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SCHINDELLEGI: «Der Erfolg braucht seine Zeit»

Kühne + Nagel wird 125 Jahre alt. Konzern-Chef Karl Gernandt im Interview über seine Sicht der Schweiz und darüber, was Fussball mit Logistik zu tun hat.
Der Verwaltungsratspräsident von Kühne + Nagel, Karl Gernandt, im Hauptsitz des Konzerns in Schindellegi. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Der Verwaltungsratspräsident von Kühne + Nagel, Karl Gernandt, im Hauptsitz des Konzerns in Schindellegi. (Bild: Stefan Kaiser / Neue ZZ)

Interview Bernard Marks

Karl Gernandt (54), Sie sind Präsident des Verwaltungsrates beim Schwyzer Logistikkonzern Kühne + Nagel, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Reederei Hapag-Lloyd und zudem Aufsichtsratschef der HSV Fussball AG.

Karl Gernandt*: (lacht) Letztes ist wohl die schwerste Aufgabe.

Am Dienstag hatten Sie im Relegationsspiel gegen Karlsruhe Glück, dass der Hamburger Sport-Verein (HSV) die Klasse halten konnte.

Gernandt: Das hat Nerven gekostet. Wenn aber am Ende der Erfolg steht, ist die Freude natürlich gross. Das braucht man sicher niemandem in Luzern zu erklären, wo die Super League für den FC Luzern sehr erfolgreich zu Ende gegangen ist.

Wäre ein Abstieg für den HSV nicht besser gewesen?

Gernandt: Nein, das wäre für den HSV und für Hamburg ein Desaster. Auch für die Olympiabewerbung von Hamburg wäre es eine Katastrophe, wenn die Stadt keinen erstklassigen Sportverein hätte. Jetzt brauchen wir beim HSV einen Neuanfang, und daran arbeiten wir.

Wie wollen Sie das erreichen?

Gernandt: Gute Frage. Eine Kontinuität, wie sie Vereine wie FC Barcelona, Real Madrid oder Bayern München haben, können Sie nicht mit einem Fingerschnippen produzieren. So etwas braucht Zeit, und die hatten wir bisher nicht genügend. Vorbildlich ist dies zum Beispiel dem Schweizer Trainer Lucien Favre bei Mönchengladbach gelungen. Er hat aus jungen Talenten über Jahre eine Mannschaft geformt und kann nun viel Erfolg ernten.

Logistik, klingt im Gegensatz zu Ihrem Job beim HSV relativ trocken.

Gernandt: (schmunzelt) Logistik tönt im ersten Moment vielleicht nicht spannender als Fussball, stimmt aber nicht. Eigentlich ist es dabei wie im Fussball. Man kann Logistik nicht allein machen. Auch hier braucht man ein gutes Team und einen guten Trainer, um erfolgreich zu sein.

Apropos Erfolg, Kühne + Nagel hat 2014 das beste Geschäftsjahr seiner Geschichte erzielt und mit 840 Millionen Franken eine rekordhohe Dividende ausgeschüttet. Ist Ihr Hauptaktionär, Klaus-Michael Kühne, zufrieden?

Gernandt: Ich hoffe es. Aber diesen Erfolg haben wir uns über viele Jahre erarbeitet, und das ist das Resultat einer klaren Strategie. Insbesondere was die Profitabilität angeht, sind wir vielen in der Branche eine Nasenlänge voraus.

Sehen Sie Herrn Kühne oft?

Gernandt: Ja, wir pflegen einen vertrauten und sehr engen Kontakt. Herr Kühne engagiert sich über seine Holding und Stiftung in vielen Bereichen und arbeitet nach wie vor jeden Tag. Man kann ihn Tag und Nacht erreichen und mit ihm über Firmenangelegenheiten sprechen.

Kühne + Nagel ist Weltmarktführer im Bereich Seefracht, hat aber nicht einmal eigene Schiffe. Das ist speziell.

