Schattenseite des Dividendenrauschs

Roman Schenkel, Leiter Überregionales und stellvertretender Chefredaktor, über den Dividendenrausch und dessen Schattenseite.

Roman Schenkel
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Für Aktionäre ist nicht der Herbst, sondern der Frühling Erntezeit. Und dieses Jahr fällt die Ernte besonders üppig aus: Die 30 grössten an der Schweizer Börse kotierten Unternehmen zahlen für das Geschäftsjahr 2017 so viel Dividenden wie kaum je zuvor. Knapp 40 Milliarden Franken fliessen zurück an die Eigentümer – 1,7 Prozent mehr als im Vorjahr.

Grundsätzlich ist es ein gutes Zeichen, wenn Unternehmen mehr Dividende bezahlen. Es bedeutet, dass die Firmen Gewinne machen und ein Teil dieses Ertrags an die Besitzer ausschütten. Um höhere Ausschüttungen vornehmen zu können, müssten die Firmen also ganz einfach deutlich mehr verdienen. Doch das ist nicht der Fall: Im Vergleich zu 2012 musste jedes dritte der 30 beobachteten Unternehmen einen Gewinnrückgang hinnehmen. Stellt man die zusammengezählten Gewinne neben die insgesamt ausbezahlten Dividenden, ergibt sich für 2017 eine Ausschüttungsquote von 98 Prozent. Frei übersetzt: Die Gewinne fliessen fast gänzlich aus den Unternehmen hinaus.

Das ist die Schattenseite des Dividendenrauschs. Die Firmen sind nicht bereit, die Gewinne zu reinvestieren. Wird ein solch grosser Teil der Ressourcen für Gewinnauszahlungen verwendet, ist das kein besonders ermutigendes Signal über die Fähigkeit eines Unternehmens, einen Plan zu entwickeln, um langfristigen Erfolg zu haben. Hohe Dividenden befriedigen nur die kurzfristigen Begehrlichkeiten. Firmen müssten doch mehr Geld in Produkte, Innovationen oder auch in Übernahmen stecken. Werden die Investitionen dauerhaft zurückgefahren, sinkt längerfristig auch die Rendite. Und ein Ernteausfall ist mit Sicherheit nicht im Interesse der Aktionäre.

Roman Schenkel

roman.schenkel@luzernerzeitung.ch