Machtkampf um Luzerner Stahlhersteller Schmolz+Bickenbach: Jetzt spricht Aktionär Martin Haefner

Der Luzerner Stahlhersteller Schmolz+Bickenbach braucht dringend frisches Kapital – sonst droht der Konkurs. Amag-Erbe und Aktionär Martin Haefner erklärt seinen Rettungsplan.

Maurizio Minetti
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Martin Haefner (65) in seinem Büro in Cham. (Bild: Dominik Wunderli, 26. November 2019)

Martin Haefner (65) in seinem Büro in Cham. (Bild: Dominik Wunderli, 26. November 2019)

Grauer Anzug, Aktentasche, Brille. Wer Martin Haefner trifft, sieht in ihm eher den Mathematiklehrer, der er bis vor 14 Jahren auch tatsächlich war, als einen der reichsten Schweizer und Besitzer des wichtigsten Autoimporteurs Amag. Der im luzernischen Horw wohnhafte Zürcher meidet normalerweise die Öffentlichkeit und kann die Interviews, die er in seinem Leben gegeben hat, an einer Hand abzählen.

Nun aber äussert sich Haefner erstmals ausführlich zum Machtkampf beim angeschlagenen Luzerner Stahlhersteller Schmolz+Bickenbach (S+B). Dem Unternehmen mit weltweit 10'000 Arbeitsplätzen – davon über 700 im Stahlwerk in Emmenbrücke LU – droht der Konkurs (siehe Box unten). Seit Monaten tobt bei S+B ein Streit zwischen Haefner und dem russischen Investor Viktor Vekselberg, der über die von ihm kontrollierte Liwet mit einem Anteil von knapp 27 Prozent grösster S+B-Aktionär ist. Haefner, der aktuell 17,5 Prozent der Aktien besitzt, will den Stahlhersteller mit mindestens 325 Millionen Franken sanieren – dafür aber künftig einen Anteil von 37,5 Prozent besitzen. Der Einfluss von Vekselberg soll dabei zurückgebunden werden.

Immobilien spielen keine Rolle

Doch welche strategischen Absichten hat Martin Haefner? Der ehemalige Chef des Luzerner Stahlwerks, André von Moos, hatte vor einem Monat im Gespräch mit unserer Zeitung gemutmasst, Haefner interessiere sich vor allem für die potenzielle Umnutzung des riesigen Areals von Swiss Steel in Emmenbrücke. Haefner widerspricht dem: «Ich bin weder Immobilienspekulant noch Immobilienentwickler. Eine mögliche Umnutzung des Areals spielt zum jetzigen Zeitpunkt für mich überhaupt keine Rolle», sagt er bei einem Besuch unserer Zeitung in seinem Büro in Cham.

Seiner Meinung nach ist die Lage des Stahlwerks zudem «nicht unbedingt die attraktivste» für Wohnungen oder Firmen. Was also hat er vor? «Ich bin der langfristig denkende und handelnde Ankeraktionär, den Schmolz+Bickenbach dringend braucht», sagt Haefner. S+B habe in den letzten zehn Jahren immer von der Hand in den Mund gelebt, und Streitereien unter den Grossaktionären seien an der Tagesordnung. «Es ist Zeit, Ruhe und Stabilität ins Unternehmen zu bringen», so Haefner. Und hierfür sei die Kapitalerhöhung unerlässlich.

US-Sanktionen könnten auch Amag treffen

Liwet als grösste Aktionärin von S+B soll dabei aber zurückgebunden werden. Warum? Haefner spricht von einem gordischen Knoten, den man durchschlagen müsse. «Gewisse Grossaktionäre haben der Gesellschaft in der jüngsten Vergangenheit nicht gut getan. Die Konstellation stimmt nicht mehr.»

Er sieht das Hauptproblem darin, dass Viktor Vekselberg auf der US-Sanktionsliste steht. Letztes Jahr musste der russische Investor darum seine Anteile an S+B und Oerlikon reduzieren, damit die Firmen nicht auch noch ins Fadenkreuz der USA gerieten. Haefner gibt aber zu verstehen, dass seiner Meinung nach Viktor Vekselberg weiterhin ein Risiko darstellt. «Meine Anwälte haben mich sehr deutlich darauf hingewiesen, dass in bestimmten Fällen US-Sanktionen auch auf meine Person oder auf Amag zurückfallen könnten», sagt er, und ergänzt: «Ausserdem haben die Banken signalisiert, dass sie eine Erhöhung der Beteiligung von Liwet nicht goutieren würden.»

