzigen bestätigten Fall – es war ein Schweizer, der in Ägypten in den Ferien war. Sawiris pendelt auch während der Coronakrise zwischen Ägypten, England und der Schweiz. Derzeit befindet sich der Multimillionär in seinem Ferienort El Gouna am Roten Meer. «Es gibt keinen besseren Ort, um sich vor dem Virus zu schützen», sagt der 63-Jährige im Gespräch via Videotelefonie.

Ihre Orascom-Gruppe befand sich auf dem besten Weg in die schwarzen Zahlen. Nun macht Ihnen das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung. Wie fühlt sich das an?

Samih Sawiris: Das ist für uns leider kein neues Phänomen. Ob Luxor-Attentat, arabischer Frühling oder Krieg in der Golfregion: Wir haben in den letzten Jahren mehrere Krisen erlebt, aus denen wir aber immer gestärkt heraus gekommen sind. Wir können heute einen umfassenden Katalog von Massnahmen für Krisensituationen zücken, werden also nicht mehr überrascht. Neu an der aktuellen Situation ist, dass die ganze Welt betroffen ist. Das macht es psychologisch einfacher, als wenn etwa nur Ägypten betroffen wäre. Darum schaue ich nicht mit übertriebener Sorge auf die Folgen der Coronakrise. Auch deshalb nicht, weil Orascom derzeit finanziell gut aufgestellt ist.

Ursprünglich hätte Orascom in diesem Jahr Gewinn schreiben sollen. Das wird nun nicht mehr der Fall sein. Wann werden Sie dieses Ziel erreichen?

Das ist schwer zu sagen und hängt damit zusammen, wann Flughäfen und Hotels wieder vollständig in Betrieb sein werden. Eine Prognose kann ich nicht abgeben.

Wie lange überleben Sie diese finanzielle Durststrecke?

Ohne neue Kredite und Kapitalerhöhungen reichen unsere vorhandenen Mittel sicher bis Ende 2021. Danach könnte es schwierig werden. Aber ich gehe davon aus, dass uns diese Krise nicht so lange beschäftigen wird. Meine Annahme für Ägypten ist, dass wir im Winter wieder «business as usual» haben werden.

Wie viel Geld haben Sie denn bisher weltweit verloren wegen der Coronakrise?

Ich will es gar nicht wissen! Ausserdem ist es noch zu früh, um Bilanz zu ziehen. Das erste Quartal war eigentlich gar nicht so schlimm, weil wir bis Mitte März Gäste hatten. In Ägypten waren wir auf dem Weg, eines der besten Jahre zu haben. Das zweite Quartal dürfte natürlich eine Katastrophe werden, da das Frühlingsgeschäft fehlt. Die Frage ist, was im Juli und August passiert. Je nachdem wird 2020 eine grosse Beule hinterlassen oder es wird ein Riesendesaster.

Samih Sawiris hat in Deutschland studiert

Der Multimillionär Samih Sawiris (63) ist einer der reichsten Männer Ägyptens und Angehöriger der wohlhabendsten Familie des Landes. Sawiris ist Verwaltungsratspräsident und Mehrheitsaktionär der börsenkotierten Orascom Development Holding mit Hauptsitz in Altdorf. Er besitzt 51 Prozent der Aktien von Andermatt Swiss Alps. Die restlichen 49 Prozent gehören Orascom. Diese betreibt neun Feriendestinationen, darunter die ägyptische Stadt El Gouna am Roten Meer sowie Andermatt in der Schweiz. Sawiris hat in Kairo die Deutsche Evangelische Oberschule besucht und später in Berlin an der Technischen Universität studiert. 

Nehmen Ihre Resorts nun langsam wieder den Betrieb auf?

In Ägypten wird es eine gestaffelte Öffnung geben, voraussichtlich ab Ende Mai. Anfänglich wird es natürlich eine tiefere Auslastung geben, aber wenn wir 50 Prozent erreichen, reicht das, um in Ägypten Geld zu verdienen.

Am 8. Mai nehmen in Andermatt Swiss Alps die Hotels The Chedi Andermatt und Radisson Blu nach der Corona-bedingten Schliessung den Betrieb wieder voll auf. Haben Sie schon Reservierungen erhalten?

Ja, wir erwarten bereits am ersten Wochenende eine gute Auslastung. Die Leute haben es ja satt, die ganze Zeit in ihrer Wohnung zu sitzen.

