SCHINDLER: Ein Sportsmann mit viel Temperament

Silvio Napoli ist seit Anfang Jahr CEO des Liftherstellers. Im Interview spricht er über seine besondere Beziehung zu Luzern, seinen Führungsstil und die Bedeutung des Standorts Ebikon.

Interview Hans-Peter Hoeren
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Silvio Napoli in einem Lift am Hauptsitz in Ebikon. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Silvio Napoli in einem Lift am Hauptsitz in Ebikon. (Bild: Pius Amrein / Neue LZ)

Silvio Napoli, seit Januar sind Sie CEO des Schindler-Konzerns und arbeiten wieder in Ebikon. Stimmt es, dass Sie eine ganz besondere Beziehung zum Kanton Luzern haben?

Silvio Napoli: Das kann man so sagen. Ich habe einige Jahre in Luzern gelebt – zwischen 1994 und 1997. Zwei meiner Kinder sind hier zur Welt gekommen. Mein Sohn wurde nur ein paar Monate nach unserer Ankunft in Luzern geboren, hier im Kantonsspital. Er erinnert mich immer daran, wie lange ich schon bei diesem Unternehmen tätig bin – genau 20 Jahre. Auch eine meiner Töchter ist in Luzern auf die Welt gekommen; im Sankt-Anna-Spital. Meine Familie und ich haben viele gute Erinnerungen an Luzern.

Sie gelten als sportbegeistert und haben in Ihrer ersten Zeit in Luzern einen für die Schweiz nicht ganz alltäglichen Sport ausgeübt.

Napoli: Ich erinnere mich noch gut daran, es war eine fantastische Zeit. Ich war zwischen 1994 und 1997 Spieler, dann Kapitän, dann Präsident des Luzerner Rugbyclubs. Wir spielten recht erfolgreich in der Nationalliga B. Wir hatten ein sehr internationales Team. Wir haben auf der Allmend gespielt. Mit den meisten Mitgliedern unseres Teams habe ich den Kontakt verloren, aber es sind aus dieser Zeit einige Freundschaften erhalten geblieben.

Sie waren sechs Jahre Asienchef von Schindler, seit Januar sind Sie CEO des Gesamtkonzerns. Hat man als Asienchef automatisch die richtige Schuhgrösse, um auch den Job des Konzernchefs übernehmen zu können?

Napoli: Die Schuhe sind ohne Frage grösser, und die neue Rolle bringt viel Verantwortung mit sich. Das Team Schindler zu führen und damit zum Erfolg beizutragen, verleiht mir aber enorme Energie. Ich verfüge über viel Erfahrung in den grossen Wachstumsmärkten Indien, Südostasien und China. Trotzdem lerne auch ich jeden Tag dazu und wachse an der neuen Herausforderung. Der Fuss muss sicher noch weiter in die neue Schuhgrösse hineinwachsen, aber er wächst stetig.

Für welche Führungsphilosophie stehen Sie, und welche Rolle spielt dabei Teamarbeit?

Napoli: Führen und Unternehmensführung haben etwas gemeinsam – beides hat mit Dienen zu tun. Man führt nicht für sich selber, sondern für das bestmögliche Ergebnis eines Teams. Ich muss dem Team dienen und die Mitarbeiter so einsetzen und motivieren, dass es dem Unternehmen den bestmöglichen Nutzen bringt. Das Dienen macht aber letztlich nur Sinn, wenn wir am Schluss auch gewinnen. Wir betreiben keinen Amateursport, sondern bewegen uns in einem hart umkämpften Wettbewerb unter Weltmarktführern.

Was macht für Sie ein gutes Team aus?

