SBB-Bilanz
Die SBB stehen vor einem riesigen Schuldenberg – ihre Präsidentin sagt: «Das wird uns auch künftig belasten»

Mit einem Verlust von 617 Millionen Franken schliessen die SBB das Jahr 2020 ab. Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar lanciert nun die Forderung nach finanzieller Hilfe für die Cargo-Tochter.

Stefan Ehrbar
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In den Zügen der SBB sind weniger Passagiere unterwegs.

In den Zügen der SBB sind weniger Passagiere unterwegs.

Keystone

Die SBB haben nicht ein Problem, sondern 10'378'700'000. In Franken ausgedrückt entspricht das der verzinslichen Nettoverschuldung der Bahn per Ende 2020. Innert eines Jahres ist der Betrag um fast 1,5 Milliarden Franken auf 10,38 Milliarden Franken gestiegen. Das gaben die SBB am Montag im Rahmen ihrer Bilanzmedienkonferenz bekannt. Der Schuldendeckungsrad liegt mehr als das Dreifache über der vom Bund geforderten Höchstgrenze.

Fast 22 Jahre bräuchte die Bahn, um ihre Schulden abzubauen. Darum gaben sie letztes Jahr bekannt, auf Investitionen in Immobilienprojekte im Wert von 700 Millionen Franken zu verzichten. Dann formierte sich Widerstand aus der Politik und der Baubranche und die Bahn nahm die Ankündigung zurück. Die SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagt zu CH Media, dieser Entscheid trage zur Verschuldung bei – wenn auch nur «unwesentlich». Längerfristig generierten Immobilienprojekte jedoch neue Erträge.

Nicht alle Einheiten schnitten schlecht ab

«Es ist normal, dass sich der Bund als Eigner fragt, wo Investitionen getätigt werden sollen», sagt Ribar. «Es ist auch so, dass viele Kantone und Gemeinden mit diesen Bauprojekten rechnen. Darum haben wir den Entscheid zurückgenommen.»

Der Schuldenberg bleibt über Jahre hinaus ein Thema. «Auf diese Schulden müssen wir Zinsen zahlen. Das wird das Ergebnis auch in Zukunft belasten» sagt Ribar. «Es wird schwieriger für die SBB, den Schuldenberg abzubauen, auch wenn das unser Ziel ist. Ehrlicherweise müsste ein Wunder geschehen, damit wir 2021 ein ähnliches Ergebnis erzielen könnten wie vor der Krise.» Ähnlich drückte es Finanzchef Christoph Hammer aus. Er sagte vor den Medien:

«Die Verschuldung wird uns durch die nächsten Jahre begleiten.»

Doch wieso konnte der Schuldenberg so stark anwachsen? Einerseits liegt das am Verlust von 617 Millionen Franken, den die SBB letztes Jahr schrieben. Andererseits tätigte sie Investitionen, die sie nicht aus dem ausbleibenden Gewinn finanzieren konnte.

Dabei schnitten nicht alle Geschäftseinheiten schlecht ab: Im subventionierten Regionalverkehr, der von den Finanzhilfen des Staats profitierte, hielt sich der Verlust mit 26,1 Millionen Franken in Grenzen. Die Tochter SBB Cargo International konnte einen Gewinn schreiben.

Fernverkehr mit 627 Millionen Franken Verlust

Der Fernverkehr, der von den SBB eigenwirtschaftlich betrieben wird und für den es keine Finanzhilfen gibt, schrieb ein Minus von 627 Millionen Franken. Wäre es da nicht sinnvoll, das Angebot auszudünnen?

Nein, sagt Verwaltungsratspräsidentin Ribar. Es sei zwar diskutiert worden. «Wir haben aber einen Transportauftrag.» Hinzu komme, dass im ersten Quartal 2020 eine Ausdünnung des Angebots vorgenommen worden sei. Der Aufwand dafür sei aber fast grösser gewesen als jener für den regulären Betrieb.

Keine Kurzarbeit für die SBB

Die Sparmöglichkeiten der SBB sind sowieso begrenzt. Von Kurzarbeit kann der Staatsbetrieb nicht profitieren. Ein Gesuch der Bahn wurde abgelehnt, sie verzichtete mangels Erfolgsaussichten auf einen Weiterzug. Und die Mitarbeitenden mit Gesamtarbeitsvertrag können nicht aus wirtschaftlichen Gründen gekündigt werden.

Der Fernverkehr dürfte sich nach der Krise wieder erholen. Weniger sicher ist das beim Schweizer Geschäft von SBB Cargo. Das macht schon seit Jahren Probleme. Im vergangenen Jahr schrieb es 35 Millionen Franken Verlust. Im Jahr zuvor hatte die Gütertochter nur dank Einmaleffekten eine schwarze Null erreicht. 2018 hatte SBB Cargo einen kleinen Gewinn von 12 Millionen Franken geschrieben, nachdem sie 2017 satte 239 Millionen Franken weniger eingenommen als ausgegeben hatte.

SBB Cargo ist zu wenig flexibel

SBB Cargo schrieb wieder rote Zahlen.

SBB Cargo schrieb wieder rote Zahlen.

Ralph Ribi

Im Geschäftsbericht gehen die SBB mit der Güterverkehrs-Tochter hart ins Gericht. Das Produktionssystem von SBB Cargo reagiere nur langsam auf Veränderungen und werde den Kundenbedürfnissen oft zu wenig gerecht, heisst es. SBB Cargo könne Entwicklungen am Markt zu wenig schnell nachvollziehen.

SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagt, Cargo stecke in einem Dilemma. «Einerseits müssen wir eigenwirtschaftlich sein. Das ist der politische Auftrag. Andererseits wird von Cargo trotzdem ein Beitrag zur Verlagerung auf die Schiene erwartet, obwohl sich die Verlagerungspolitik nicht auf den Binnenverkehr bezieht, sondern auf den Nord-Süd-Durchgangsverkehr.»

Braucht es nun Staatshilfe?

Das Thema stehe «ganz oben auf der Agenda», sagt Ribar. «Zusammen mit unseren Cargo-Partnern aus der Privatwirtschaft schauen wir, wie wir das Korsett schnüren können. Wir müssen aber ehrlich sein: So, wie die Rahmenbedingungen jetzt sind, wird ein profitabler Betrieb im Inland fast unmöglich sein. Wir müssten Cargo stark schrumpfen.»

Das Problem von Cargo ist der Einzelwagenladungsverkehr, also das Geschäft, bei dem Cargo einzelne Waren bei Kunden abholt. «Gegenüber der Strasse sind wir zu teuer», sagt Ribar. «Das werden wir ohne finanzielle Unterstützung nicht ändern können.»

Nun brauche es möglicherweise Gelder vom Staat. «Es braucht eine gesunde Mischung», sagt Ribar. «Einerseits darf sich Cargo nicht unter dem eigenen Wert verkaufen, die geschätzte Dienstleistung soll einen gewissen Preis haben. Andererseits brauchen wir mehr Flexibilität beim Einsatz der Mitarbeiter. Das müssen wir mit den Sozialpartnern diskutieren. Und für gewisse Verkehre braucht es allenfalls die finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand.»