Wie geht Social Distancing in einem Luxushotel?

Das ist eigentlich kein grosses Problem. Das Chedi ist sehr geräumig. Wir können die Abstände zwischen den Gästen problemlos gewährleisten.

Andermatt befand sich ebenfalls kurz vor dem Turnaround.

Ja. Wir hätten in Andermatt dieses Jahr erstmals mehr Geld verdient als ausgegeben. Nun werden wir weiter warten müssen.

Wie weit wirft Sie die Coronakrise wieder zurück?

Auch für Andermatt gilt dasselbe wie für die ganze Gruppe: Erst wenn die Grenzen offen sind und die Flughäfen den Normalbetrieb aufgenommen haben, werden wir sehen, wie es weitergeht.

Sie haben in den letzten Jahren über eine Milliarde Franken in die Entwicklung von Andermatt Swiss Alps investiert und besitzen privat die Mehrheit von 51 Prozent, der Rest gehört der Orascom Development Holding AG. Wie sieht es mit den Plänen aus, dass Orascom die Mehrheit übernimmt?

Dieser Plan ist um ein Jahr verschoben; Orascom wird nicht vor 2021 die Mehrheit übernehmen.

Hatten Sie in Andermatt bis zur Schliessung eine gute Skisaison?

Ja, sehr, und wir sind optimistisch für die nächste Saison. Wir hatten in der Vergangenheit hie und da Engpässe und Kinderkrankheiten, die wir im letzten Winter verbessern konnten und im nächsten Jahr nicht mehr haben werden. Grundsätzlich konnten wir in allen Segmenten, also Hotels, Ski und Real Estate, eine Steigerung der Umsätze verzeichnen.

Andermatt gilt vor allem als Winterdestination.

Der Anteil des Umsatzes, den wir im Sommer machen, wird immer höher. Der Golfplatz ist hervorragend. Wir haben nicht nur zu meinem persönlichen Vergnügen eine Konzerthalle gebaut. Andermatt wird im Sommer eine Festivaldestination, auch Firmen interessieren sich immer mehr für Konferenzen, ausserdem bauen wir Velorouten und Wanderwege aus und erweitern das Sommerangebot. Wir verdienen in Andermatt im Sommer Geld, defizitär sind noch die Nebensaisons vor und nach dem Sommer. Ich bin zuversichtlich, dass wir das erreichen, was wir schon immer behauptet haben: Andermatt Swiss Alps wird eine Ganzjahresdestination.

Wie verläuft der Verkauf von Ferienwohnungen?

Die Verkäufe sind relativ normal weitergegangen, wir haben auch viele neue Reservierungen. Ich war erstaunt, dass überhaupt Leute Wohnungen kaufen während der Coronakrise. Ich gehe davon aus, dass wir etwas weniger als 2019 verkaufen werden, aber nicht dramatisch weniger. Dasselbe erleben wir auch im arabischen Raum. Ich kann mir das nur so erklären: Die Menschen hatten im Lockdown weniger zu tun und haben angefangen, von einer Zweitwohnung zu träumen.

Konnten Schweizer Wohnungsbesitzer überhaupt nach Andermatt gehen?

Ja, Wohnungsbesitzer konnten ihr Eigentum selbstverständlich nutzen. Eine Vermietung durfte bis anhin aber nicht stattfinden. Ab dem 8. Mai wird sich das auch wieder ändern. Aber es hat natürlich nur bedingt Spass gemacht, wenn alles geschlossen ist. Das wird mit der Öffnung nun wieder anders.

Im Schweizer Tourismus dürfte es jetzt zu einer Rabattschlacht kommen. Machen Sie da auch mit?

Rabatte sind die fairste Lösung. Wegen der Angst vor dem Virus, Social Distancing und weiteren Massnahmen bekommen die Leute derzeit weltweit nicht mehr den besten Urlaub. Da muss man ihnen im Preis entgegenkommen. Wir werden bis zu 20 Prozent Rabatt anbieten. Das bedeutet, dass man ein Zimmer im Chedi ab 400 Franken buchen kann, im Radisson ab 175 Franken.

Im Januar ist Orascom-CEO Khaled Bichara bei einem Autounfall in Ägypten ums Leben gekommen. Seitdem sind Sie neben Ihrem Amt als Verwaltungsratspräsident auch vorübergehend CEO. Wie gehen Sie mit dieser Doppelbelastung um?