Napoli: Ein gutes Team ist noch besser als die Summe der Fähigkeiten seiner einzelnen Mitglieder. Es geht dabei um den Teamzusammenhalt, Respekt für ein­ander und um die Freude am Arbeiten. Wichtig ist ein klares Ziel und dass jedes Teammitglied dem anderen vertrauen kann. Es gibt kein gutes Team, das nur von einem Spieler oder einer Spielerin abhängig ist. Wenn ein Spiel ansteht, muss jeder Spieler fit sein für den Wettkampf, sonst setzt er den Erfolg des Teams mit aufs Spiel. Wenn Spieler nicht fit sind, ist das Team gefordert oder der Captain. Es geht also beim Führen nicht nur um Zusammenhalt, sondern auch um das Fordern und Einfordern von Leistung und fachlicher Fitness. In wirklich guten Teams arbeiten die Leute wirklich gerne mitein­ander zusammen, und das wiederum erzeugt die Energie, die es zum Gewinnen benötigt.

Wie führen Sie?

Napoli: Ich folge einer einfachen Philosophie: Wir diskutieren vor dem Spiel und nach dem Spiel. Aber wenn der Spielplan, die Strategie einmal steht, dann setzen wir diese um. Es ist mein Job als Teamleader, das Team immer wieder zurückzubringen zu seiner eigentlichen Zielsetzung oder Aufgabe.

Sie sprechen viel über das Gewinnen, wie gehen Sie mit Rückschlägen oder Niederlagen um?

Napoli: Es gibt kein Team auf der Welt, das eine 100-prozentige Erfolgsrate hat. Ich halte es im Umgang mit Fehlern oder Rückschlägen so: Was dich nicht umbringt, macht dich stärker. Ich habe beruflich oft Situationen erlebt, wo meine Erfolgschancen aus verschiedensten Gründen nicht gross waren, wo viele Umstände gegen mich sprachen. Da gilt es, sich durchzubeissen und zu versuchen, sich dennoch zu behaupten. Niemand wird als Champion geboren. Um einer zu werden, ist viel harte Arbeit notwendig und Zielstrebigkeit. Man muss sein Ziel kennen. Man darf das Ehrgeiz nennen, denn Ehrgeiz ist nichts Schlechtes. Der Ehrgeiz sollte aber einem höheren Ziel dienen, einem Unternehmen, einem Team oder einer Sportmannschaft. Man darf aber nie vergessen, dass der Erfolg nicht alle paar Minuten, sondern am Ende des Spiels gemessen wird. Das entspricht auch der Kultur von Schindler. Wir sind eine langfristig orientiertes Unternehmen mit langfristigen Zielsetzungen.

 

Wie ist der Schindler-Konzern aktuell aufgestellt?

Napoli: Schindler ist ein sehr solides Unternehmen mit einer starken Kultur und einer langen Tradition. Das Unternehmen hat eine unglaublich starke Bilanz und ist ein Technologieführer – gerade auch, was Innovationen angeht. Aktuell vollzieht Schindler eine nie vorher da gewesene Transformation. Das machen der Bau neuer Produktionsstätten weltweit und unsere immensen Wachstumsanstrengungen in Asien deutlich. Wir sind in der glücklichen Lage, diesen Wandel aus eigener Kraft und mit eigenen Mitteln zu finanzieren. Die Entwicklung, die wir aktuell durchlaufen, wäre sehr viel schwieriger, wenn das Unternehmen nicht derart solide aufgestellt wäre. Wir wollen aber auch unsere starke Position in Europa behaupten. Es wäre schlecht, wenn wir unsere Wurzeln vergessen würden.

Warum?

Napoli: In Europa und der Schweiz haben wir heute unsere stärkste Marktstellung, dort sind wir zu einem Weltunternehmen geworden. Sicher investieren wir aktuell kräftig in Indien und China, aber nicht wegen den niedrigeren Kosten. Wenn das unser Fokus wäre, müssten wir nach Viet­nam, Indonesien oder Rumänien gehen. Dort sind die Arbeitskosten einiges tiefer als in China. Wir investieren stark in Indien und China, weil dort die Wachstumsmärkte sind. Das Zeitfenster, um von diesen Möglichkeiten zu profitieren, ist nur 5 bis 15, maximal 20 Jahre offen. Unterm Strich geht es bei unserer Expansion in Asien auch darum, sich gegen die Mitbewerber zu behaupten und so auch unsere starke Position in Europa zu verteidigen.

