SCHINDLER: Patron stellt Führungsduo vor

Neue Ära beim Ebikoner Aufzugshersteller: Alfred N. Schindler zieht sich ins zweite Glied zurück. Das Unternehmen erhält einen neuen Präsidenten und einen neuen Chef – mit Luzerner Wurzeln.

Roman Schenkel
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Gestern im Luzerner Hotel Palace (von links nach rechts): Der künftige Verwaltungsratspräsident Silvio Napoli, Patron Alfred N. Schindler und der designierte CEO Thomas Oetterli haben gut lachen. (Bild Manuela Jans-Koch)

Gestern im Luzerner Hotel Palace (von links nach rechts): Der künftige Verwaltungsratspräsident Silvio Napoli, Patron Alfred N. Schindler und der designierte CEO Thomas Oetterli haben gut lachen. (Bild Manuela Jans-Koch)

«Im kommenden Jahr werde ich 68 Jahre alt – es ist höchste Zeit.» Alfred N. Schindler ist ganz Realist. «Niemand ist unersetzbar, auch ich nicht», sagte der langjährige CEO (26 Jahre!) und aktuelle Verwaltungsratspräsident von Schindler gestern an einer Medienorientierung im Hotel Palace in Luzern. Deshalb sei es Zeit, seine Nachfolge zu regeln.

Die Führung des Verwaltungsrats übergibt Schindler an Silvio Napoli. Der Italiener ist seit 2014 CEO des Schindler-Konzerns und steht für eine jüngere Generation. Er hat sich das Vertrauen des Firmenpatrons in seiner über 22-jährigen Tätigkeit für das Unternehmen erarbeitet. Vor seiner Position als Konzernchef hat er die Geschäfte in Asien geleitet, dem inzwischen wichtigsten Markt für neu verkaufte Aufzüge. «Sieben von zehn Aufzügen werden im asiatischen Raum verkauft», so Napoli.

Napolis Ernennung steht für Kontinuität. Unter der Leitung des 1965 geborenen Managers hat der Schindler-Konzern in Asien grosse Anstrengungen unternommen, den Marktanteil in Asien zu steigern. Napoli gibt nach nur zwei Jahren den CEO-Posten wieder ab. Allerdings wird er als Mitglied des Verwaltungsratsausschusses weiterhin eine exekutive Funktion ausüben. Anders als die meisten Schweizer Industrieunternehmen kennt Schindler einen dreiköpfigen Verwaltungsratsausschuss, der vollamtlich arbeitet.

Der neue CEO ist ein Zahlenmensch

Für Napoli rückt Thomas Oetterli auf den CEO-Posten nach. Auch er kommt von Asien aus in die Schweiz. Auch er ist seit über 22 Jahren für Schindler tätig. Bevor er 2013 die Verantwortung für das China-Geschäft übernahm, leitete er drei Jahre lang den Nordeuropa-Markt und von 2006 bis 2009 das Schweizer Geschäft. Mit Zahlen kennt sich Oetterli aus. So war er Finanzchef für das Deutschland-Geschäft von Schindler, zudem hat er die Einführung der IFRS-Rechnungslegung bei Schindler geleitet.

Der in diesem Jahr 47 Jahre alt werdende Oetterli sitzt seit 2010 in der Schindler-Konzernleitung. «Ich habe grossen Respekt vor meiner neuen Aufgabe», sagt Oetterli. Der Respekt sei aber gepaart mit viel Freude. Oetterli ist in Luzern aufgewachsen. «Auch wenn ich inzwischen nicht mehr in Luzern wohne, bezeichne ich mich immer noch als Stadtluzerner.»

Keine Hauruck-Übung

Alfred N. Schindler betonte, dass die Nachfolgeregelung keine Hauruck-Übung war. «Wir haben über drei Jahre lang an dieser Lösung gearbeitet, und ich verschwinde ja nicht über Nacht», sagte er. «Ich fühle mich sehr gut mit der Lösung und bin auch ein Stück weit stolz, dass das gelungen ist», sagte Schindler. Es sei eine «Stabsübergabe an ausgewiesene Führungskräfte mit viel Erfahrung im Schindler-Konzern und der Aufzugsbranche».

Dennoch kommt die Nachfolgelösung früher als erwartet. Ganz loslassen will der bald 68-jährige Patron, der auch Mehrheitsaktionär des Konzerns ist, allerdings nicht. Er bleibt Mitglied des Verwaltungsrats und vertritt dort zusammen mit seinem Cousin Luc Bonnard die Interessen der Familien Schindler und Bonnard. Die beiden Familien kontrollieren zwei Drittel des Unternehmens. Er könne sich vorstellen, bis 2022 im Gremium zu verbleiben, sagte der Urgrossenkel von Firmengründer Robert Schindler. Bis im März 2017 bleibt Schindler Vorsitzender des dreiköpfigen Verwaltungsratsausschusses. Diesem gehören derzeit Chefjurist Karl Hofstetter und Jürgen Tinggren an. Während sich Hofstetter an der Generalversammlung im März zur Wiederwahl stellt, tritt der frühere Schindler-CEO nicht mehr an. Er ziehe sich aus familiären Gründen zurück. Seinen Platz nimmt Napoli ein.