Khaled hat die Firma sehr gut organisiert. Ich muss weniger stark als gedacht eingreifen. Er hat richtigerweise vieles auf die verschiedenen Länder-CEOs delegiert, darum ist die CEO-Aufgabe für mich keine übermässige zusätzliche Belastung. Zudem erhalte ich wirklich grossartige Unterstützung aus dem Verwaltungsrat.

Wie verläuft die Suche nach einem permanenten CEO?

Wir haben einige Kandidaten und hoffen, im Verlauf des Jahres einen Namen präsentieren zu können. Zeitdruck haben wir aber nicht, weil Khaled wie gesagt eine gute Struktur aufgebaut hat, die längere Zeit ohne permanenten CEO auskommen kann. So bleibt uns mehr Zeit, den besten Kandidaten zu finden.

Vor zehn Tagen haben Sie die Mehrheit des angeschlagenen deutschen Reisekonzerns FTI übernommen, nachdem Sie das Unternehmen schon 2014 gerettet haben. Warum tun Sie das?

Auf der einen Seite könnte ich es nicht verantworten, wenn eine Unternehmung, an welcher ich beteiligt bin, mit Tausenden von Angestellten in Konkurs gehen muss. Andererseits darf man aber auch nicht vergessen, dass FTI in den letzten Jahren einen enormen Beitrag geleistet hat, um neue Destinationen der Orascom schneller zu füllen. Für uns ist ein Überleben der FTI also essenziell.

Wie wird sich der Tourismus nach der Coronakrise entwickeln?

Ich glaube nicht daran, dass es ein Leben vor und eines nach Corona gibt. Aus den vielen Krisen der letzten vierzig Jahre habe ich eines gelernt: Die Menschen haben ein kurzes Gedächtnis und kehren erstaunlich schnell zu alten Gewohnheiten zurück. Sobald ein Medikament oder ein Impfstoff zur Verfügung stehen, läuft bald alles wieder wie früher. Wichtig ist aber jetzt, dass man sich nicht zu viel Zeit lässt, um die Wirtschaft wieder hochzufahren.

Wie beurteilen Sie die staatlichen Massnahmen gegen die Ausbreitung der Pandemie?

Von allen Ländern hat die Schweiz in meinen Augen am besten reagiert. Kurzarbeitsbewilligungen bei Andermatt Swiss Alps wurden sehr schnell erteilt. Auch Deutschland hat zügig und grosszügig reagiert. Solche Mittel gibt es etwa in Ägypten nicht. Dort mussten wir eigenes Geld aufwenden, um Überbrückungslöhne zu bezahlen. Das ist aber gut investiertes Geld, denn die Leute schätzen es, wenn man sich in einer Krise um sie kümmert.

Die Lockerungen gehen Ihnen nicht zu wenig schnell?

Doch, natürlich. Ich musste ja alle meine Hotels schliessen! Ich bin aber vorsichtig mit meiner Kritik. Vieles am Coronavirus ist noch unbekannt und kommt erst nach und nach ans Tageslicht. Und im Nachhinein ist man immer schlauer. Mit den jüngsten Daten und Zahlen, die vorliegen, scheint mir aber klar, dass die Einschränkungen zum Teil zu drastisch waren. Wahrscheinlich hätte man den Fokus viel stärker auf die älteren Bevölkerungsschichten legen müssen. Man hätte sie noch stärker isolieren sollen, kombiniert mit einer umfassenden Unterstützung. So wie es der Kanton Uri vorgesehen hatte. Dann hätte man die Wirtschaft wohl nicht so stark abwürgen müssen.

Sie sind an FC Luzern, HC Ambri-Piotta und El Gouna FC finanziell beteiligt. Auch der Sport leidet unter den Coronamassnahmen. Eilen Sie den Vereinen nun zur Hilfe?

Beim FC Luzern ist das nichts Aussergewöhnliches. Bis jetzt ist allerdings noch keine Rechnung eingetroffen (lacht). Im Ernst: Ich erwarte, dass Geld nötig sein wird, aber das ist aktuell nicht meine Priorität.

Beim FC Luzern herrscht zudem seit Monaten ein Streit unter den Aktionären.

Das ist jetzt in den Hintergrund gerückt. Aber wenn später ein Investor den FCL übernehmen möchte, bin ich dafür, dass die bestehenden Aktionäre aussteigen, wenn das Angebot stimmt und der Käufer dem FCL eine gute Entwicklungsperspektive bieten kann.

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