Gernandt: Das stimmt. Aber unser Konzept ist ganz einfach. Wir besorgen Ladung und kaufen und verkaufen Transportkapazitäten. Weil wir keine eigenen Schiffe haben, sind wir unabhängig. Hätten wir eigene Kapazitäten, die wir ständig verkaufen müssten, käme es vielleicht zu einem Interessenkonflikt in einem Job, den wir nur im Interesse des Kunden abwickeln sollten.

Braucht es das Geschäftsmodell?

Gernandt: Ja, denn der Reeder konzentriert sich darauf, dass sein Schiff beladen ist und er den Container nur noch über die Quaikante an Bord bringen muss. Aber der Exporteur produziert nicht direkt an der Pier. Auch der Importeur ist in der Regel nicht im Hafen. Es braucht also eine Menge logistisches Know-how, um die Container vom und zum Hafen zu bringen. Jeder Container, der aufs Schiff geladen wird, war vorher auf einem Lastwagen oder auf einem Eisenbahnwaggon. Wir kümmern uns als Dienstleister um genau diese Aufgaben: vom Westen Chinas, wo beispielsweise eine Vielzahl von Elektronikprodukten hergestellt wird, zum «Sihlcity» in den Mediamarkt also um die komplette «Von-Tür-zu-Tür-Logistik».

Die Schiffe werden immer grösser ...

Gernandt: Wenn man sich überlegt, auf so ein Schiff passen mehr als 20 000 Standardcontainer. Hintereinander gereiht auf einen Camion gesetzt, ist das eine Strecke, die über 100 Kilometer lang wäre.

Damit werden auch immer mehr Waren transportiert.

Gernandt: Allerdings. Die alten Handelswege über die Weltmeere sind zu regelrechten Highways geworden. Mehr als 85 Prozent des Welthandels werden auf dem Seeweg abgewickelt. Es gibt einfach keine Alternative. Übrigens schon vor 3000 Jahren haben die Phönizier und die Griechen ihre Handelsmacht über ihre Schiffsflotte gefestigt. Auch heute lebt die Wirtschaft der USA oder Deutschlands davon, dass diese Länder über funktionierende Häfen verfügen. Doch auch die Luftfracht wird immer wichtiger. In der Luft werden oft zeitkritische Waren transportiert wie Blumen, Lebensmittel oder medizinische Güter und auch solche, die sicher befördert werden müssen wie Luxusgüter.

Die Entwicklung von Frachtraten gilt als Frühindikator für die Konjunktur. Wie steht es aktuell um die Weltwirtschaft?

Gernandt: Pauschal lässt sich die Frage nicht beantworten. Derzeit kann die chinesische Wirtschaft europäische Waren zu günstigen Konditionen erwerben. Es kommt also mehr Ware aus Europa nach China. Das sieht man auch an den Exportüberschüssen solcher Länder wie Deutschland oder auch der Schweiz. Gleichzeitig wird die Ware, die aus China kommt, tendenziell weniger, was am schwachen Euro liegt.

Das ist gut für Ihr Geschäft, oder?

Gernandt: Wir bei Kühne + Nagel profitieren zwar von den insgesamt steigenden Volumen, aber der schwache Euro belastet uns. Im ersten Quartal 2015 hat sich die geänderte Währungsrelation zwischen dem Schweizer Franken und dem Euro um 11 Millionen negativ auf unseren Gewinn ausgewirkt.

Kühne + Nagel feiert in diesem Jahr sein 125-jähriges Bestehen. Der Konzern hat über 1000 Standorte in mehr als hundert Ländern der Welt. Überall werden andere Sprachen gesprochen. Sind Sie selber ein Sprachgenie?

Gernandt: (lacht) Nein, ich bin eher das Gegenteil. Unsere Konzernsprache ist Englisch. Die Herausforderung ist es aber, in diesen vielen Ländern alle Mitarbeiter so weit in unser Netzwerk einzubinden, dass sie unsere Regeln und Vorgaben aufnehmen und trotzdem lokal agieren.

Wie gelingt Ihnen das?

