Saudischer Investor krempelt Clariant um

Mit dem neuen Ankeraktionär Saudi Basic Industries an der Seite will der Spezialchemiekonzern Clariant Gas geben. Das Unternehmen soll aber als unabhängiges Unternehmen weiter bestehen. Der neue Chef kommt allerdings von den Saudis.

Andreas Möckli
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Das Clariant-Chemiewerk in Muttenz. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Das Clariant-Chemiewerk in Muttenz. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone)

Der Chemiekonzern Clariant baut um und aus. Ähnlich wie bei der Renovation eines Hauses, dessen Grundriss verändert wird, stellt das Baselbieter Unternehmen seine Geschäftsaktivitäten um. Bestehende Bereiche werden durch den Einbezug neuer Produkte und Technologien ausgebaut, anderes wird verkauft.

Clariant soll sich noch stärker als bisher auf technologisch anspruchsvollere und somit auch teurere Chemiespezialitäten ausrichten. Dies alles geschieht mit dem Segen und der Mithilfe des neuen Grossaktionärs aus Saudi-Arabien. Seit Anfang Jahr gehört dem Chemiekonzern Sabic knapp 25 Prozent der Anteile von Clariant. Gehen die Pläne auf, werden die Baselbieter künftig in einer anderen Liga spielen. So wird der Umsatz im Jahr 2021 ­einen Sprung um 40 Prozent auf 9 Milliarden Franken machen. Die Betriebsgewinn-Marge (Ebitda) soll von derzeit knapp 13 auf rund 20 Prozent steigen.

Diese ambitiösen Ziele will Clariant erreichen, indem die Firma zusammen mit Grossaktionär Sabic eine neue Geschäftseinheit gründen wird. Übersetzt wird sie Hochleistungswerkstoffe (High Performance Materials) heissen. Rund zwei Drittel steuert Sabic bei, ein Drittel stammt von bestehenden Clariant-Geschäften. Schwergewichtig geht es dabei um höherwertige Masterbatches und Additiven. Masterbatches sind Konzentrate, die einer Kunststoffmasse bei der Verarbeitung als Granulat, Pulver oder Paste zugeführt werden. Masterbatches verleihen dem Kunststoff Farbeffekte. Sie können auch weitere Zusatzstoffe enthalten, um die technischen Eigenschaften eines Produkts wie UV-Stabilisierung oder Flammschutz zu optimieren.

Ausgleichszahlung an Saudis

Die Einheit Hochleistungswerkstoffe wird als Teil von Clariant als Gemeinschaftsfirma starten. Die Baselbieter werden daran die Mehrheit besitzen und die Sparte auch leiten. Sabic erhält von den Baselbietern eine Ausgleichszahlung, da die Saudis deutlich mehr Umsatz einbringen als Clariant. Das Geschäft, das Sabic nun abgibt, stammt grösstenteils von einer Übernahme im Jahr 2007. Damals kauften die Saudis für 11,6 Milliarden Dollar die Firma GE Plastics, eine Tochter des US-Industriekonzerns GE. Bis heute ist dieser Bereich vor allem in Nordamerika, den USA, aber auch in Asien tätig. Entsprechend stammt die Mehrheit der Mitarbeiter aus Europa und den USA. Ein grosser kultureller Graben zwischen den Sabic- und den Clariant-Angestellten gebe es daher nicht, sagte Konzernchef Hariolf Kottmann angesprochen auf die saudische Herkunft von Sabic an einer Medienkonferenz.

Mit dem Deal stossen rund 2800 Mitarbeiter zu Clariant. Das Unternehmen zählt heute mehr als 17000 Angestellte weltweit, davon etwa 850 hierzulande. Die Mitarbeiter in der Schweiz werden von der Transaktion nicht tangiert, sagte Kottmann.

Jener Bereich, der von Clariant in das Gemeinschaftsunternehmen eingebracht wird, war bisher in der Sparte Plastics & Coatings angesiedelt. Der verbleibende Teil, der im vergangenen Jahr Verkäufe von rund 1,5 Milliarden Franken beisteuerte, soll bis 2020 verkauft werden. Diese Zahl ist beim Umsatzziel von 9 Milliarden Franken bereits nicht mehr enthalten.

Wechsel an der Firmenspitze

Im Zuge des Umbaus wird auch die Clariant-Spitze neu besetzt. Dabei macht sich der Grossaktionär Sabic deutlich bemerkbar. Neuer Chef von Clariant wird der Italiener Ernesto Occhiello, der bisher bei Sabic unter anderem für jenes Geschäft tätig war, das nun an die Baselbieter übergeht. Der bisherige Chef Hariolf Kottmann wird Verwaltungsratspräsident von Clariant. Er löst Rudolf Wehrli ab. Der kurzzeitige Economiesuisse-Präsident sitzt seit 2008 im Aufsichtsgremium, seit 2012 als Präsident. Gleichzeitig werden vier Sabic-Vertreter zur Wahl in den Verwaltungsrat vorgeschlagen, womit dieser um zwei auf zwölf Mitglieder erweitert wird. Über alle Änderungen im Verwaltungsrat werden die Aktionäre an einer ausserordentlichen Generalversammlung Mitte Oktober abstimmen.

Mit dem Deal und der Rochade bleibt Clariant vorerst eigenständig. Das war mitunter stets das Ziel von Firmenchef Kottmann, der mit dem Aufstieg zum Präsidenten auch ein persönliches Ziel erreicht. Zumindest auf mittlere Sicht scheint die gemeinsame Sache mit Sabic ein cleverer Schachzug. Denn Clariant hätte nicht die finanziellen Mittel gehabt, den Saudis den Spezialchemieteil abzukaufen. Es ist davon auszugehen, dass Clariant dereinst das Gemeinschaftsunternehmen ganz kaufen wird, sobald die Firma dazu die Kraft hat.

Gleichzeitig endet für Clariant auch eine turbulente Phase. Die Saudis wurden nur Grossaktionär, weil die Baselbieter Firma von drei aktivistischen US-Investoren stark unter Druck gesetzt wurde. Zwar gelang es dem Trio, die angestrebte Fusion mit US-Konkurrent Huntsman zu verhindern. Doch einen konkreten Plan darüber hinaus hatten die drei nicht. Sie verkauften deshalb ihr Paket Anfang Jahr an die Saudis. Doch auch mit Sabic sind längst nicht alle Unsicherheiten ausgeräumt. Im Hintergrund denkt der saudische Ölkonzern Aramco über eine Übernahme von Sabic nach. Ob die Pläne mit Clariant gleich bleiben, falls der Deal zustande kommt, ist ungewiss.