Interview

Schindler-CEO zum Corona-Virus: «Es könnte sein, dass wir mehrere hundert Millionen Franken Umsatz einbüssen»

Schindler-CEO Thomas Oetterli erklärt, wie sich das Corona-Virus auf die Geschäfte auswirkt. Und warum er sich gegen den angedachten Thyssenkrupp-Kone-Deal wehrt.

Maurizio Minetti
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Schindler-CEO Thomas Oetterli.

Schindler-CEO Thomas Oetterli.

Bild: Alexandra Wey , Keystone

Das Geschäft von Schindler in China stagniert, und nun kommt auch noch das Corona-Virus hinzu. Welche Auswirkungen hat die Epidemie?

Thomas Oetterli: Wir haben mehrere Fabriken in China und Tausende von Angestellten, doch in den letzten Wochen hat kaum jemand gearbeitet. Wir haben die Mitarbeiter in die Zwangsferien geschickt. Wegen des Virus standen die Fabriken still; erst diese Woche haben wir die Produktion in China wieder aufgenommen. Jedoch wird es sicherlich noch etwas dauern, bevor wir wieder zur Normalität zurückkehren können.

Warum?

Weil die Kunden ihre Baustellen noch nicht wiedereröffnet haben. Zudem haben viele Lieferanten ihre Fabriken immer noch stillgelegt, womit wir auch mit Engpässen beim Rohmaterial zu kämpfen haben. Von China aus beliefern wir auch andere Länder in Südostasien und auch Australien. Das bedeutet, dass sich der Corona-Virus auch auf andere Standorte auswirkt.

Sie haben für die wichtigsten Komponenten Zweitlieferanten, um genau solche Situationen zu umgehen. Warum greifen Sie nicht auf diese zurück?

Das machen wir. Aber selbst wenn wir Komponenten aus Europa beziehen statt aus Asien, kommen die allermeisten Subkomponenten aus China. 70 Prozent davon stammen aus dem Raum Schanghai.

Welche finanziellen Auswirkungen erwarten Sie wegen dem Corona-Virus?

Wir müssen davon ausgehen, dass das erste Halbjahr negativ beeinträchtigt wird. Der chinesische Markt könnte sich dieses Jahr wegen des Corona-Virus rückläufig entwickeln. Es könnte sein, dass wir 2020 wegen des Virus mehrere hundert Millionen Franken Umsatz einbüssen und auch der Gewinn geschmälert wird. Wir gehen davon aus, dass sich die Situation erst ab der zweiten Jahreshälfte wieder verbessert. Aber wir haben keine Kristallkugel und können nicht abschätzen, wie sich die Epidemie weiterentwickelt. Je früher der Höhepunkt erreicht wird, desto früher kann der Markt zu Normalität zurückkehren.

Gibt es Auswirkungen auf den Hauptsitz in Ebikon?

Es gibt insofern Auswirkungen auf die Zentrale, als alle Angestellten, die eine globale Funktion haben, derzeit weder nach China noch nach Hongkong reisen. Wir kommunizieren über Telefon und Internet. Mit den Kollegen in China telefoniere ich jeden Morgen.

Der Virus wird dieses Jahr auf die Profitabilität drücken, dabei leidet Schindler bereits unter hohen Materialkosten. Ihre Mitbewerber sind zum Teil profitabler unterwegs.

Wir wollen nicht um jeden Preis die Marge verbessern. Unser erstes Ziel ist, dass wir stärker wachsen als der Markt. Und das ist uns auch letztes Jahr gelungen. Natürlich wollen wir nicht, dass sich unsere Marge verschlechtert, aber wir opfern nicht unsere Wachstumsziele, nur um einige Prozentpunkte bei der Marge zuzulegen.

Neben den hohen Rohstoffpreisen machen Ihnen auch der starke Franken und wachsende Lohnkosten Sorgen. In Spanien wurde gar eine Fabrik geschlossen. Wie ist die Situation in der Schweiz?

Ebikon ist historischer Kern unserer weltweiten Organisation. Wir haben hier unsere Wurzeln und das wird sich auch nicht ändern. Wir haben hier in den letzten Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag investiert, um den Standort zu modernisieren. Als Luzerner bin ich stolz auf diese Leistung. Es ist aber sicherlich so, dass wir Stellen zur Unterstützung des Geschäfts weiterhin dort aufbauen, wo die wichtigsten Märkte sind.

Die Liftbranche befindet sich gerade im Umbruch. Kone, Ihr direkter Konkurrent aus Finnland, will die Liftsparte des angeschlagenen deutschen Konzerns Thyssenkrupp kaufen. Schindler-Patron Alfred N. Schindler hat diese Woche mit Klagen gedroht, sollte es zum geplanten Zusammenschluss kommen. Er sprach von «Kriegsführung». Haben Sie Angst vor einer zu starken Konkurrenz?

Nein. Es geht darum, dass mit einem solchen Zusammenschluss ein Koloss entstehen würde, der in gewissen Ländern marktbeherrschend wäre. Wettbewerbsrechtlich ist das ein Unding. Dagegen würden sich die wichtigsten Mitbewerber wehren, nicht nur wir. Wenn die Nummer drei mit der Nummer vier fusioniert und zur Nummer eins wird, können Sie davon ausgehen, dass diejenigen, die überholt werden, alles tun, um wieder nach vorne zu kommen. Das Resultat wäre ein verheerender Preiskrieg.

Ihre Kunden würden so aber immerhin von tieferen Preisen profitieren.

Vielleicht. Aber es besteht die Gefahr, dass der Preiskampf zu Lasten der Qualität gehen würde.

Kone und Thyssenkrupp könnten den Wettbewerbsbehörden Konzessionen machen und gewisse Teile abstossen. Wären Sie interessiert, diese zu übernehmen?

Das kann ich so pauschal nicht beantworten. Jede Option müsste genau geprüft werden – macht eine Akquisition in diesem Markt für uns Sinn? Wie sieht es wettbewerbsrechtlich aus? Das wären Fragen, die man klären müsste.

Der Luzerner Thomas Oetterli (50) ist seit 2016 CEO von Schindler. Er trat 1994 ins Unternehmen ein und hielt diverse internationale Funktionen inne. Vor seiner Beförderung zum CEO war er verantwortlich für das Geschäft in China.