Pionierrolle
SBB-Chef: «Selbstfahrende Autos sind eine Chance für den öV»

Selbstfahrende Autos sind die ultimative Konkurrenz zum öffentlichen Verkehr, könnte man meinen. SBB-Chef Andreas Meyer ist aber anderer Meinung und erklärt im Interview weshalb.

Thomas Schlittler
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SBB-Chef Andreas Meyer im Interview: «Es ist wichtig, dass wir in der Schweiz eine intensive Debatte über die Zukunft des öffentlichen Verkehrs führen.»

SBB-Chef Andreas Meyer im Interview: «Es ist wichtig, dass wir in der Schweiz eine intensive Debatte über die Zukunft des öffentlichen Verkehrs führen.»

Keystone

Herr Meyer, selbstfahrende Autos sind auf dem Vormarsch. Was bedeutet das für die SBB und den ganzen öffentlichen Verkehr in der Schweiz?

Andreas Meyer: Ich gehe davon aus, dass wir in der Schweiz innerhalb der nächsten zehn Jahre selbstfahrende Autos sehen werden. Damit entsteht ein neues Segment, der öffentliche Individualverkehr. Für die Kunden heisst das, dass sie mit den öffentlichen Verkehrsmitteln – und ohne eigenes Auto – von Tür zu Tür fahren können.

In einem selbstfahrenden Auto kann man essen, jassen und Zeitung lesen. Haben Sie keine Angst, dass der Zug damit überflüssig wird?

Nein, überhaupt nicht. Denn der Zug wird immer die effizienteste Art bleiben, viele Leute in die grossen Zentren zu bringen. Daran ändert auch das selbstfahrende Auto nichts. Ich sehe das selbstfahrende Auto vielmehr als Ergänzung und Chance für den öffentlichen Verkehr. Dazu brauchen wir in Zukunft aber Mobilitätshubs. Also Zentren, wo alle Mobilitätsträger kombiniert werden.

Wie muss man sich das vorstellen? Gibt es am Hauptbahnhof Zürich plötzlich eine riesige Tiefgarage mit selbstfahrenden Autos?

Nein, in grossen Zentren wie der Stadt Zürich ist das schwierig. Die Mobilitätshubs müssten ausserhalb der Zentren angesiedelt sein. Wir haben zwar noch keine konkreten Projekte. Aber nehmen wir als Gedankenspiel Sursee. Das wäre ein möglicher Standort für einen Mobilitätshub, um in die Luzerner Innenstadt zu kommen. Prädestiniert sind kleinere Ortschaften in der Nähe eines Zentrums. Orte, wo noch genügend Land vorhanden ist, um einen Mobilitätshub zu errichten.

Wie konkret sind die Überlegungen der SBB diesbezüglich bereits?

Wir beteiligen uns an einer Studie mit dem Titel «Mobilität 2050». Daran sind aber auch andere Akteure beteiligt. Das Amt für Raumplanung beschäftigt sich ebenfalls mit solchen Überlegungen. Das Ziel ist es, dass wir die Diskussion Anfang 2016 so richtig lancieren können. Denn es ist wichtig, dass wir in der Schweiz eine intensive Debatte über die Zukunft des öffentlichen Verkehrs führen. Dadurch verkleinern wir das Risiko, in die falschen Bereiche zu investieren.

Sie plädieren für eine Vorreiterrolle der Schweiz bei den neuen Verkehrsmitteln?

Absolut. Wir müssen in der Schweiz die Voraussetzungen schaffen, um bei der Einführung neuer Mobilitätslösungen schneller zu sein als andere Länder. Denn eine gute Infrastruktur ist gut für den Wohlstand des Landes. Vielleicht könnten wir smarte Mobilitätskonzepte gar exportfähig machen. Dazu müssten im Strassenverkehr aber die notwendigen Regeln für selbstfahrende Autos etabliert werden.

Sie wollen die selbstfahrenden Autos lieber heute als morgen etablieren?

Ja. Die Schweiz muss ein Pioniermarkt sein für smarte Mobilität. Ein wichtiger Teil davon sind selbstfahrende Autos – deshalb sollte die Schweiz offen sein für diese Technologie.

Sie plädieren für eine Vorreiterrolle bei neuen Technologien. Mit dem neuen Swisspass wählen Sie aber eine vorsichtige Variante. Die echte Revolution wäre die Einführung des sogenannten «Bibo»-Systems, mit dem alle Bahnkunden (auch jene ohne GA) ein- und aussteigen können, wo sie wollen, ohne ein Billett lösen zu müssen. Wieso halten sich die SBB bei «Bibo» zurück?

Man muss sich immer gut überlegen, wann der richtige Zeitpunkt ist, um bei einer neuen Technologie einzusteigen. Im Moment wäre es für die SBB nicht sinnvoll, viel Geld in «Bibo» zu investieren. Denn unsere Vertriebs- und Abrechnungssysteme sind noch nicht so weit. Deshalb ist die Einführung des Swisspass ein guter erster Schritt in diese Richtung.