Gernandt: Wir sind sehr dezentral organisiert. Mit nur 180 Mitarbeitern in Schindellegi werden über 63 000 Mitarbeiter weltweit geführt. Wir setzen auf die unternehmerische Verantwortung vor Ort. Jeder unserer Manager handelt wie ein Unternehmer. Auch erwarten wir, dass jeder Manager im Laufe seiner Karriere in mehreren Ländern gearbeitet hat. Das heisst umzuziehen und sich zu verändern, gehört dazu, wenn man für Kühne + Nagel arbeiten will.

Warum ist Kühne + Nagel in den Siebzigerjahren nach Schindellegi gezogen ohne einen Zugang zum Meer?

Gernandt: Der Hauptsitz wurde damals im Rahmen der Internationalisierungsstrategie verlegt. Aus der Schweiz heraus sollte die internationale Expansion des Unternehmen beschleunigt werden, was gelungen ist.

Steuerlich hat es sicher auch Vorteile gebracht?

Gernandt: Ich denke ja, aber das stand nicht im Vordergrund, zumal die Firma in den Siebzigerjahren deutlich kleiner war als heute. Es waren eher das Rechtsumfeld der Schweiz und das liberale Wirtschaftsklima, welche die Unternehmerfamilie Kühne dazu gebracht haben, hierherzuziehen.

Wie attraktiv ist der Wirtschaftsstandort Schweiz heute noch?

Gernandt: Die Steuersituation ist in der Schweiz komfortabel, aber nicht viel besser als in manchen anderen Ländern auch. Entscheidend ist der freie Zugang zum Arbeitsmarkt. Für uns als internationaler Konzern ist es wichtig, dass wir ohne Schwierigkeiten internationale Fachkräfte in die Konzernzentrale nach Schindellegi holen und ohne Probleme die Familien nachziehen lassen können. In der Vergangenheit hat aber gerade diese Freizügigkeit hierzulande zu intensiven Diskussionen geführt. Das ist schade.

Warum?

Gernandt: Die Welt ist heute in den Köpfen der Menschen bereits vernetzt. Deswegen sind aktuell Freihandelsabkommen so populär. Durch die Verfügbarkeit von globalen Informationen steigt das Bedürfnis nach internationalen Gütern. Ein weltweiter Handel mit minimalen Barrieren ist dafür essenziell.

Denken Sie, das Abkommen zwischen den USA und Europa wird zu Stande kommen?

Gernandt: Der Stand der TTIP-Verhandlungen ist derzeit wohl nur den Beteiligten bekannt. Aber wir als Firma würden einen solchen Schritt begrüssen. Wenn zwei starke Partner sich zusammentun, können beide davon profitieren. Ich kann aber die Sorgen mancher bezüglich solcher Abkommen nachvollziehen. Deswegen wäre eine bessere Informationspolitik hilfreich, um die Vorteile klar herauszustellen.

Wie sollte sich die Schweiz dabei verhalten?

Gernandt: Ich bin weit davon entfernt, der Schweiz etwas zu raten, aber als Beobachter denke ich, dass das Land nicht zu restriktiv sein sollte. Die Schweiz lebt davon, dass sich ihre Qualitätsprodukte im Ausland gut verkaufen und dass sich auch ausländische Produkte hier gut verkaufen lassen. Zudem gibt es hierzulande einen Arbeitsmarkt mit hohen qualitativen Ansprüchen, der ohne ausländische Fachkräfte nicht so leistungsstark wäre. Man kann nur hoffen, dass die Schweiz erkennt, dass die Chancen darin liegen, dass man sich vernetzt. Eine Isolation der Schweiz wäre nicht gut.

* Karl Gernandt (54) studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Bei Kühne + Nagel begann er 2008 als Mitglied des Verwaltungsrates, dessen Präsident er 2011 wurde. Gernandt ist verheiratet, Vater von drei Töchtern und lebt in Schindellegi und Hamburg.

Bild: Grafik: Loris Succo / Quelle: Kühne + Nagel

Bild: Grafik: Loris Succo / Quelle: Kühne + Nagel

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