Lieferverzögerung
SBB versichert: Der Zank um die Züge wird kein Steuergeld kosten

In den Streit zwischen SBB und Bombardier um die neuen Doppelstock-Züge mischt sich die Politik ein. FDP-Präsident Philipp Müller schrieb ein Brief an die SBB. Und er erhielt Antwort.

Matthias Niklowitz
Merken
Drucken
Teilen
Fährt bisher nur auf dem Computer-Bildschirm: Der neue IC-Doppelstöcker von Bombardier.SBB

Fährt bisher nur auf dem Computer-Bildschirm: Der neue IC-Doppelstöcker von Bombardier.SBB

«Die Finanzierung des Fernverkehr-Rollmaterials erfolgt aus dem laufenden Geschäft», heisst es in einem Schreiben der SBB an FDP-Parteipräsident Philipp Müller.

«Dieses Rollmaterial wird nicht aus Steuergeldern bezahlt.»

Sollten weitere Kosten entstehen, die nicht durch Konventionalstrafen gedeckt sind, würde das nicht den Steuerzahler belasten, sondern lediglich den Gewinn der Bahn reduzieren.

Damit erreicht die Debatte um die Lieferverzögerung von 59 Doppelstock-Schnellzügen im Wert von 1,9 Milliarden Franken die Politik.

Bombardier, der Hersteller der Züge, ist mit der Lieferung über zwei Jahre im Rückstand.

Aus der Sicht der SBB ist ein Teil der Verzögerung auf die Klagen von Behindertenverbänden zurückzuführen. Diese hatten etliche Anpassungen bei den Wagen verlangt.

Für einen guten Teil der Verzögerung sei aber Bombardier verantwortlich.

Die Wagenkästen seien nicht stabil genug konstruiert worden, so der Standpunkt der SBB. Deshalb gehe es jetzt um Strafzahlungen aufgrund der Lieferverzögerung.

Knallharte Verhandler

Laut nie bestätigten Medienberichten müsste Bombardier pro Jahr Verzögerung 460 Millionen Franken Konventionalstrafen zahlen.

Mit den bereits jetzt feststehenden zwei Jahren Verzögerung entspricht das fast dem halben Auftragsvolumen.

Wenn eine bescheidene Gewinnmarge für den Prestigeauftrag bei Bombardier eingerechnet wird, wäre das Projekt sofort defizitär.

Die Bahnsparte von Bombardier kommt laut Analysten auf einen Jahresumsatz von rund 8 Milliarden Dollar und einen Betriebsgewinn zwischen 400 und 500 Millionen Dollar.

Eine 900-Millionen-Franken-Konventionalstrafe würde gleich den ganzen kanadischen Konzern in die roten Zahlen stürzen lassen – und laut Analysten mindestens einige Manager den Kopf kosten.

Weder der Schweizer Bombardier-Chef noch die Pressestelle waren für eine Stellungnahme erreichbar.

Technisch gute Zusammenarbeit

Allerdings sichern sich grosse Zulieferer gegen solche Pannen ab. Bewährtes Mittel sind Gegenklagen.

Das Ziel sind dann aussergerichtliche Vergleiche, bei denen dann selbstwertschonend und gesichtswahrend Forderungen und Gegenforderungen miteinander verrechnet werden, um so dem Gefangenendilemma zu entkommen.

Am Mittwoch hatte das Schweizer Fernsehen interne Dokumente von Bombardier gezeigt, gemäss denen Bombardier 326 Millionen Franken nachträglich für die Anpassungswünsche der SBB verlangen will.

Die SBB wollten auf Anfrage weder die Höhe noch weitere Details von Konventionalstrafen diskutieren. Auf technischer Ebene arbeite man «gut» mit Bombardier zusammen.

Dabei gehe es um die Positionierung der Zugstoiletten und Sitzabstände. Der Streit um Entschädigungen und Gegenforderungen betreffe hingegen die kommerzielle Seite.

Altes Rollmaterial für Kunden

Auch für die SBB steht einiges auf dem Spiel. Gelder aus Konventionalstrafen erhöhen den Rollkomfort nicht.

Auch wenn der «Point of no Return» bei dieser Beschaffung überschritten ist – in den Niederlanden kostete eine missglückte grosse Zugsbeschaffung den Chef der Staatsbahn den Job.

FDP-Vertreter Philipp Müller wollte gegenüber der «Nordwestschweiz» nicht zur Antwort der SBB auf seinen offenen Brief Stellung nehmen.

Die SBB-Kunden müssten bis zur Lieferung länger als geplant mit dem alten Rollmaterial auf der Ost-West-Achse fahren, wie es im Schreiben an Philipp Müller heisst.

Der Lieferant Bombardier habe «explizit bestätigt, den Auftrag sorgfältig studiert zu haben und über die Fähigkeiten zu verfügen, die vertraglichen Leistungen termingerecht zu erfüllen.»