«Schindler wird kein Fall Sika»

Gut möglich, dass Jürgen Tinggren bei Alfred N. Schindler wegen seiner Rolle im Übernahmestreit um Sika in Ungnade gefallen ist. Tinggren ist Verwaltungsrat beim Baarer Bauchemiehersteller. Dort vertritt er die Position der Besitzerfamilie, die ihre Anteile an den französischen Industriekonzern Saint-Gobain verkaufen möchte. Dank Opting-out würden dabei alle anderen Aktionäre leer ausgehen, die Familie würde eine Prämie kassieren.

Dieses Vorgehen, das hat Alfred N. wiederholt zum Ausdruck gebracht, war ihm zuwider. Mit Blick auf die Geschehnisse bei Sika bekräftigte er sein Bedauern, dass die Übernahmekommission 2015 die Einführung einer «Opting in»-Klausel zum Schutz der Minderheitsaktionäre abgelehnt hat. «Wir werden an diesem Thema weiterarbeiten», fügte er an und betonte: «Schindler wird mit Sicherheit kein Fall Sika.»

Roman Schenkel

«Auf dem Rücksitz steuern ist verboten»

Nachfolge rom. Schindler-Präsident Alfred N. Schindler erklärt im Interview, was die Gründe für den Rücktritt sind und wie er es mit dem Loslassen hat.

Herr Schindler, was gab den Ausschlag für Ihren Rückzug?
Alfred N. Schindler: Die Firma ist heute sehr gut positioniert – und zwar auf mehreren Ebenen. Wir haben starke Nachwuchskräfte. Die zehn wichtigsten Leute bei Schindler haben 20 Jahre und mehr Erfahrung in der Firma und in der Branche. Das sind Leute, die wir seit Jahren kennen, sie sind zudem äusserst loyal. Die Situation für einen Wechsel ist momentan ideal. Hinzu kommt die Biologie: Ich bin nächstes Jahr 68, es ist also höchste Zeit für eine Nachfolgeregelung.

Sie treten nicht sofort zurück, sondern erst im nächsten Jahr.
Schindler: Die ganze Rochade wurde nicht aus dem Ärmel geschüttelt, sondern lange Zeit in verschiedenen Szenarien vorbereitet. Wir haben das mit den Direktbetroffenen, mit dem Verwaltungsrat und natürlich auch mit den Hauptaktionären diskutiert. Alle ziehen am gleichen Strick. Ich bin sehr dankbar, dass das so ist. Nach 40 Jahren Herzblut möchte ich mich nicht verabschieden, ohne dass sich die Mitarbeitenden sicher fühlen.

Haben Sie schon bei der Ernennung von Silvio Napoli zum CEO 2013 geahnt, dass er dereinst Ihr Nachfolger werden könnte?
Schindler: Ich habe Herrn Napoli vor über 20 Jahren beim Anstellungsgespräch gesagt: «Jeder bei uns hat die Chance, CEO zu werden, wenn er es richtig macht. Wenn Sie das Geschäft kennen, Dynamik haben und Charakter, dann können Sie CEO und natürlich auch Präsident werden.»

Loszulassen fällt Ihnen gar nicht schwer?
Schindler: Loslassen ist etwas vom wichtigsten im Leben. Aufbau, Kampf, Ambitionen, das ist alles sehr wichtig. Aber loslassen ist der Schlüssel zum Glück. Wenn Sie das nicht können, machen Sie Fehler, und zwar dramatische. Ich bin überzeugt, dass der heutige Schritt der richtige ist.

Der Wechsel auf dem CEO-Posten folgt sehr schnell.
Schindler: Ich habe es ja 26 Jahre lang gemacht, das ist nicht gesund. Nach sechs bis sieben Jahren haben die Leute normalerweise genug.

Jetzt ist es aber eine viel kürzere Periode. Weshalb?
Schindler: Weil die Rochade sonst nicht aufgeht. Unsere Führungskonstellation ist einmalig: Wir haben einen alten Verwaltungsratspräsidenten, brillante Leute, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sowie eine neue Welt, die viele Herausforderungen mit sich bringt. Vergessen Sie nicht: Heute werden sechs bis sieben von zehn Aufzügen zwischen Bombay, Seoul und Hongkong verkauft. Wir haben mit Herrn Napoli und Herrn Oetterli Führungskräfte im Management, die ihre Sporen abverdient haben. Die sind parat. Es wäre unverantwortlich, die Übergabe jetzt nicht einzuleiten.

Sie werden auch ab 2017 als «normaler» Verwaltungsrat eine starke Figur bei Schindler bleiben. Ihr Rücktritt als Präsident ist doch nur ein Rückzug aus dem Scheinwerferlicht.
Schindler: Nein, es ist ein kompletter Rückzug. Ich bin nicht mehr operativ tätig.

Aber im Hintergrund werden Sie sicher weiterhin auch gewisse Fäden ziehen. Wissen Sie schon, wie Sie diese Rolle spielen werden?
Schindler: Ich werde mich vor allem um meine Gesundheit kümmern und um mein Family-Office. Natürlich stehe ich zur Verfügung. Aber Fäden ziehen müssen die da (zeigt auf Silvio Napoli, Thomas Oetterli und Karl Hofstetter). Auf dem Rücksitz steuern ist bei Schindler verboten.