Liwet wehrt sich gegen die Verwässerung

Die Seite von Viktor Vekselberg stellt sich allerdings auf den Standpunkt, Liwet selber stehe nicht auf der Sanktionsliste und müsse gleich behandelt werden wie all die anderen Aktionäre. Darum wehrt sich das Unternehmen gegen die Verwässerung. Ausserdem kritisiert Liwet, dass der Sanierungsplan nicht vom Management sondern von Haefner vorgelegt worden ist. «Das stimmt so nicht, der Sanierungsplan wird zurzeit von externen Experten zusammen mit den kreditgebenden Banken entwickelt. Aber ausser mir gibt es niemanden, der bereit ist, das nötige Kapital zur Verfügung zu stellen, um die Firma zu retten», entgegnet Haefner.

325 Millionen Franken Eigenkapital seien jedoch das Minimum, das die Gesellschaft brauche. «Wir setzen darauf, dass sich auch die Einzelaktionäre an der Kapitalerhöhung beteiligen werden», sagt Haefner. Aktuell beträgt der Streubesitz 45,5 Prozent. Wie diese Aktionäre abstimmen werden, wird man an der ausserordentlichen Generalversammlung vom nächsten Montag sehen. Für Haefner ist die Situation klar: «Wenn die Kapitalerhöhung am 2. Dezember scheitert, ist der Gang zum Konkursrichter unvermeidlich.»

Taumelnder Stahlriese

Schmolz+Bickenbach (S+B) ist neben Stahl Gerlafingen der einzige noch existierende Stahlkocher in der Schweiz. Am Luzerner Hauptsitz beschäftigt S+B 60 Personen, im Stahlwerk in Emmenbrücke LU sind es über 700, davon 550 bei Swiss Steel und 170 beim Verarbeiter Steeltec. Die Firma geht auf die 1842 gegründeten von Moos’schen Eisenwerke zurück.

Das Stahlgeschäft ist zyklisch und reagiert auf geopolitische Veränderungen. So ist S+B stark von der Abkühlung in der Autoindustrie betroffen, ausserdem leidet S+B unter dem chinesisch-amerikanischen Handelsstreit. Im letzten Quartal resultierte ein Verlust von 419,9 Millionen Euro – das Unternehmen braucht dringend frisches Kapital. Laut Firmenangaben droht gar unmittelbar der Konkurs. Der Verwaltungsrat schmiedet seit dem Frühjahr Sanierungspläne. Im August zeigte sich dann Vizepräsident Martin Haefner, der 17,5 Prozent der Anteile besitzt, bereit, 325 Millionen Franken einzuschiessen. Allerdings nur unter drei Bedingungen: Dass er nach einer entsprechenden Kapitalerhöhung mindestens 37,5 Prozent der Aktien besitzt, er den übrigen Aktionären kein Übernahmeangebot machen muss und der Anteil des bisher grössten Aktionärs Liwet eingeschränkt wird. Hauptaktionär von Liwet ist der russische Investor Viktor Vekselberg, der auf der US-Sanktionsliste steht. Liwet selbst steht nicht auf der Sanktionsliste.

Haefner hat klar gemacht, dass er nicht von den oben genannten drei Bedingungen abrücken wird. Allerdings hat die Übernahmekommission die Sanierungspläne abgewiesen. Es gebe Möglichkeiten zu einer Sanierung, ohne dass die Beteiligungsgrenze durch einen Aktionär überschritten werde, so die Begründung. S+B hat dagegen bei der Finanzmarktaufsicht Finma Rekurs eingelegt. Diese kann Ausnahmen von der Angebotspflicht gewähren, wenn die Beteiligungspapiere zu Sanierungszwecken erworben werden. Jedoch drängt die Zeit: Die S+B-Aktionäre sollen am 2. Dezember an einer ausserordentlichen Generalversammlung über die Kapitalerhöhung entscheiden. «Es ist klar, dass wir den Fall mit grosser Dringlichkeit behandeln», sagte ein Finma-Sprecher am Dienstag. Auch auf politischer Ebene gibt es Bewegung. Der Luzerner SVP-Nationalrat Franz Grüter erwartet von der Finma, dass sie «schnell und unbürokratisch diese Ausnahme genehmigt, um die Arbeitsplätze zu retten.» Am Dienstag erhielt S+B zusätzliche Unterstützung vom Branchenverband Swissmem. Angesichts der dramatischen Lage von S+B sei es «unverständlich», dass die Übernahmekommission eine Ausnahmeregelung zu einem Pflichtangebot verweigere. 

Schmolz+Bickenbach-Grossaktionär Haefner macht Konzessionen

Im Machtkampf zwischen den Grossaktionären beim Stahlhersteller Schmolz + Bickenbach (S+B) macht Martin Haefner Konzessionen. Der Amag-Besitzer verzichtet auf die Bedingung, an der ausserordentlichen Generalversammlung vom 2. Dezember zwei Kandidaten als neue Mitglieder in den Verwaltungsrat wählen zu lassen.