Welche Bedeutung hat denn überhaupt noch der Hauptsitz in Ebikon – ausser viel Tradition und einem prominenten Platz in der Unternehmensgeschichte?

Napoli: Die Mitarbeiter an unserem Hauptsitz verfügen über ein einzigartiges Know-how und Fertigkeiten, gerade in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktwissen und Marketing. Viele technologische Komponenten und Verfahren, die beispielsweise in unsere Aufzugsfertigung in Asien einfliessen, wurden in Ebikon entwickelt. Es gibt hier aber noch eine weitere Bedeutung, die immer unterschätzt wird.

Was meinen Sie genau?

Napoli: Für viele Mitarbeiter, gerade auch in Asien, ist Ebikon das Flaggschiff des Konzerns. In meiner Zeit als Asienchef war ich auch eine Art kultureller Botschafter, der dem Personal die Werte und die Wurzeln von Schindler nähergebracht hat – sowohl den neuen als auch den langjährigen Mitarbeitern. In Hongkong beispielsweise gibt es Leute, die 35 oder 40 Jahre für Schindler gearbeitet haben. Ich erinnere mich noch gut an die Verabschiedung langjähriger und sehr verdienter Mitarbeiter in den Ruhestand. Ich habe die betreffenden Mitarbeiter in Hongkong aufgefordert, einen Wunsch zu äussern als Dank für ihre langjährigen Verdienste. Wissen Sie, was Sie sich gewünscht haben?

Nein, ich bin gespannt.

Napoli: Sie sagten, Sie würden gerne mal den Schindler-Hauptsitz in Ebikon besuchen. Für viele Mitarbeiter in Asien ist Ebikon das Flaggschiff des Konzerns. Seitdem haben wir immer mehr Besuche von chinesischen und asiatischen Mitarbeitern in Ebikon. Das zeigt die Wertschätzung Ebikons innerhalb des gesamten Konzerns. Wenn beispielsweise Mitarbeiter aus Ebikon nach China reisen, erinnere ich sie immer daran, dass sie nicht nur als Fachleute, sondern auch als Botschafter und Repräsentanten des Mutterhauses in Ebikon dorthin gehen. Sie sind eine Art Botschafter für das, was das Unternehmen ausmacht.

Seit 20 Jahren bei Schindler

Zur Person hoe. Silvio Napoli (49) leitet seit Januar dieses Jahres den Schindler-Konzern. Der Italiener arbeitet seit 20 Jahren in verschiedenen Funktionen für den Ebikoner Lifthersteller; von 2008 bis 2013 war Napoli für die Region Asien/Pazifik zuständig. Silvio Napoli ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Er hat an der ETH Lausanne Materialwissenschaften studiert und eine MBA-Ausbildung an der Harvard Business School absolviert.

Aufholjagd in China

Der Schindler-Konzern beschäftigt rund 50 000 Mitarbeiter, davon 1500 in Ebikon. Das Unternehmen durchläuft einen gewaltigen Transformationsprozess. In Indien, China, den USA und der Slowakei wurden 350 Millionen Franken in sechs neue Fabriken investiert. Der Fokus bei der Expansion liegt in Asien. Insbesondere in China forciert Schindler seine Aufholjagd. Die Expansion, die Rekrutierung Hunderter neuer Mitarbeiter und deren Ausbildung, die Qualitätssicherung und die Entwicklung neuer Produkte – all das sind Herausforderungen, mit denen sich der neue Schindler-Chef konfrontiert sieht. Gleichzeitig darf Silvio Napoli die Profitabilität nicht vernachlässigen und muss die Kosten im Griff haben. Für eine gewisse Zeit nimmt Schindler für die Expansion niedrigere Margen in Kauf.